Der Präsident der USA ist ein Virtuose der Gekränktheit. Als er im April 2025 die Bühne betrat, um den hundertsten Tag seiner zweiten Amtszeit zu markieren, war die Stimmung nicht feierlich, sondern konfrontativ. Die meiste Redezeit nutzte Donald Trump dazu, auf seinen Vorgänger einzuhauen, Lügen über die Wahl von 2020 zu wiederholen, die Presse zu denunzieren und Gefahren durch Einwanderer, «radikale linke Verrückte» und korrupte Eliten heraufzubeschwören. Ein vertrauter Ton: wütend, verbittert, gekränkt. Selbst im Sieg lag der Fokus auf Feinden und Vergeltung.
Küchenpsychologische Pathografien über den Mann im Weissen Haus sind schon fast ein Ritual im journalistischen Kommentariat – aber ebenso platt wie ablenkend. Aufschlussreicher ist es, in solchem Verhalten einen politischen Stil auszumachen: die Politik der Gekränktheit.
Unterschiedliche Kontexte, gleiches Muster
Man kann sie vielerorts beobachten. Meist verbindet sich mit der Gekränktheit der Ruf nach Wiedergutmachung, der Appell, eine vermeintlich verlorene historische Grösse wiederzuerlangen. In den USA verkündet die MAGA-Bewegung diesen Anspruch. In Indien strickt Narendra Modi am Narrativ der Emanzipation von «Eliten» und kolonialer Unterdrückung. Viktor Orbán in Ungarn erzählt Geschichten über Fremdherrschaft – von den Habsburgern über die Nazis und Sowjets bis zur «Hegemonie» Brüssels.
Die chinesische Führung unter Xi Jinping spricht vom «Jahrhundert der Demütigung», in dem die USA, Japan und andere Länder die Rückkehr Chinas zum alten Grossmachtsstatus hätten verhindern wollen. Wladimir Putin wiederum pflegt seine Gekränktheit über die Missachtung russischer Grösse nach dem Ende des Kalten Krieges und träumt von einem neuen eurasischen Reich. Und auch in den Köpfen von Islamisten wabert das Motiv kollektiver Erniedrigung. Unterschiedliche Kontexte, gleiches Muster.
Der Dreischritt der Demagogie
Es ist altbekannt. Der britische Psychiater Roger Money-Kyrle besuchte in den 1930er Jahren Versammlungen der Nationalsozialisten und beobachtete die Psychodynamik bei Reden von Hitler und Goebbels. Er stellte dabei einen einfachen Steigerungsdreischritt fest: Gekränktheit – Verfolgungswahn – Grössenwahn.
Der erste Schritt besteht darin, in der Zuhörerschaft ein Gefühl der Erniedrigung, des Ausgenutztseins, der Ohnmacht zu erzeugen. In einem zweiten Schritt werden die Verursacher identifiziert und benannt: der «Feind», den man für die Übel verantwortlich macht. Und drittens preist man eine vermeintliche Kur gegen dieses Übel an, die meist darin besteht, dem Publikum ein Gefühl der Allmacht zu verleihen, wenn es sich nur dem Führer anschliesst.
«Jeder Zuhörer fühlte einen Teil der Allmacht in sich selbst. Er wurde in eine neue kollektive affektiv aufgeladene Dynamik überführt. Das herbeigeführte Selbstmitleid ging über in Paranoia, und die Paranoia ging über in Grössenwahn», beschreibt Money-Kyrle das Crescendo dieser emotionalen Eskalation.
Die politische Kapitalisierung des Gefühls
Gekränktheit, Erniedrigtsein, Ressentiment – es geht nicht um das Gefühl selbst, sondern um dessen politische Kapitalisierung. Peter Sloterdijk spricht deshalb von «Zornbanken». Sie akkumulieren Frustration und Gekränktheit und lenken ihre Energien in entsprechende Bewegungen. Die Politik der Gekränktheit operiert dabei mit strategischer Perfidie. Auch wenn sich ihr Versprechen nicht auszahlt, so vertröstet sie ihre Kundschaft auf einen späteren Zeitpunkt der Abrechnung – und hält dadurch den Affekt am Köcheln.
Gegen Gekränktheit lässt sich im Übrigen nicht argumentieren. Widerspruch gilt schnell als weitere Kränkung. Und was als Kränkung zählt, bestimmt die gekränkte Person selbst. So entsteht ein Klima, in dem subjektive Verletztheit und identitäre Betroffenheit öffentliche Debatten fermentieren. Und vor allem: Gekränktheit sucht überall Schuldige, auf die man zeigen und – besser noch – einhauen kann.
Solidarität durch Animosität
Hinzu kommt ein Weiteres. Gekränktheit solidarisiert. Unter dem Ruf «Man hört uns nicht!» können sich unterschiedlichste Menschen solidarisieren. Die AfD, lese ich, sammelt Wähler aus allen sozialen Schichten und politischen Milieus – gemeinsam ist ihnen das Gefühl, in ihrer Lebensweise nicht ernst genommen zu werden. Sie bilden eine«Kollektivperson» und erheben Anspruch auf Anerkennung – andernfalls drohen sie der Gesellschaft mit Unfrieden und Krawall. Die Zugehörigkeit definiert sich dabei über den Anderen, den Gegner, den Feind. «Wir arbeiten, die anderen profitieren.» Das ist Banden-Solidarität – Zusammenhalt durch Animosität.
Gekränktheit ist dabei kein exklusives Ressentiment autoritärer oder rechter Bewegungen. Auch progressive Anerkennungspolitiken operieren mit Narrativen der Verletzung, der Unsichtbarkeit, des Überhörtwerdens. Der entscheidende Unterschied liegt in der politischen Übersetzung der Kränkungen: Werden sie zur Erweiterung von Rechten und Teilhabe mobilisiert oder zur Legitimation von Ausschluss, Feindmarkierung und moralischer Überhöhung der eigenen Gruppe?
Versagte Anerkennung
Gekränktheit wächst aus der Erfahrung versagter Anerkennung. Sie hat zwei unterschiedliche Quellen. Erstens die soziale und ökonomische Realität des Nicht-Anerkanntseins: Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen und Schikanen aufgrund von Herkunft, Hautfarbe oder Geschlecht. Zweitens das Gefühl des Nicht-Anerkanntseins, resultierend aus Erwartungen an die Realität. Solche Erwartungen wurden in den letzten Jahrzehnten zunächst durch den Mauerfall, dann durch das Versprechen globalen technischen Fortschritts und wirtschaftlichen Aufschwungs geschürt – die Aussicht auf ein besseres, freieres, glücklicheres Leben für alle.
Doch ein Versprechen ist keine Garantie. Man kann es als Dialektik der Globalisierung betrachten, dass das Spektrum der Chancen sich nicht für alle gleich erweitert hat. Das Gefühl des Nicht-Anerkanntseins wächst mit unerfüllten Aufstiegshoffnungen. Dieses Gefühl erfasst inzwischen auch die Mittelschichten, das soziale Stützgewebe demokratischer Ordnungen, nicht nur in Asien oder Afrika, sondern ebenso in den USA.
Der American Way of Life gilt nicht länger als verlässlicher Weg nach oben. MAGA ist auch eine Bewegung von Im-Stich-Gelassenen – etwa von Arbeitern, die vor geschlossenen Fabriken stehen, sich von Einwanderern bedroht und von Eliten «gedemütigt» sehen. Die Frustration, die aus unerfüllten Erwartungen resultiert, besitzt ein hochgradig spaltendes Potenzial. Dass politische Sprache selbst Kränkungen erzeugen kann, zeigte Hillary Clinton 2016, als sie Teile der Trump-Wählerschaft als «basket of deplorables» bezeichnete.
Stresstest der Demokratie
Versagte Anerkennung, enttäuschte Versprechen, soziale Unsicherheit, schwindende Zukunftsperspektiven – ein Stresstest der Demokratie. Aus der Gekränktheit speist sich der besondere politische Stil des Populismus. Er verheisst nicht Lösungen, kein konkretes Programm, er bedarf auch keiner Argumente. Er ist vielmehr eine Rebellion im Namen eines diffusen Volkswillens gegen «Eliten» oder «volksferne» Institutionen wie zum Beispiel jene der EU.
Der deutsche Historiker Jörg Baberowski vertritt die These, der Populismus sei «eine demokratische Antwort auf undemokratischen Liberalismus. Er ist das Symptom einer Krise der Repräsentation, die das politische Gefüge tiefgreifend erschüttert. Wo die Volkssouveränität nur noch als Wortspiel ohne gesellschaftliche Resonanz empfunden wird, haben solche Bewegungen leichtes Spiel, sich selbst für die Verkörperung des Volkswillens auszugeben.» Viele Menschen – Abgehängte, Arbeitslose, Randständige - sähen sich durch die politischen Vertreter nicht mehr repräsentiert. Das Volk wählt seine Repräsentanten, aber dann entscheiden diese. Und so etwas nennt sich «Volksherrschaft»? Wo bleibt da der Souverän?
Die repräsentative Demokratie repräsentiert immer weniger. Die Politik wird zu einer Sache von «Profis», und die reden vor allem untereinander, gelegentlich inszenieren sie «Öffentlichkeit» als Abendunterhaltung in Fernseh-Arenen. Der verstorbene Jürgen Habermas hat absichtlich polemisch von «Refeudalisierung» gesprochen. Man kann auch sie als Kränkung interpretieren. Demnach würden sich im Populismus die Stimmen all jener vereinigen, die sich nach «gerechten Verhältnissen und Anerkennung» sehnen, jedoch keine Resonanz im bürokratisierten und «rechtsstaatlich eingehegten liberalen» Raum finden.
Diese Diagnose ist unbequem, aber nötig. Sie zwingt dazu, die Politik der Gekränktheit nicht nur zu kritisieren, sondern ihre Voraussetzungen ernst zu nehmen. Wer sie verstehen will, muss die Aufmerksamkeit auf die Zustände lenken, aus denen das Ressentiment seine Energie bezieht – und nicht so sehr auf die politischen Schmierenkomödianten, die ihre Wählerschaft wie Motten ans Licht ziehen, um sie hinters Licht zu führen.