Aus der Sammlung des Kunstmuseums Winterthur zeigt die Villa Flora, das Haus des Sammlerpaars Hedy und Arthur Hahnloser, die thematische Ausstellung «Tout est lumière»: die Inspiration des Südens in der französischen Kunst zwischen etwa 1880 und 1930.
1864 wird die Bahnlinie von Marseille bis Nizza und fünf Jahre später bis Menton fertiggestellt. Die vordem weltabgelegenen Orte sind nun von Paris aus mit dem Zug zu erreichen. Fortan ist es nicht mehr nur der englische Adel, der von der Schönheit der Côte d’Azur weiss und die Gegend bereist. Die Bahnverbindung erschliesst die Mittelmeerküste auch für vermögende Leute aus Paris und anderen französischen Städten.
Es dauert nicht lange, bis es auch die Pariser Künstler in den Süden zieht. Licht und Farben locken sie aus der grauen Metropole. Schon 1870 kehrt Cezanne aus Paris in seine Heimat Aix-en-Provence zurück. Van Gogh reist 1888 südwärts. Für beider Werk ist der Wechsel entscheidend: Die Bilder werden heller und farbiger. Das Malen im Freien lehrt sie, dass Schatten nicht grau oder schwarz sind, sondern mit den Farben der Umgebung interagieren.
Um 1904/05 zieht mit Henri Manguin und Albert Marquet eine nächste Künstlergeneration an die Côte d’Azur. Manguin ist mit Hedy und Arthur Hahnloser befreundet und verschafft ihnen Kontakte zu Malern für den Aufbau ihrer Kunstsammlung in der Villa Flora. Zwar bleibt er ein lebenslanger Bewunderer Cezannes, doch Manguin geht künstlerisch eigene Wege, wie das Bild «Sieste» (oben) zeigt. Während Cezanne in seinem Alterswerk um die Jahrhundertwende durch das Komponieren von «Taches» auf der Leinwand das Gegenständliche beinahe auflöst, hält Manguin an figurativen, erzählenden Bildern fest.
Sein grossformatiges Gemälde «Sieste» von 1905 evoziert die Stimmung eines sonnigen Nachmittags, wahrscheinlich im Garten von Manguins Villa Demière in Malleribes. Auf ihrem Liegestuhl im Schatten der Bäume schläft eine junge Frau. Ihre rote Jacke hat sie an die Stuhllehne gehängt. Zwischen dem Geäst geht der Blick über den Golf von St. Tropez zu den blauen Hügeln des Festlands. Diesseits des Meeres knapp sichtbar einige weisse Häuser. Das Rot ihrer Dächer antwortet auf jenes des herabhängenden Kleidungsstücks. Trotz dieses Durchblicks ins Weite liegt die Aufmerksamkeit ganz auf dem Nahbereich mit seiner intimen Szenerie. Sie ist von dem aus Stämmen und Ästen gebildeten Bogen umfasst, der sich über die Schläferin schwingt. Der von Sonnenkringeln durchspielte schattige Bildraum zeigt eine abgeschirmte private Welt, in der tiefe Ruhe herrscht.
Erzählende Malerei
Die Schlafende wird im Bildtitel manchmal auch als «Jeanne» identifiziert. Auch ohne diesen Hinweis auf eine vertraute Beziehung zwischen Maler und Modell liest man das Gemälde nicht nur als Szene, sondern auch als Zeugnis von Intimität. Jeanne lässt sich durch die Anwesenheit des Malers und seinen forschenden, notwendigerweise etwas indiskreten Blick, auch durch das leise Geklapper seiner Pinsel und den Geruch der frischen Farben nicht stören.
Das Bild schildert einerseits die Situation einer sommerlichen Siesta , erzählt aber andererseits auch von seiner Entstehung, indem es die Anwesenheit des Künstlers samt Staffelei und Malutensilien voraussetzt. Der Betrachter braucht sich sozusagen nur umzudrehen in diesem Bildraum, in den er einbezogen ist, und schon sieht er Henri Manguin beim Malen. Man kann das Bild nicht ohne Wahrnehmung dieses Einvernehmens zwischen der Ruhenden und dem Künstler lesen und wird dadurch zum beobachtenden Dritten in dieser Szenerie. Manguins gemalte Erzählung ist von einer Dichte und Vielschichtigkeit, die an Prousts Romanwerk erinnert.
Cezanne hat in seinem Spätwerk eine radikale Hinwendung zu den Elementen und Basics des Bildermachens vollzogen. So ist etwa sein berühmtes Sujet der Montagne Sainte Victoire letztlich bloss ein Anlass zum immer wieder neuen Malen. Manguin macht diese Wende nicht mit. In seiner Malerei geht es zwar – wie bei allen Modernen seiner Zeit – durchaus prominent um das Spiel der Farben und Formen, aber es geht eben auch um Szenen und Geschichten. Die Entwicklungen der Kunst gehen nicht in nur eine Richtung; sie greifen auf Früheres zurück, verbinden es mit Avantgarden, amalgieren Gegenläufiges zu neuen Ausdrucksformen, die später wieder in Neues einfliessen – in Manguins Fall in den Fauvismus, der in seinem Werk schon zu ahnen ist.
Endlich vereint: zwei van Goghs von 1888
Die in die Villa Flora sozusagen hineingemischte Ausstellung «Tout est lumière» (die im Haus unter diesem Thema firmierenden Bilder sind auf den Werkangaben mit einer kleinen Sonne markiert) nutzt die Möglichkeiten des Winterthurer Museumskonzept, welches drei Häuser unter einer Leitung vereint und die Schätze von Kunstmuseum, Museum Reinhart und Villa Flora zum gemeinsamen Bilderpool gemacht hat. Der auf Ende 2026 zurücktretende Direktor Konrad Bitterli sagte beim Presserundgang, er habe sich mit der aktuellen Ausstellung den persönlichen Wunsch erfüllt, zwei van Goghs nebeneinander zu zeigen, von denen einer als Prachtstück in der Flora, der andere als herausragendes Werk der Sammlung im Kunstmuseum seit jeher ihre festen Plätze haben.
Da nun die beiden Bilder in der Villa Flora temporär vereint sind, erinnert Bitterli daran, wie sie nach Winterthur gelangten. Als Hedy und Arthur Hahnloser erfuhren, dass in Amsterdam eine bedeutende Sammlung mit van Goghs zur Auktion gelangte, schickten sie ihren Sohn, ausgestattet mit einem stolzen Budget, auf Einkaufstour. Dieser kam mit den beiden Bildern zurück, hatte aber das Budget grandios überzogen. Beide Werke konnten sich die Hahnlosers gerade nicht leisten, und so musste das eine davon verkauft werden. Zum Glück ging es an Emil Hahnloser, einen Verwandten und Winterthurer Sammler, der es später dem Kunstmuseum schenkte. So wurden die beiden van Goghs getrennt, blieben aber in der Stadt. Das Konzept der vereinten Museen macht es nun auf einfachem Wege möglich, sie gemeinsam zu zeigen.
Die Gemälde, 1888 kurz nach van Goghs Übersiedlung in den Süden entstanden, sind in Motiv und Bildaufbau eng verwandt. Beim «Semeur» erscheint im Unterschied zu anderen Sämann-Bildern van Goghs die Figur hier in Mitteldistanz. Hauptthema ist der Acker, ein malerisch eigentlich maximal nichtssagendes Sujet. Van Gogh macht es zu einem Fest der Farben und freien Pinselführung. Er selber schrieb dazu: «Im Süden werden die Sinne geschärft. Die Hände werden wendiger, das Auge aufmerksamer und das Denken klarer.»
Gleiche Bildstruktur bei «Soir d’été». Allerdings herrscht hier nicht Natur pur. Der Abendhimmel zeigt nicht nur den romantisch aufgehenden Mond, sondern auch den Rauch, der aus den Schloten der Fabrikanlagen am Horizont aufsteigt. In einigen Häusern der Stadt am oberen Bildrand sind schon die Lichter angegangen. Bauer und Bäuerin stehen als kleine Figuren dicht beieinander am Rand des Getreideackers, auf den sie blicken. Über das Feld, das die unteren zwei Drittel des Bildraums einnimmt, streicht der Wind und lässt im Gold der Ähren die Farbtöne wellenförmig wechseln. Auch van Gogh ist ein Erzähler.
Ausserdem sind in der kleinen Sonderausstellung «Tout est lumière» zu entdecken: Paul Cezanne, Auguste Renoir, Édouard Vuillard, Pierre Bonnard, Albert Marquet, Kerr Xavier Roussel, Henri Matisse.
Kunst Museum Winterthur, Villa Flora
bis 30. August 2026
kuratiert von Konrad Bitterli, Andrea Lutz, David Schmidhauser