Zwängerei

Heiner Hug's picture

Zwängerei

Von Heiner Hug, 17.05.2017

Ich habe einen Freund. Er heisst Fredy und hat ein Problem. Er fährt einen Rolls-Royce.

Er muss sich viel gefallen lassen, wenn er mit seinem Panzer vorfährt. „Impotenter Wichtling“ ruft man ihm nach. „Was müssen Sie kompensieren?“ fragte ihn kürzlich eine Frau. Einmal fand er einen Zettel unter dem Scheibenwischer: „Bluffer, armseliges Schwein, Hochstapler, sexuell auf dem Trockenen.“

Fredy ist kein Bluffer, auch kein armseliges Schwein. Und impotent wohl auch nicht. Er ist intelligent, eher ruhig, hat eine attraktive, ebenso intelligente Frau. Auch sie: keine Blufferin.

Bubentraum

Aber Fredy wollte sich nun einmal einen Bubentraum erfüllen. So kaufte er einen Rolls. „Occasion“, betont er immer wieder, als ob er sich doch ein wenig schämte.

Doch mit einem Rolls trägt und fährt man eine schwere Bürde. Fredy findet nie einen Parkplatz.

Der sechs Meter lange und zwei Meter breite „Best Car in the World“ ist einfach zu lang und zu fettleibig für unsere Parklücken.

Die Fiat 500er-Parkhäuser

Oft fährt Fredy eine halbe Stunde durchs Quartier, vorbei an leeren Parkplätzen, die für seinen Rolls „Phantom“ zu kurz sind. Den Beginn des Films verpasst er immer wieder. Hat er einen Termin in der Stadt, macht er sich 40 Minuten früher auf den Weg als ein Renault- oder VW-Fahrer. Wie oft habe ich auf Fredy gewartet und gewartet. Auch Parkhäuser meidet er. „Die sind für Fiat 500 gebaut“, sagt er.

Und dann die Parkfelder! Die Parkhausbetreiber wollen möglichst viele Autos in ihre Park-Grotten zwängen, um möglichst viel Geld zu verdienen. Folge ist, dass nicht nur SUVs, sondern auch normale Autos so nahe nebeneinander zu stehen kommen, dass man kaum ein- oder aussteigen kann. Natürlich schlägt man die Tür dem Nebenstehenden in die Karosserie. Was soll’s, Dellen gehören zum Leben.

Einstieg durch die Heckklappe

Da gibt es die Geschichte einer jungen Frau. Im Parkhaus öffnete sie die Heckklappe ihres Autos und kletterte mühsam über den hinteren und dann über den vorderen Sitz – nur weil sie die Seitentür nicht mehr öffnen konnte.

Am Zürcher Hauptbahnhof – direkt gegenüber dem Landesmuseum – wurden jetzt Parkplätze geopfert, damit die anderen verbreitert werden konnten. Dort hätte Fredys Dickwanst Platz. Doch die Parkdauer dauert hier höchstens 30 Minuten (für 4 Franken) – etwas kurz für ein Abendessen im Kreis 4 oder 5.

Ideologisches Gewitter

Zudem: Eine Verbreiterung und damit ein Abbau von Parkplätzen löst sofort ein ideologisches Gewitter aus. Die Grünen und die Linken wollen am liebsten die Autos aus der Stadt verbannen. Andere kämpfen dagegen, weil sie Nachteile für das Gewerbe fürchten. Also: keine Verbreiterung der bestehenden Plätze. Die Zwängerei im Parkhaus und auf den Parkplätzen geht weiter.

Kürzlich hatte Fredy zuerst Glück und dann Pech. Da fand er in der Innenstadt gleich zwei freie Parkplätze nebeneinander. Dort konnte er seine Sechs-Meter-Kutsche parkieren. Er fütterte die Parkuhren beider Parkplätze, die er belegte. Dann traf er noch einen Freund; die beiden tranken ein Bier, es wurde etwas später. Unter dem Scheibenwischer fand er dann gleich zwei Zettel: zwei Parkbussen.

Aber alles wird jetzt gut: Bald kommen die selbstfahrenden Autos. Fredy und seine Frau fahren dann mit ihrem Rolls vors Kino in der Innenstadt und steigen aus. Fredy gibt nun per Handy seinem Edelschlitten den Befehl, einen Parkplatz zu suchen. Das Gefährt fährt dann – führerlos – auf irgendein Parkfeld am Rande der Stadt, dort, wo Platz ist. Nach dem Film holt Fredy seinen Wagen – per Handy-Befehl - wieder zurück. Ohne Mensch am Steuer fährt der Rolls vors Kino – und Fredy und seine Frau steigen ein.

Was brauchen wir noch breitere Parkfelder?

Ähnliche Artikel

Kommentare

Die Redaktion von Journal21 behält sich vor, Kommentare gekürzt oder nicht zu publizieren. Dies gilt vor allem für unsachliche und themenfremde Beiträge sowie für Kommentare, die ehrverletzend oder rassistisch sind oder anderweitig geltendes Recht verletzen. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Ihr Freund sollte einen Chauffeure einstellen.

Ich wurde Anfang der 80er in Zürich von der damaligen Bewegung der „Unzufriedenen“ mit Eiern und Bierflaschen beworfen, weil ich mich mit Roger Schawinskis „Radio 24“ eingelassen hatte. Es hiess, ich sei ein „Kapitalisten-Schwein“. Ich hab's überlebt.

Polo Hofer, gestorben am 22. Juli 2017

Newsletter kostenlos abonnieren