Zum Glück gibt’s Merkel

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Zum Glück gibt’s Merkel

Von Gisbert Kuhn, Bonn - 14.07.2018

Fast sturzbachartig prasselt es seit geraumer Zeit schon auf die deutsche Bundeskanzlerin herab: Vorwürfe, Anklagen, persönliche Attacken.

In den Augen ihrer Gegner gibt es nichts Negatives auf dieser Welt, an dem sie nicht schuld ist. Doch an Angela Merkel scheint alles abzuperlen.

Blitzableiter sind höchst nützliche Einrichtungen. Auf den jeweils höchsten Spitzen montiert, ziehen sie die geballten, von aussen kommenden elektrischen Ladungen an und leiten sie – in aller Regel ohne selbst Schaden zu nehmen – in neutrales Gelände ab. Na gut, mitunter sind hinterher schon einige Blessuren erkennbar. Aber die ihnen an sich innewohnenden, wirklich zerstörerischen Kräfte konnten die Blitze nicht entwickeln.

Trump, der Donnergott

Als Erfinder dieser sinnvollen Gerätschaft gilt der spätere amerikanische Gründervater und Mitarbeiter der berühmten Unabhängigkeitserklärung, Benjamin Franklin.  Das kann man durchaus als symbolhaft deuten. Denn einerseits ist mit Donald Trump heute ausgerechnet einer von Franklins Erben permanent in der Luft, zu Lande und (vor allem) elektronisch zwitschernd unterwegs, um wie Thor, der Wettergott, seine „Botschaften“ mit Blitz und Donner rund um die Erde zu schleudern. Und, andererseits, stehen in ihrer Funktion als Präsidenten oder Kanzler nun halt ebenfalls Politiker ganz oben an der Spitze und bekommen, naturgemäss, die Ergüsse aus den Trump’schen Gewitterwolken ab.

Wenn „Thor“ Trump zurzeit mit seinem Hammer auf den Amboss der (vorgeblichen oder tatsächlichen?) Empörung drischt, dann fliegen die Funken dieses Zorns zuvorderst in eine Richtung – die Heimat seiner Vorfahren, Deutschland. Und dort muss als Blitzableiter Angela Merkel fungieren, die Bundeskanzlerin. Das Verblüffende: Das ganze Theater mit verbalem Blitz und Donner scheint die Chefin des Berliner Kanzleramts überhaupt nicht zu berühren. Es perlt, sprichwörtlich, einfach an ihr ab.

Zwischen recht und lächerlich

Dabei hätte der Ober-Ami mit manchem Ärgernis gar nicht mal Unrecht. Natürlich hat (nicht nur, aber auch) Deutschland mittlerweile viele Jahre lang gern die Schlafdroge „Friedensdividende“ geschluckt und seine Verteidigungsfähigkeit in fast schon unverantwortlicher Weise lädiert. Der gegenwärtige Zustand der Bundeswehr und deren Ausrüstung ist geradezu erbarmungswürdig und eine Zumutung für die Soldaten. Auch Trumps Vorwürfe an die EU-Handelspolitik sind begründet. Zehn Prozent Zoll auf US-Autos erheben, aber selbst nur fünf Prozent jenseits des Atlantiks zu berappen – wo bleibt da die Ausgeglichenheit? Aber es ist eben immer der Ton, der die Musik macht. Und wie das Beispiel zeigt: Zwischen einem – wenn es sein muss, durchaus auch harten – Verhandeln unter zivilisierten Menschen und lächerlich-krakeelenden Ausfällen liegen mitunter leider keine Welten.

Ist es, darum, nicht prima – zum Glück gibt es Angela Merkel. Und zwar nicht bloss wegen ihres souveränen Umgangs mit dem Poltergeist aus dem Weissen Haus am Potomac. Man stelle sich nur mal vor, wie hilf- und ratlos ohne diesen Prellbock aus der Uckermark, diesen unerschütterlichen und zugleich absolut uneitlen weiblichen Blitzableiter, die riesige Schar all jener Zeitgenossen im eigenen Land dastünde, die sich Tag für Tag verzweifelt an der Kanzlerin abzuarbeiten versucht – die notorischen Querulanten, die ewigen Nörgler, die mit allem Unzufriedenen, die an jeder tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Ungerechtigkeit in der Welt Verzweifelnden, die sogar für die schwierigsten Probleme stets einfache Lösungen wissenden Universalgenies, die Weltverbesserer und Untergangsprediger, die angeblich von Merkel „Weggebissenen“ oder bloss auch nur diejenigen, die „diesen Typ“ ganz einfach nicht leiden können.

Stur oder standhaft?

Sie alle kommen in ihren Denk- und Verhaltensweisen aus ganz, ganz vielen verschiedenen Richtungen und treffen sich nur in „Einem“: In einer erbitterten Gegnerschaft zu Angela Merkel. Nun wird der beobachtende Zeitgenosse möglicherweise den – dann ohne Zweifel richtigen – Einwurf haben, dass man ihr doch zahlreiche, auch gravierende Fehler während der bereits 13 Jahre währenden Regierungszeit nachweisen könne. Na, und ob!  Nur geht es bei den hauptsächlich ja in den so genannten Sozialen Medien gegen die Kanzlerin gefahrenen Attacken zu allermeist überhaupt nicht um konkrete Kritikpunkte. Sondern sofort und mit aller Brutalität um direkte Verletzlichkeiten und auch Verletzungen. Das reicht von der Verballhornung des Namens, geht weiter über ihr Leben in der DDR (nicht selten verbunden mit der Unterstellung von Stasi-Mitarbeit) und geht dann meist in simple Äusserlichkeiten über. Die Steigerungsformen sind nach oben offen.

Kurzum, die berühmten „3 H“ machen vor Merkel nicht nur nicht halt, sondern prasseln tagtäglich geradezu sturzflutartig auf sie herab: Hass, Hetze, Häme. Merkel ist für ihre Gegnerschar schlichtweg an allem schuld – an den Problemen mit Flüchtlingen, den Zerreissproblemen innerhalb der klapprigen Berliner Koalition, den beängstigenden nationalistischen Tendenzen in diversen EU-Mitgliedstaaten, Pannen im Bereich der Inneren Sicherheit und womöglich nun auch noch an den durch die Trockenheit verursachten Missernten in Bereichen der Landwirtschaft. Doch an ihr scheint das alles abzuprallen. Sturheit oder Standfestigkeit?

Nicht nur „Verlierer“

Es ist, weiss Gott, kein schönes Spiel, das hier betrieben wird. Zumal die Heerführer der zumeist digitalen Anti-Merkel-Truppen durchweg nicht aus dem Bereich der „Zukurzgekommenen“, „Globalisierungsverlierer“ usw. kommen, sondern sehr viel mehr aus dem so genannten Bildungsbürgertum, früher „bessere Kreise“ genannt. Darum stösst auch besonders dort die von der Kanzlerin zur Schau gestellte Unerschütterlichkeit auf so grossen Ärger. Ist diese Person denn durch gar keinen Verbalangriff vom Sockel zu stürzen, ja nicht einmal ins Wanken zu bringen? Dieser Text ist, bei Gott, kein Hymnus auf Angela Merkel. Sondern einfach einmal ein Stück Anerkennung: Chapeau für solche Standfestigkeit in Zeiten von Stürmen. Eigentlich gut, dass es so etwas auch noch gibt. Nicht nur Meckern und Mosern.

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Kommentare

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Der ungarische Regierungschef gilt seit langem als Kritiker der Flüchtlingspolitik von Merkel. „Würde ich eine Flüchtlingspolitik wie Ihre Kanzlerin machen, würden mich die Menschen noch am selben Tag aus dem Amt jagen“, sagte Orban. Ungarn wolle keine Migranten aufnehmen, für die Ungarn sei ihre nationale Unabhängigkeit eine empfindliche Frage, weil das Land jahrzehntelang „besetzt“ gewesen sei, unterstrich der Ministerpräsident.

Die Migrationskrise sei auch die Schuld europäischer Politiker, die Migranten ermutigen und den Eindruck erwecken würden, dass es sich lohne loszuziehen. Um das Massensterben von Migranten auf See zu stoppen, müssten die EU-Grenzen dicht gemacht werden und Europa sollte die Menschen schon vor ihrer Reise über das Mittelmeer aufhalten. „Niemand darf reingebracht oder reingelassen werden“, betonte der Politiker. „Jeder Gerettete muss zurück nach Afrika“, so Orban. Er schlug vor, sich an Aufbauprojekten zu engagieren, die die Menschen in ihrer Heimat unterstützen würden.

Unsere Machthaberin ist nach 13 Jahren politisch abgenutzt und verbraucht. Die Kanzlerschaft sollte auf 2,Wahlperioden gesetzlich begrenzt werden. Merkel von der Wiege bis zur Bahre ist zu viel. Gut das sie keine Kinder als Nachfolger hat, sonst hätten wir noch Merkel die Zweite.

Faire Einschätzung, Herr Kuhn, die ich teile. Mich beeindrucken die - inzwischen Masse gewordenen - intelligenten Kommentatoren - in der Schweiz und in Deutschland -, welche den billigen Chor derjenigen anführen, welche alles, aber wirklich alles Frau Merkel zur Last legen. Ok, Regierungschefs sind nun mal Blitzableiter, aber das rechtfertigt die Häme, das nur noch "Weg mit ihr" nicht. Da hat sich ein Shitstorm am falschen "Objekt" hochgeschaukelt. Nicht auszudenken, was angesichts der wenig überzeugenden Alternativen bei der letzten Parlamentswahl passiert wäre (Herr Lindner hat das genau gemerkt und ist rechtzeitig abgehauen). Heute wird jede Regierung verrissen, ganz gleich welcher Ausrichtung. Irgendwie gehen da in der Öffentlichkeit immer mehr vernünftige Beurteilungs-Standards verloren.

Zahlreiche Politiker aus der zweiten Reihe fordern die Amtsenthebung Merkels.

Ja, zum Glück gibt's Merkel!!!! Standhaftigkeit, Durchhaltevermögen und Menschlichkeit. Hätten wir einen 'Heißsporn' an der Spitze, ginge es uns gelinde gesagt ganz schön an den Kragen. Dieser Hallodri aus Amerika wird sich hoffentlich die Stirn blutig an Frau Dr. Merkel stoßen, dieser 'Blimp'!! Die protestierenden Engländer und der Bürgermeister von London sind weitere gute Zeichen der Welt aufzuzeigen, welch ein Unhold die amerikanische Welt zu ertragen hat. Unsere damalige braune Pest hat sich schon mit der Arbeiterklasse eins gemacht und sie später als Kanonenfutter benutzt. Überdies hat er sie verraten, indem er mit den Großindustriellen gemeinsame Sache gemacht hat. So sind die Pläne von 'Blimp' - was ihn interessiert, ist nicht die Menschlichkeit auf welchem Gebiet auch immer, sondern die Erhöhung der amerikanischen Exporte von Kriegs- wie Energiematerial. "Nothing else is in his crooked mind".
Er hat in England wieder bewiesen, welch ein Rüpel er ist. Tatsächlich ist er vor der Queen hergegangen. Seine Körpersprache war die eines Macho. Die Queeny hat ihn aber köstlich auflaufen lassen, diesen ungehobelten Klotz. 'He got his education in a barn", sagte ein Engländer. Na wir werden sehen, wie der Zar sich gibt. Da kann ich nur an den Hitler-Stalin-Vertrag erinnern. Verträge werden gebrochen, besonders von solchen mediokren Typen.
Dieser so genannte Präsident ist gefährlich! Das spürt man doch! Make America great again, NOOOO, make America white again, das war und ist die Parole! Steter Tropfen höhlt den Stein - die ersten Erfolge im Osten, in Italien, evtl. in Schweden etc. kann man beobachten. Wir müssen uns wehren. So kann es doch nicht weitergehen. Frau May hat es schmerzlich erfahren müssen, wie sie sich auf diesen 'Jago' verlassen kann. Wollen die Politiker ihre Seele verkaufen, sich für diesen 'Goldjungen' prostituieren? Diese billigen Erpressungsversuche, das lassen unsere Politiker mit sich machen. Denken Sie daran, Steve Bannon ist in London und trifft sich mit Farage & Co. Phoenix aus der Asche, das ist seine Parole. Der liest Nietzsche, interpretiert ihn aber nach Nazi-Idiologie, nachdem die Schwester von FN seine Schriften naziidiologisch verfälscht hat.
Wie sagt Herr Macron? Fallen Sie nicht auf die Melodie der Rattenfänger/Populisten rein!!!!!!!!!!!!!!! Aber das verlangt hier und da Verzicht zu üben, ruhig zu bleiben, und den Kerl an seinem eigenen Schwung ins Leere laufen zu lassen. So machen es die Asiaten. Einige Politiker in Europa müssten das noch lernen.
Einen schönen Sonntag noch. Danke, Herr Kuhn, für den realistisch-ehrlichen Artikel. km

In der Tat, Merkels Verhalten ist für die Regierten genauso tröstlich wie unter De Gaulle 1967, Honecker 1988, Franco 1974 . Aussitzen und ignorieren sind klassische erprobte Taktiken des Machterhalts. Zu all dem gesellte sich meistens ein undemokratischer Hang zur unterwürfigen Obrigkeitsergebenheit.

Auf ein Wort: Frau Dr. Merkel mit Honecker und Franco gleichzusetzen, erstaunt mich nun sehr, empfinde es in der Tat als abwegig bis beleidigend. Ich habe einige Jahre als Deutsche in Spanien z. Z. des Franco-Regimes gelebt bzw. studiert. Als ich zurückkam, realisierte ich erst, was Freiheit und Demokratie bedeutet. Es entwickelt sich - auch in Deutschland/AfD- eine Tendenz, die erschreckt, eine Tendenz der Haltlosigkeit und Angriffslust. Haben wir es nicht schon einmal erlebt? Wir müssten klüger sein. Setzen wir nichts aufs Spiel. Frau Merkel steht momentan für B e s o n n e n h e i t ! Genau das meine ich. Viel muss verbessert werden, keine Frage, aber mit stoischer Gelassenheit. Wir dürfen uns nicht provozieren lassen, das ist genau, was der Herr Drumpf bezweckt. Der kennt die deutsche Mentalität, da er selber eine Kooperation ist. Sein Großvater ist nach Amerika ausgewandert. Sein Vater ist – entgegen DT's Lügen, in New York geboren. Was sagte Henry Miller (deutschstämmig): Wo amerikanische Politik sich einmischt, bleibt ein Scherbenhaufen übrig. Dieser Präsident macht genau das.
Ben Rhodes sagt: Es ist erschreckend, wie "la grande Dame de la Politique d'Europe" jetzt behandelt wird. Bedenklich! Im Ausland wird sie hoch geschätzt und anerkannt.
Empfehle das jüngst erschienene Buch von Philipp Blom "Was auf dem Spiel steht".

Um die Asylflut von Ungebildeten zu stoppen und um Merkel in den Ruhestand zu schicken, würde ich die AfD wählen, auch wenn an der AfD-Parteispitze nur zwei Kehrbesen wären.

Die sogenannte Asylflut ist nicht das Hauptproblem Deutschlands. Aber die AfD schafft es, dass es auf der Traktandenliste auf dem ersten Platz kommt.

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