Zu viel erfahrungsverdünnte Luft

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Zu viel erfahrungsverdünnte Luft

Von Carl Bossard, 31.05.2021

Das KV wird radikal reformiert. Dagegen regt sich Widerstand. Auch von Banken, und zwar fundamental. Braucht es diese Strukturradikalität, um zu verbessern? Pädagogische Wirkung geht von Menschen aus.

Solche Töne hört man selten: Von einer Gefahr für den gesamten Berufsstand ist die Rede und von schwerwiegenden Mängeln. Gemeint ist die grundlegende Reform der KV-Lehre und die fundamentale Kritik der Schweizerischen Bankiervereinigung und des Zürcher Bankenverbands. Beide sehen mit dem Projekt „Kaufleute 2022“ die Zukunft der Banklehre gefährdet; sie verlöre an Attraktivität. (1) „Steht die Banklehre vor dem Aus?“, wird darum pointiert und provokativ gefragt. 

Themenblöcke sollen Handlungskompetenzen vermitteln

Erst seit Kurzem sind die Konzeptdaten und die operativen Elemente öffentlich. Eine private Bildungsfirma hat die Reform ausgearbeitet; sie erfolgt primär auf der Strukturebene: Fächer wie Wirtschaft und Gesellschaft sollen wegfallen, Finanz- und Rechnungswesen sind nicht mehr zwingend. Von den Fremdsprachen ist nur noch eine nötig. Auch das Kerncurriculum Deutsch wird aufgelöst und von sogenannten „Handlungskompetenzen“ abgelöst. Die Fächer verschwinden zugunsten von Themenblöcken wie „Gestalten von Kunden- und Lieferantenbeziehungen“ oder „Interagieren in einem vernetzten Umfeld“. 

Gutes Lernen kombiniert zwei Elemente

KV-Lehrlinge sollen so vermehrt und gezielt auf den Alltag vorbereitet werden – nach den Parametern von Effizienz und Nützlichkeit: kompetenzorientiert, wie es in der Fachsprache heisst – und in selbstgeleiteter und selbstwirksamer Arbeit. Gefragt sind direkt anwendbare Kompetenzen. Dabei wird das optimistische Selbst zur Ressource seiner eigenen Wirksamkeit. Aus der Bildung der Person wird das „unternehmerische Selbst“. Wie es die Wirtschaft will.

Die Didaktik löst sich darum zunehmend in Selbstmanagement auf; die Rolle der KV-Lehrerinnen und -Lehrer verändert sich. Gefragt und entscheidend ist nicht mehr jene Lehrperson, die ein grosses Mass an themen- und sachbezogener Schüleraktivität mit einem hohen Grad an schülerorientierter Lehrersteuerung verbinden kann – wichtig wird der perfekte Arrangeur von Lernsituationen, entscheidend die blosse Lernbegleiterin. Vergessen geht, was zuverlässige Forschungsbefunde belegen: Erfolgreiches und wirksames Lernen kombiniert die zwei didaktischen Elemente lehrerzentriertes Lehren und schülerzentriertes Arbeiten – statt beide gegeneinander auszuspielen und das eine, das selbstgesteuerte Lernen, einseitig zu favorisieren.

Selbststeuerung erfreut sich ungebremster Popularität

„Das alles ist keine Re-Form, das ist eine De-Form“, schreibt ein engagierter KV-Lehrer. „Angehört worden sind wir nicht; unten können wir nur nachvollziehen, was oben ausgeheckt wurde“, meint er weiter und verweist auf die Maulkörbe, die verteilt worden sind. Nicht ohne resignativen Unterton. Er als Lehrer an der Front soll umsetzen, was ihm verordnet wird. Pädagogisches Erfahrungswissen würde schlicht negiert. Mit seiner Kritik steht er nicht allein. Sie ist an der Basis weit verbreitet. Hier im pädagogischen Feld wissen viele um die inhaltliche wie theoretische Unschärfe und Widersprüchlichkeit des Begriffs „selbstgesteuertes Lernen“ – im Gegensatz zu den Bildungsstäben. In diesen Etagen erfreut sich der Begriff ungebremster Beliebtheit – dies wohl deshalb, weil „Selbststeuerung“ Fortschritt suggeriert.

Wirkung geht von Menschen aus  

Die Reform gehe darum von Voraussetzungen aus, die gar nicht gegeben seien, kritisiert ein anderer KV-Pädagoge. „Wie steht es mit den Grundkompetenzen“, fragt er vieldeutig, „beispielsweise dem korrekten und klaren Schreiben in der Standardsprache oder dem Lesen und Rechnen?“ Bei allzu vielen Schülerinnen und Schülern, die ins KV einträten, sei dieses Können nur unzureichend ausgebildet. „Und dies nach 9 Schuljahren, wohlverstanden!“, fügt er ernüchtert hinzu – und erinnert damit an die Ergebnisse der PISA-Studien.

Die jungen Leute benötigten unsere Hilfe; sie bräuchten unser Lehren und seien auf konsequente pädagogische Führung angewiesen, betont er. Die Erfahrung zeige es. Wirkung gehe eben nie allein von Strukturen, sondern im Wesentlichen von Menschen aus. Nur im engen Dialog erzielten die Schüler Lernfortschritte – angeleitet und so zur Selbständigkeit geleitet. Autonomie sei das Ziel, aber nicht der anfängliche Weg im KV. Und genau das propagiere die Reform mit der Auflösung der Fächer und dem selbstorientierten Lernen.

Reformschritte mit Basis statt technokratischer Innovationsdiskurs

Wer die Reaktion der Verantwortlichen auf die Kritik an der Basis studiert, stösst auf drei Antworten: Die Ausbildung müsse arbeitsmarktfähig bleiben und darum den Bezug zur Betriebspraxis eng gestalten; die Berufszukunft der jungen Menschen verlange es. Nur so sei drittens der Wirtschaft gedient. Die Kompetenzorientierung entspreche im Übrigen den Anforderungen des Berufsfelds und den Tendenzen in der Schweizer Bildungslandschaft. 

Kaum zu vernehmen sind Bildungsargumente und Belege aus der empirischen Unterrichtsforschung. Fortschrittskonzepte und die zweifellos notwendigen Reformschritte müssten doch aus dem genuinen Ideenhaushalt der Pädagogik kommen; sie müssten auf dem langjährigen Know-how erfahrener KV-Lehrer aufbauen und nicht über ein radikales Innovationsdiktat aus einem engen und abgeschlossenen Zirkel kommen, wie dies bei der KV-Reform „Kaufleute 2022“ der Fall ist.

Unbekannte Reformeffekte 

Erneut wird viel versprochen. Aus der Forschung wissen wir aber, dass man die Effekte solcher Reformen im Bildungswesen nicht kennt. Es gibt, so der Bildungsökonom Stefan Wolter, Leiter der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, „so gut wie keine wissenschaftlichen Studien über ihre Wirkung. […] Ja, das ist vernichtend, aber es ist so“, fügt er nüchtern hinzu. (2) Dabei sind es allein in den letzten zwanzig Jahren schweizweit Hunderte von Reformprojekten. 

Ob durch die ungezählten Innovationen in den Schulen tatsächlich etwas besser wurde, kann niemand gesichert belegen. Eine deutliche Sprache reden nur die PISA-Studien: Seit 2009 geht es mit den Leistungen der Schweizer Jugendlichen im Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften bergab. In der Lesekompetenz sind sie sogar deutlich unter die Durchschnittswerte der OECD-Staaten gefallen und klar hinter unsern nördlichen Nachbarn Deutschland.

Die pädagogische Substanz der Probleme erfassen

Und noch etwas wissen wir: Das Hypertrophe der Versprechungen rächt sich vielfach mit der Resignation an der Basis. Es ist eine Art entfremdete Getriebenheit, die sich hier einstellt. Geführt wird von oben ein technokratischer Reformdiskurs, der sich zunehmend als unfähig erweist, die pädagogische Substanz der Probleme zu erfassen. Das KV ist – leider – kein Einzelfall.

1) Jorgos Brouzos: Banken protestieren gegen KV-Reform. In: Tages-Anzeiger, 18.05.2021, S. 9.
2) Martin Beglinger: „Das ist vernichtend“. In: NZZ, 31.08.2018, S.53.

Sehr geehrter Herr Bossard, ich kann es fast nicht mehr lesen, was Sie an der Schulentwicklung nörgeln. Pädagogisch fragwürdig ist es, bei Schülern nur zu bemängeln was sie nicht können. Genau das tun Sie , indem Sie nicht würdigen, was die Lernenden besser können als früher. Das heisst ja nicht, dass es früher nicht gut war, aber im heutigen Umfeld braucht es Anderes. In Themenkreisen lernen heisst nicht, keine Sprachkompetenzen mehr zu fördern. Sie werden einfach nicht mehr l‘art pour l‘art vermittelt. Die Berufsschulen haben längst gute Erfahrungen gemacht mit diesem zeitgemässen Unterricht. Darauf werden die Lernenden von der Primarschule vorbereitet. Nebenbei ist es nicht schlecht, wenn die Lehrpersonen ihre Unterrichtsmaterialien neu aufbereiten müssen. Als man vor langer Zeit im Grossen Rat von Luzern darüber ( in Standartsprache) debattierte ,ob Töchtern an der Oberstufe auch Mathematikunterricht erteilt werden soll, sagte ein Grossrat wörtlich:“sie sollen besser lernen ein rechter Brief zu schreiben.“ Der Anspruch an Kompetenzen hat sich verändert. Seien Sie sehr geehrter Herr Bossard zuversichtlich und vertrauen Sie Ihren pädagogischen Nachfolgern. Alles Gute !

Sehr geehrte Frau Krummenacher
Ja gewiss, die heutigen Schüler können anderes, und unsere Gesellschaft verlangt anderes als früher. Nur: Just darum muss doch die Hauptaufgabe unserer Bildungsverantwortlichen sein, dass unsere Lernwilligen nicht nur anderes können. Sondern? Das andere, das unsere Gesellschaft verlangt! Und was immer dieses andere ist – Rechnen, Lesen und Schreiben wird für unser gesellschaftliches Agieren die Grundlage sein, soweit wir sehen. Der Umgang mit der Sprache wird sogar zunehmend wichtiger. Denn er ist auch eine Kompetenz der Weltbemächtigung; und da unsere Probleme immer komplexer werden, müssen auch die Begriffspräzision und die Textkohärenz besser werden, sie sind die besten Instrument, um sich der Welt sprachlich zu bemächtigen. Mit diesen beiden Kompetenzen steht es nachweislich schlecht. Carl Bossard verweist auf Belege für dieses Malaise. Es ist zu jenem „Anderen“ geworden, das die Gesellschaft heute auch im Unterricht austarieren muss, nein besser: müsste. Zugunsten der demokratischen Verfahren unbedingt! Das haben schon vor mehr als zwei Jahrzenten gescheite Beobachter erkannt (vgl. z.B. die bei De Gruyter 1998 erschienene Studie von Peter Sieber, Parlando in Texten, Zur Veränderung kommunikativer Grundmuster in der Schriftlichkeit). Unterrichtende haben die nötigen Konsequenzen aus diesem Malaise also offensichtlich nicht alle gezogen, und dies aus Gründen zu hoher Arbeitsbelastung, wie sie selber zugeben. Auch Sie, Frau Krummenacher, sagen ja indirekt, der bisherige Unterricht sei „l’art pour l’art“. Themenkreise können kaum ein Korrektiv sein, weil sich der administrativ-organisatorische Aufwand, der nach zugegebenen Erfahrungen schon früher überforderte, noch erhöhen würde. Er wird also noch mehr Energie und Zeit absaugen, eine Energie, die aufgrund der Hattie-Studie besser für eine gesunde Lehrer-Schüler-Interaktion eingesetzt würde. Und umgekehrt: Lehrkräfte, die sich trotz allem schon bisher in ihrer Unterrichtspraxis gegen dieses „l’art pour l’art“ gestemmt haben, haben im Fächerunterricht gute Erfahrungen gemacht. Sie konnten auch da praxisorientierte Kompetenzen entwickeln, die sich für die den neuen Anforderungen unserer Gesellschaft kompatibel und ertragreich nutzen lassen. Profitieren wir doch von diesen bereits feststellbaren Erfahrungen! Kohärentes und genaues Denken ist nun mal die Grundsoftware für viele Fähigkeiten, die das heutige Umfeld verlangt. Man kann sagen, diese beiden Kompetenzen seien darum wichtiger als zum Beispiel Orthografie. Das finde ich grundsätzlich auch. Da aber unsere narzisstische Gesellschaft auch auf Äusseres setzt, gehört halt Orthografie zu unserer Visitenkarten-Kompetenz. So schreibt man zum Beispiel besser „Standardsprache“ mit „d“, nicht mit „t“. In Kombination mit der Sprache gibt es „Standart“ gar nicht. „Standarte“ meint so etwas wie eine Fahne. Und da stellt sich in meinen Synapsen eine Assoziation ein, oder genauer eigentlich eine Frage. Nämlich: Wollen wir etwas auf unsere Fahne schreiben, was jetzt schon vielen Angst macht, die es wissen müssen, zum Beispiel den Banken?

Daniel Annen, pensioniert, vorher während 37 Jahren Lehrer

Sehr geehrte Frau Krummenacher

Ich sehe nicht, wo Herr Bossard die Schüler kritisiert. Zunächst legt er dar, was andere Medien über die laufende Reform geschrieben haben, was die Lehrerinnen dazu sagen und wie die Reformverantwortlichen darauf reagieren.

Gleichwohl: Ihrer Prognose, wonach die Reform dazu führen werde, dass Sprachen künftig nicht mehr als Selbstzweck gelernt werden sollen, sondern in einem möglichst berufs-realistischen Kontext, vulgo "Handlungskompetenzorientiert" spricht ein wichtiges Problem an.

Seit jeher beklagen sich die Schülerinnen darüber, dass sie nicht verstehen, weshalb man dies und das lernen müsse. "Das braucht doch später eh niemand!" hört man sie klagen. Das Problem ist aber nicht die Art des Unterrichts an sich, sondern dass es die Lehrer verpasst haben, ihren Schützlingen genügend deutlich zu machen, weshalb es eben doch sinnvoll sein kann.

Der zentrale Punkt der Kritik ist einfach: Weshalb schaffen die Reformverantwortlichen so viel Unruhe, indem Sie gleichzeitig mit der Ausrichtung auf die Handlungskompetenzen den Stoff reduzieren? Wäre nicht schon viel erreicht, wenn man den Lehrerinnen dabei hilft, obige Fragen der Schüler genauer zu beantworten?

Vor wenigen Tagen stand auf der Webseite des Journal 21 sinngemäss folgendes Zitat: "Bildung kommt nicht vom Lesen, sondern vom Nachdenken über das Gelesene."

Unsere Schülerinnen und Schüler brauchen Zeit und Raum, Gelesenes mental zu verarbeiten, um sich in einem zweiten Schritt auch eine eigene, d. h. begründete Meinung/Haltung zuzutrauen. Diese fundamentale Kulturtechnik ist auch mit den schönsten Reform-Vokabeln nicht herbeizureden. Bildung – meinetwegen auch Ausbildung – ist nicht etwas, das per DNA von einer Generation an die nächste weitergereicht wird. Jeder muss sich das Wissen erarbeiten, das frühere Generationen als relevant erachtet haben und weiterhin erachten. Man kann dieses Wissen bei den Jugendlichen nicht einfach voraussetzen und ihnen sagen: "So, jetzt arbeitet mal an euren Handlungskompetenzen und reflektiert eure Überlegungen."

Ebensowenig wie wir als Individuen als aufgeklärte und emanzipierte Bürgerinnen und Bürger auf die Welt kommen, nur weil in unseren Breitengraden vor etwa 200 Jahren die Epoche der Aufklärung Halt gemacht hat, kann man von jungen Menschen verlangen, dass sie Ihre Bildung sozusagen selber in die Hand nehmen und dort weiterfahren, wo wir zur Zeit unserer Ausbildung stehen geblieben sind. Aber genau dies fordert diese KV-Reform: Unter dem Vorwand, das Beste für die Lehrlinge zu wollen; unter dem nicht unberechtigten Anliegen, die Sinnhaftigkeit der Ausbildung dadurch deutlich zu machen, dass man die sogenannten Lernsituationen stärker an den Berufsalltag (wessen Berufsalltag?) orientiert; mit dem nicht so neuen Ziel, die Lehrlinge für die Zukunft bereit zu machen – mit diesen und anderen Begründungen werden die Anforderungen an jene, in deren Namen man Bildungspolitik betreibt, nach unten verschoben statt nach oben. (Warum eigentlich keine 4-jährige Ausbildung statt einer verwässerten 3-jährigen? Warum weniger Sprach-Kenntnsse statt mehr?)

Noch ein paar Sätze zum Verlauf der Reform:

Das vom Bund mit der Reform beauftragten Bildungsberatungs-Unternehmen ist in Personalunion auch ein Bildungs-Unternehmen, das Lehrmittel, Weiterbildungs-Kurse für Lehrerinnen und Lehrer sowie eine webbasierte Lernplattform anbietet – dies alles war bereits zu einem Zeitpunkt auf die in den letzten Monaten bekannt gewordenen Ziele der Reform massgeschneidert, als kaum jemand von uns Lehrkräften auch nur wusste, dass eine Reform ansteht.

Man vergleiche das Vokabular der Reform und das Vokabular des sogenannten nationalen Lehrplans KV einerseits mit jenem auf der Webseite des Bildungsunternehmens andererseits. Die Ähnlichkeiten sind verblüffend um nicht zu sagen: beängstigend. – aber solche Parallelen fallen einem nur auf, der ... siehe obiges Zitat.

Damit ich nicht missverstanden werde: Jemand wird an Lehrmitteln und Weiterbildungskursen immer verdienen. Daran ist nichts auszusetzen. Als Liberaler kann man diese Situation grundsätzlich und bedenkenlos gutheissen. Wenn aber ein Bildungsberatungs-Unternehmen anlässlich einer Reform diese bis in den sprachlichen Duktus der Lehrpläne hinein beeinflusst, dann muss ich als Bürger ein Ausrufezeichen setzen.

Disclaimer: Ich bin weder Lehrmittel-Autor, noch habe ich die Absicht in Zukunft Lehrmittel zu schreiben.

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