Zu Schanden gerittene Wörter

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Zu Schanden gerittene Wörter

Von Urs Meier, 04.12.2020

Es gibt Vokabeln, die wie Universalschlüssel überall passen. Doch Wörter, die man immer sagen kann, sagen am Ende nichts mehr.

Eines der vielen abgewirtschafteten Wörter sei hier exemplarisch vorgestellt: die Herausforderung. Politikerinnen und Unternehmensführer, Sportler und Schulleiterinnen, Wissenschaftlerinnen und Museumsdirektoren – sie alle reden, wenn sie grosse, schwierige und womöglich neuartige Aufgaben zu bewältigen haben, von Herausforderungen. 

In Stellenbewerbungen oder Bekanntgaben von Stellenwechseln darf der freudige Ausblick auf die neue Herausforderung nie fehlen. Der gleiche Ausdruck kann aber auch recht bedrohlich klingen. Und so changiert denn die Bedeutung des Worts zwischen einerseits sportlichem Challenge, der zu heiterem Kräftemessen einlädt, und andererseits dräuendem Schicksal, das man unter Mobilisierung aller verfügbaren Kräfte zu meistern versuchen muss.

Doch nicht nur in den Sphären der heroischen Anstrengungen, sondern längst auch im gewöhnlichen Alltagsgeschehen reden Leute von ihren Herausforderungen. Einen Parkplatz suchen, eine Software installieren oder die Redseligkeit eines Mitmenschen aushalten: Es fordert heraus!

Schauen wir die übernutzte und entsprechend banalisierte Vokabel genauer an. Herausforderung ist die substantivierte Form des Verbs herausfordern. Die mit ihm assoziierten Kraftproben, Schwierigkeiten oder Gefahren erscheinen im Sprachgebrauch demnach als aktiv auf die Menschen einwirkende Dinge, ja geradezu als handelnde Wesen. Die Herausgeforderten haben darauf zu antworten; sie sind also von vornherein in der Defensive. Wer mit einer Herausforderung zu tun hat, steht mit dem Rücken zur Wand, muss allen Mut zusammennehmen und sich in den Kampf werfen.

Ursprünglich gehört das Herausfordern tatsächlich in die Welt des Zweikampfs. Der Ritter fordert seinen Gegenspieler vor versammeltem Hofstaat zum Turnier heraus, der beleidigte Ehrenmann den Beleidiger zum Duell. Einer solchen Herausforderung kann man sich nicht entziehen, will man nicht selber der Ehrenhaftigkeit – der Satisfaktionsfähigkeit, wie es einst hiess – verlustig gehen.

Bei ihrer historischen Wanderung vom blutigen Zweikampf zur Welt des Sports hat die Herausforderung ihre Bedeutung noch nicht allzu stark verändert. Es blieben die Bindung an die Initiative eines Herausforderers und die Verflechtung mit Vorstellungen von Ehre, Ritterlichkeit oder Gentlemen-Verhalten.

Heute hingegen liegen diese Wortbedeutungen weit zurück in der Sprach- und Sozialgeschichte. Die Herauslösung des Worts Herausforderung aus seinen ursprünglichen Zusammenhängen hat es beliebig verwendbar gemacht. Als vielseitig verwendbarer und dennoch anschaulicher Begriff für grosse und übergrosse Aufgaben hat es eine Zeitlang gute Dienste getan – allzu gute offenbar, da es inzwischen für alles und jedes herhalten muss.

Die Vokabel Herausforderung ist gründlich zu Schanden geritten. Wer sich heute deutlich ausdrücken will, geht dem Wort besser aus dem Weg.

Es ist herausfordernd etwas über die Herausforderung zu schreiben, das Hand und Fuss hat ..... Aber gerade DIE Zeit in der wir jetzt leben, bringt bestimmt mehr Berechtigung !! (letztlich kann man alles mit Humor nehmen!!)

ein kleines Beispiel aus einem Gemeindegeschäftsbericht: Die Schule stellt fest, dass es immer mehr "herausfordernde" Schüler gebe. Früher gab es Noten für Betragen, abgeschafft. Heute haben wir Schulpsychologen die diese Gattung nicht Störer, sondern "Herausforderer" nennen. Offenbar sind diese jugendlichen Störer auf Augenhöhe zu den Schulbehörden, fast eine Partnerschaft: Diensteister (Schule) zu Kunde/Klient (Herausforderer).

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