Zu den gesammelten Erzählungen Horacio Quirogas

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Zu den gesammelten Erzählungen Horacio Quirogas

Von Christoph Kuhn, 05.01.2011

Er gehört zu den grössten und einflussreichsten Autoren Lateinamerikas: der in Uruguay geborene Argentinier Horacio Quiroga ( 1878 – 1937). Wie er die kurze Erzählform meisterte, das stellt ihn, ebenbürtig, an die Seite seiner erklärten Vorbilder: Maupassant, Poe, Tschechow, Kipling. Jetzt sind im Fischer Verlag unter dem Titel „Die Wildnis des Lebens“ eine Auswahl seiner Erzälungen auf Deutsch erschienen. Ein Ereignis.

Nichts spannenderes, als sich in frostigen und grauen Jahreswechsel-Tagen in Quirogas „Wildnis des Lebens“ zu vertiefen. Da wird wohl eine verschwundene Welt evoziert, aber so intensiv, reichhaltig und kunstvoll, dass man ob derartiger Lektüre manches, was einem an zeitgenössischer Kurzprosa zugemutet wird, vergessen darf. Angelica Ammar, eine versierte Uebersetzerin lateinamerikanischer Literatur, hat die Texte ausgewählt und ins Deutsche übertragen, hat sehr darauf geachtet, das Lakonische, das Peitschende und zugleich das Apart-Elegante des Quiroga-Stils beizubehalten. Das ist ihr fast durchwegs gelungen; wenn man davon absieht, dass hin und wieder ein Satzteil, ein ganzer Satz, im Bemühen, knapp zu bleiben, grammatikalisch oder inhaltlich unverständlich wird.

Der Grossteil von Quirogas Erzählungen hat den Urwald in der subtropischen argentinischen Provinz Misiones zum Schauplatz: eine Provinz im Dreiländereck Brasilien/Paraguay/Argentinien, die sich in den hundert Jahren, die seit Quirogas Beschreibungen des Waldes, der roten Erde, der Fauna und Flora, der dort ansässigen Menschen stark verändert hat. Heute erscheint die ehemalige Wildnis bis auf wenige Reste gezähmt, abgeholzt, verarmt, aus den ehemaligen Pionieren, Glücksuchern und Abenteurern sind arbeitsame Siedler, Bauern geworden, die damals schwer zugänglichen Wasserfälle von Iguazu gehören zu den touristischen Weltattraktionen und werden jedes Jahr von Hunderttausenden besucht – nur die indianische Urbevölkerung lebt, wie eh und je, arm und ohne Perspektive, in den Resten, die vom „monte“, vom grossen Wald übrig geblieben sind.

Lauter Katastrophen

Wer war der Mann, der es verstand, eine vor seinen Augen liegende wilde und grausame Wirklichkeit in Literatur, in eine modernen poetischen Gesetzen folgende Sprache zu verwandeln? Horacio Quiroga wurde als Sohn eines argentinischen Diplomaten in Uruguay geboren, verbrachte dort Kindheit und Jugend, besuchte mit zwanzig Paris, kehrte enttäuscht zurück, verliebte sich, nach einer Expedition, der er als Fotograf angehörte, in den Urwald von Misiones, in dem er sich als Selbstversorger und erfolgloser Produzent subtropischer Produkte niederliess, lebte später in Buenos Aires und brachte sich nach einer Krebsdiagnose mit 59 Jahren in einem Spital der argentinischen Hauptstadt um. Sein Leben war von einer schier unvorstellbaren Reihe von Katastrophen gesäumt: sein Vater erschiesst sich, seine Stiefvater auch und mit 23 erschiesst Quiroga beim Manipulieren mit einem Revolver aus Versehen einen Freund. Zwei Schwestern sterben an Typhus, seine erste Frau bringt sich um, Jahre nach seinem Tod begehen auch seine Kinder Selbstmord.

Nicht verwunderlich, dass der Mann, der das alles durchgemacht hat, der als Jüngling ein überspannter Dandy war, später auch in den Augen seiner Freunde als „loco“ als verrückt galt, keine netten Geschichten geschrieben hat. In der Nachfolge Poes, dessen Vorbild in seinem Frühwerk manchmal allzu penetrant durchschlägt, imaginiert er grausame Mordgeschichten. Später geht es mehr „maupassanthaft“ zu: das Böse, das Destruktive, das Verzweifelte, Wider- und Irrsinnige an der menschlichen Natur kontrastiert aufs Wirkungsvollste mit der nüchternen und luziden Beschreibung. Schliesslich findet Quiroga den Ton, der nur zu ihm gehört und er verleiht ihn den Tieren, die gelegentlich zu Protagonisten seiner Erzählungen werden, der Natur, die Nährboden, Atmosphäre, Schicksal sein kann und den menschlichen Figuren, die er schnell, scharf mit ein paar Wörtern umreisst, auf wenig Raum mit allem auszustatten versteht, was sie interessant macht, vor allem auch mit einem trockenen, fast englischen Humor.

Quiroga hat im Urwald gelebt und gelitten. Er war ihm viele Jahre seines Lebens geradezu verfallen, kennt ihn und seine Bewohner bis ins imtimste Detail. Aber all dieses Wissen verführt ihn nicht dazu, als (belehrender) Realist oder Naturalist seine Kenntnisse literarisch zu verkleiden und auszubreiten. Was er erzählt, könnte ebenso gut erfunden wie recherchiert und beobachtet sein. Und die moderne Poetologie – fragmentarische Behandlung des Plots, hyperreale bis nahe ans Surreale gehende Beschreibungen, versetzt mit Dialogen und lyrischen Retardierungen, ein exotisches Vokabular, das den Text parfümiert – macht, dass sich die Texte noch heute, achtzig und hundert Jahre nach ihrer Entstehung und einer Welt entnommen und gewidmet, die es so nicht mehr gibt, frisch und atemberaubend lesen, als seien sie grad eben entstanden.

Die Quintessenz

In der nicht einmal fünfseitigen Kurzgeschichte „In der Strömung“, in der ein Mann von einer Giftschlange gebissen wird, mit einem Boot den Fluss hinab fährt, in den nächsten grösseren Ort, zum Arzt, und unterwegs stirbt, eine Erzählung, die zu Recht von vielen Quiroga-Liebhabern und Quiroga-Rezensenten als erste erwähnt wird, wenn es gilt, seine Qualitäten zu rühmen, findet sich die Quintessenz seines Werks, sein Kunstverstand, seine Intuition. Auf unspektakuläre Weise ereignet sich die Katastrophe, nimmt die schlimmstmögliche Wendung, endet im Tod. Beschrieben, evoziert aber wird sie, auf dem Fluss, zuerst in gleitenden Bildern von fast schmerzhafter Schönheit, dann kontrastiert vom kalt und genau beobachteten Prozess einer Vergiftung und schliesslich zerplatzend in einer überaus banalen Erinnerung. Und das alles wie gesagt auf viereinhalb Seiten…

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