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Sprach-Akrobatik

Zeitnah

15. Februar 2019
Stephan Wehowsky
Es gibt den Ausdruck „höchste Zeit“ und es gibt die „Unzeit“. Aber kann man der Zeit mehr oder weniger nahe oder fern sein? Und wo stehen die Briten?

Vielleicht sollte man das Wort „zeitnah“ eher als Floskel bezeichnen. Angeblich hat sie der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, 2001 in Umlauf gebracht. Wer sich an ihn noch erinnert, glaubt das gern.

Es sind überwiegend wichtigtuerische Typen aus Politik und Wirtschaft, die dieses Wort gebrauchen. Mit „zeitnah“ verbinden sie die räumliche Bestimmung „nah“ mit der unendlich fliessenden Zeit. Auch ohne das zu verstehen oder erklären zu können, verleihen sie sich selbst damit die ersehnte Bedeutung.

Und selbstverständlich soll jeder hier und jetzt und sofort verstehen, dass sie mit „zeitnah“ höchste Dringlichkeit meinen. Verständlicher wäre es, „rasch“, „zügig“, „bald“ oder einfach nur „schnell“ zu sagen, anstatt von „zeitnah“ zu schwafeln. Was um alles in der Welt ist nicht „zeitnah“? Da gibt es doch nur die Ewigkeit. Die hat, wie uns Theologen beruhigend versichern, mit der Zeit gar nichts zu tun. Sie ist jenseits der Zeit und entsprechend ohne Hetze. Gut zu wissen.

Dagegen bitten Europapolitiker die Briten jetzt inständig, noch „zeitnah“ irgendwelche Vorstellungen zu äussern, um den ganz grossen Crash am 29. März zu vermeiden. Man versteht also sehr genau, was mit „zeitnah“ gemeint ist.

Stehen die Briten in der Gefahr, „aus der Zeit zu fallen", eben so, wie man einen Zug verpasst? Das Wort „zeitnah" lädt zum Grübeln ein. Im Deutschen gibt es eine andere Formulierung, die man in hierarchischer Staffelung von oben nach unten gebraucht. Wenn jemand nicht spurt, dann fragt oder besser: bellt der Vorgesetzte: „Wird’s bald!?“ Wie viel höflicher ist dageben die Formulierung, dass eine Aufgabe doch bitte „zeitnah“ erledigt werden sollte.

Aber Vorsicht! Wer sagt, etwas müsse „zeitnah“ geschehen, masst sich die Autorität der Zeit an. Was wäre wichtiger als die Zeit? Schliesslich gibt die Zeit für alles den Takt vor und begrenzt alles. Robert Gernhardt dichtete melancholisch: „Und Zeit meint stets: Bald ist’s so weit.“

Die meisten Vorgesetzten haben davon keine Ahnung, aber instinktiv spüren und nutzen sie den Knüppel. – Und wir wissen, warum wir das Wort „zeitnah“ nicht mögen.

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