WM-Splitter / 7

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WM-Splitter / 7

Von Hans Woller, 03.07.2018

Eine WM voller historischer Umbrüche in der internationalen Hierarchie – sagen Fussballexperten.

Irgendwie hat diese WM in den letzten Tagen gezeigt, dass Fussball doch etwas mit Theater gemein hat. Nein, nicht das Theater des brasilianischen Stars Neymar mit dramatischen Einlagen auf grünem Untergrund ist gemeint. Sondern die Einheit von Ort und Zeit bei einem Auftritt mit geschätzten 1,5 Milliarden Zuschauern weltweit.

A star is born

In der Tat wurde in diesem kontinental heissen Sommer ganz im Osten Europas ein Stern geboren, während gleichzeitig zwei Weltstars der letzten Dekade ihren Abschied gaben. Ein 19-Jähriger verdrängt innerhalb von 24 Stunden bei seiner grossen Premiere auf Weltniveau im Achtelfinalspiel gegen Argentinien einen 31- und einen 33-Jährigen, und die Fussballwelt liegt ihm zu Füssen – bis hin zu Pele oder Linecker hagelte es Glückwünsche und Anerkennung für den Franzosen Kylian Mbappé. Er ist im Pariser Vorort Bondy gross geworden, wo mit Hilfe Schweizer Journalisten im Jahr nach den Vorstadtunruhen der berühmte „Bondy Blog“ gegründet wurde, der bis heute noch besteht, und wo sich junge, schreibende Talente aus den Vororten im Laufe der letzten 12 Jahre durchaus einen Namen gemacht haben.

Fast die ganze Welt weiss jetzt, wozu dieser Mbappé in der Lage ist, für den der katarische Hauptstadtclub Paris Saint-Germain schon 180 Millionen Euro bezahlt hatte, als er kaum volljährig war. Seine Husarenritte quer über das Spielfeld, an deren Ende er zwei Tore selbst schoss und einen Elfmeter herausholte, werden in die Fussballgeschichte eingehen, zumal das im Spiel gegen eine Mannschaft passierte, deren Kapitän Lionel Messi hiess, seines Zeichens x-facher Weltfussballer. Nach der 3:4-Niederlage, die ihm und seiner Mannschaft dieser junge Franzose eingebrockt hatte, blieb Messi nichts anderes, als stieren Blicks und wortlos vom Feld zu schleichen.

Nur vier Stunden später erging es der 33-jährigen portugiesischen Stürmerlegende Christiano Ronaldo nicht anders. Auch er konnte sein Team, das auf keiner Position zu überzeugen vermochte und gegen beinhart verteidigende Urugayer kaum einen Fuss auf den Boden brachte, Ronaldo eingeschlossen, nicht retten. Am ehesten wird aus seinem wahrscheinlichen Abschiedsspiel in der portugiesischen Nationalmannschaft eine nicht-fussballerische Geste in Erinnerung bleiben. Als sich Uruguays zweifacher Torschütze Cavani in der 70. Minute an der Wade verletzte und ausgewechselt werden musste, da stützte ihn Christiano Ronaldo höchstpersönlich und geleitete ihn an die Seitenauslinie. Merkwürdig nur, dass man bei Ronaldo leider sofort den Verdacht hegt, er habe das in allererster Linie für die Pflege seines eigenen Images getan.

Zwei Weltstars und vier so genannte grosse Nationalmannschaften haben bei dieser Weltmeisterschaft hohen Tribut zollen müssen. Deutschland wollte Geschichte schreiben und fuhr nach der Vorrunde unter Häme nach Hause. Argentiniens Nationalelf stürzte nach dem verlorenen Achtelfinale ein ohnehin schon krisengeschütteltes Land weiter in die Krise. Portugal reichten das weitgehende torlose Holpern und gelegentliche Kunststücke von Ronaldo, womit es vor zwei Jahren noch Europameister geworden war, nicht mehr, um das Achtelfinale zu überstehen. Und schliesslich musste auch Spanien noch seine Demontage erleben.

Ende von Tiki-Taka

Diese Nationalmannschaft, die ein Jahrzehnt lang den Weltfussball dominiert hatte, fand gegen Russlands Team – an 70. Stelle auf der FIFA-Rangliste – keine Mittel, in der regulären Spielzeit über ein 1:1 hinauszukommen. Als er in der 2. Halbzeit erst eingewechselt wurde, sah der 34-jährige Altstar Andres Iniesta aus, als wäre er 100. Und die Gesichtshaut dieser spanischen Fussballlegende, die über ein Jahrzehnt lang die Verkörperung des berühmten Kurzpassspiel der „Furia Rioja“ schlechthin war, war noch um eine Spur blasser als ohnehin schon. Das berühmte Tiki-Taka, fast ein Teil der spanischen Identität, geriet bei der Niederlage nach Elfmeterschiessen gegen Russland zu einem unendlich mühsamen, höchst langweiligen Ballgeschiebe, das jeden Fussballfan nur noch vergraulen konnte. „Ich bin nach 60 Minuten lesen gegangen“, schrieb ein fussballbegeisterter Freund, und die grosse französische Sportzeitung „L'Equipe“ titelte: „TIKI – CATA“ – cata für catastrophe.

Russlands Läufer

Das russische Team, das die 5-er Abwehrkette aus uralten Fussballzeiten wieder hervorgeholt hatte und damit letztlich erfolgreich war, ist, wie in allen Gruppenspielen, in der Summe erneut rund 10 Kilometer mehr gerannt als der Gegner, was Vermutungen über Doping im Land der Zaubertränke natürlich weiter am Leben erhält.

Im Übrigen steht in Putins zweitem Wohnort am Schwarzen Meer in Sotschi noch das Gebäude, in dem sich bei den Winterspielen 2014 das berühmt-berüchtigte Staatsdoping-Labor befand, in dem suspekte Blut- und Urinproben russischer Sportler gegen unverdächtige ausgetauscht wurden.

Heute beherbergt es ein grosses Restaurant namens „La Punto“, gerammelt voll von Fussballfans aus aller Welt, die dort Drinks zu sich nehmen können, die man auf die unzweideutigen Namen „B-Probe“ oder „Meldonium“ getauft hat.

Wie auch immer: Die Eishockeynation Russland hat nach diesem Einzug ins WM-Viertelfinale das Fussballfieber gepackt – sonst nicht gekannte Umzüge mit Fahnen, Autokorsos etc. Putins Pressesprecher verstieg sich sogar zu dem Vergleich, die Freudenfeste im ganzen Land in den Stunden nach dem Sieg gegen Spanien hätten an den 9. Mai 1945 erinnert. Ob der Herr wohl mal an Churchills berühmten Satz gedacht hat, der da lautete: „Sport is war minus the shooting“?

Elfmeter, nichts als Elfmeter

Russland wird im Viertlfinale auf Kroatien treffen, das in der Vorrunde so überlegen und begeisternd spielte, dass alle potentiellen künftigen Gegner nach und nach vor dieser Mannschaft einen Heidenrespekt bekamen.

Im Achtelfinale gegen Dänemark jedoch ist die Elf um Real-Madrid-Star Luca Modric zum Erstaunen vieler fast eingebrochen. In der zweiten Halbzeit war Schluss mit dem hinreissenden Tempospiel, die Luft fast ganz raus, Dänemark mindestens eine halbe Stunde lang die überlegene Mannschaft und das auch noch in einem Teil der Verlängerung.

Den talentierten Spielern vom Balkan schien der Atem ausgegangen und die Kräfte geschwunden zu sein. Kapitan Modric hatte derartig eingefallene Wangen, dass man hätte meinen können, der spindeldürre Mann habe gerade die Wüste durchquert und stünde unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Dieser Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, dass der altgediente Mittelfeldstratege doch tatsächlich in der 115. Minute, kurz vor Ende des langen Leidensweges, einen Elfmeter verschoss, den einer seiner Mitspieler nach einem genialen Modric-Pass herausgeholt hatte.

Nach verschossenem Elfmeter dann also auch bei dieser Begegnung Elfmeterschiessen, und es sollte ein ganz besonderes werden. Man durfte sich hinterher fragen, warum Peter Handke eigentlich sein Theaterstück einst „Die Angst des Torwarts beim Elfmeter“ genannt hat. Denn in den alles entscheidenden Momenten am späten Ende dieser Kraft raubenden Partie lag bei Dänen und Kroaten die Angst ganz eindeutig auf der Seite der Elfmeterschützen, die kaum einen Ball an den beiden Keepern vorbeibrachten. Kroatiens Torsteher hielt tatsächlich drei Elfer und damit einen mehr als sein dänisches Gegenüber, das auf dieser Position den Job tatsächlich vom Vater übernommen hat. Torwart in der dänischen Nationalmannschaft: Das ist seit Ende der 80er Jahre ein Familienunternehmen mit Namen Schmeichel. Luca Modric war übrigens nach seinem verschossenen Elfmeter beim Elfmeterschiessen knapp danach – ganz der Kapitän – noch einmal angetreten und diesmal mit Erfolg. Man wird sehen, ob sich Kroatien, das streckenweise völlig ausgelaugt wirkte, bis zum Viertelfinale gegen Russland wieder erholt hat.

Auf dem Weg zum 6. Stern?

Wer an der Elf aus Brasilien gezweifelt hatte, muss sich nach dem souveränen 2:0-Achtelfinalsieg gegen Mexiko wohl eines Besseren belehren lassen. Diese Mannschaft um das umstrittene Fussballgenie Neymar ist von Spiel zu Spiel besser geworden. Gewiss gegen die Schweiz reichte es nur zu einem 1:1, beim inzwischen vierten Auftritt in Russland hinterliess die Seleçao jedoch einen starken und vor allem geschlossenen Auftritt – eine Nationalmannschaft, die inzwischen spielt wie eine Vereinsmannschaft, sagen die Experten.

Eine halbe Stunde lang machte Mexiko den Brasilianern die Hölle heiss und konnte mit seinem Tempospiel auf jeden Fall mit dem 5-fachen Weltmeister mithalten, sie spielten zum Teil, wie beim 1:0 gegen Deutschland, betörende Konter. Doch schon da zeigte sich auch, was die Brasilianer unter anderem auszeichnet: ihre extrem stabile Abwehr, die bisher kaum aus der Ruhe zu bringen war. Trotz teilweise gefährlicher Szenen rund um den brasilianischen 16-Meter-Raum kam im ganzen Spiel nur ein einziger Schuss auf das Tor von Alisson, der seine hohe Qualität fast nie unter Beweis stellen musste.

Nach der Pause bei 0:0 war es mit dem mexikanischen Widerstand zu Ende, und Neymar, sowie seine Nebenleute, kamen endgültig auf Touren, schnürten die Mexikaner regelrecht ein, die Temperaturen von 33 Grad waren ihnen kaum anzumerken. Und sie verfügten diesmal über einen Neymar, der langsam zur Höchstform findet.

Der letzte verbliebene Superstar dieser WM 2018 hat das 1:0 selbst geschossen, nachdem er den Vorlagengeber, den diesmal kaum zu stoppenden Willian von Chelsea, per Hackentrick selbst auf den Weg geschickt hatte und er hat das 2:0 nach einem perfekten Dribbling per Pass von links auch noch vorbereitet – der Torschütze musste nur noch den Fuss hinhalten.

Rote Teufel – ganz knapp

Ob Belgien, das sich erst in letzter Sekunde der regulären Nachspielzeit mit 3:2 gegen Japan für das Viertelfinale qualifizieren konnte, diesen Brasilianern Paroli bieten kann, steht in den Sternen. Immerhin haben es die Spieler um die Supertechniker De Bruyne (Mancherster City) und Hazard (FC Chelsea) geschafft, die 0:2-Führung Japans mit 3 Toren in den letzten 25 Minuten zu drehen und für das Siegtor im letzten Moment einen absolut mustergültigen Konter über nur vier Stationen (der eigene Torwart eingerechnet) hinzulegen, wobei der torgefährliche Mittelstürmer Lakuku die am Ende entscheidende Flanke überraschend, aber letztlich goldrichtig für einen Mitspieler passieren liess. Torschütze Chadli stand deutlich besser zum Gehäuse und traf. Ein Geniestreich.

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