Wird die Schule zur Kampfarena?

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Wird die Schule zur Kampfarena?

Von Carl Bossard, 21.05.2018

Körperliche Übergriffe auf Lehrerinnen nehmen zu. Schuld sei der fehlende Respekt, sagen Experten. Doch liegt’s nur daran? Ein Plädoyer für pädagogische Autorität.

Das Klima in den Schulen werde rauer und der Umgang rüder, die Gewalt gegenüber Lehrpersonen steige, der zwischenmenschliche Anstand nehme ab. So mindestens diagnostizieren Fachleute die Situation. Sie verweisen auf Zahlen. Jede zweite Schule erlebte in den letzten fünf Jahren Verunglimpfungen und Mobbing gegenüber ihren Lehrkräften; in 26 Prozent der Schulen kam es während dieser Zeitspanne gar zu physischen Übergriffen. „Aggro-Schüler gehen auf junge Lehrer los“, stand kürzlich im Boulevard zu lesen. [1]

Wenn die Kultur des Respekts erodiert

Und die Antwort von Expertenseite? Fehlender Respekt auf Schülerebene, heisst es. Ohne Zweifel gilt das alte Axiom: Gelingende Interaktion zwischen Lehrperson und Jugendlichen basiert auf gegenseitigem Respekt. Er bildet den Grundstein für die notwendige soziale Kooperation in Schulklassen. Wo die Kultur des Respekts erodiert, entsteht vielfach lärmender Shitstorm. Und wo Respekt schwindet, kommt es zu verbalen Übergriffen. Sie machen Unterricht schwierig, ja sie verunmöglichen ihn. In fast 50 Prozent der Schweizer Schulen soll das schon vorgekommen sein.

Die Zahlen erschrecken. Eine Analyse zeigt: Betroffen sind vor allem junge Lehrpersonen. Das erstaunt wenig. Darum müssen wir uns fragen: Sind monokausale Erklärungen angebracht? Das Bestehen „in der Manege des Klassenzimmers“, wie es der Neurobiologe Joachim Bauer ausdrückt [2], verlangt von Pädagoginnen und Pädagogen Führungs- und Widerstandskraft. Sie sehen sich im Alltag mit vielen Gegensätzen und Gegensätzlichkeiten konfrontiert. Auf dieses bipolare Spannungsverhältnis im Mikrokosmos Klasse sind viele Junglehrer nur ungenügend vorbereitet. Die hohen Ausstiegsraten von 20 Prozent im ersten Dienstjahr sprechen eine deutliche Sprache. [3]

Widersprüche durchhalten – Spannungen aushalten

Schulkinder zu führen erfordert pädagogische Leadership. Lehrer stehen komplexen Kollektiven gegenüber. Widersprüche und Ungleichzeitigkeiten prägen den Unterricht; sie charakterisieren den Lehreralltag: achtsam sein und gleichzeitig Disziplin verlangen, fördern und zugleich fordern, alles verstehen, ohne immer einverstanden zu sein, konfrontieren und Empathie zeigen, unterrichten und (nach-)erziehen, Nähe suchen und Distanz wahren, das Kollektiv im Auge behalten und jeden Einzelnen im Blick haben – oft eingezwängt zwischen dem Wohl des Kindes und den steigenden Ansprüchen seiner Eltern – und der Gesellschaft generell.

Die Lehrerin arbeitet im widersprüchlichen Feld von Freiheit und Ordnung; das Wirken des Lehrers bewegt sich zwischen Sozialisation und Individuation, zwischen kultureller Integration und Vermitteln von Lerninhalten sowie Einüben von Können – und natürlich zwischen den Momenten des Gelingens und des Scheiterns.

Verstehende Zuwendung und Führung zugleich

Auf solche Situationen und Widersprüchlichkeiten sind die angehenden Lehrerinnen und Lehrer gezielt vorzubereiten. Die aktuelle Ausbildung hin zur Individualisierung darf das konsequente Führen einer Klasse nicht vernachlässigen. Diese pädagogische Leadership-Aufgabe müsste intensiv geschult werden. Der Arzt und Hirnforscher Joachim Bauer drückt es so aus: „Kinder und Jugendliche wollen beides: Verständnis und Führung.“ [4] Das sind für ihn die unerlässlichen Tragpfeiler eines respektvollen und effizienten Unterrichts. Anders formuliert: Kinder wollen einen verständnisvollen Häuptling; sie wünschen sich eine mitfühlende Dirigentin.

Von der Ausbildung vernachlässigt: Führen lernen

Die Pädagogischen Hochschulen sind gefordert. Allerdings gibt es hier konträre Stimmen: Die angehenden Lehrpersonen müssten heute nicht mehr in erster Linie eine Klasse führen. Es werde sowieso individualisiert. Die Lehrperson sei Coach und instruiere nicht mehr; in der Funktion als „Partnerin“ oder „Berater“ begleite sie die Lernenden. Die „direkte Instruktion“ sei out, die Klassenführung darum sekundär geworden und zu vernachlässigen. Ohnehin habe das historisch kontaminierte Wort „führen“ einen schalen Beigeschmack. Solche Tendenzen verkennen die pädagogische Realität und die Zukunftsfähigkeit unserer Jugendlichen.

Das umsichtige Führen einer Klasse im gemeinsamen Unterricht gehört zum didaktischen ABC eines Pädagogen. Wer die Basisschwimmart Brustschwimmen nicht beherrscht, dem fällt es schwer, als Erstes den anspruchsvolleren Crawl oder gar den Delphin zu erlernen. Doch genau diese falsche Priorität prägt die Ausbildung, wenn selbstorientiertes Lernen und anspruchsvolle Gruppenarbeiten als Basis für den Unterricht vorgegeben werden.

Schule braucht pädagogische Autoritäten

Das Bejahen der Leadership im Klassenzimmer hängt zusammen mit einem positiven Bezug zur pädagogischen Autorität. Doch der Begriff ist bei vielen negativ besetzt. Auch hier wäre in der Ausbildung ein Paradigmenwechsel notwendig. Die Gründe sind einsichtig; die Übergriffe auf Lehrpersonen zeigen es.

Die Zeichen der Zeit stehen auf Lockerung. Verbindlichkeiten lösen sich auf, Ich-Ansprüche dominieren, Rücksichtnahme schwindet. Die alte Maxime des Philosophen Immanuel Kant, dass der junge Mensch diszipliniert werden müsse, wenn er kultiviert werden wolle, hat ihren Anspruch verloren. Aus verständlichen Gründen. Und doch muss man wieder wagen, von pädagogischer Autorität zu sprechen. [5]

Respekt ist an personale Autorität gebunden

Nicht umsonst sagt Roland Amstutz vom Verband Bildung Bern: „Ein Schüler erlaubt sich mehr, wenn [eine Lehrperson] nur über wenig Autorität verfügt.“ [6] Respekt ist an personale Autorität gebunden. Respekt fehlt nicht einfach, wie die Experten pauschal behaupten. Er wird zugeschrieben und braucht darum ein vitales Vis-à-Vis: eine Lehrperson mit positiver Autorität, die schülerzentriert steuert und über ein verbindliches Commitment das Verhalten im Klassenzimmer regelt. John Hattie erkennt darin im Übrigen einen hohen Effektwert. [7]

Personale Autorität als Anerkennungsverhältnis

Doch Autoritäten haben es heute schwer. Das Wort wird in Korrelation zu „autoritär“ gesetzt. Und wer will schon autoritär sein? Es geht aber nicht um jene „autoritären Personen“, wie sie der Philosoph Theodor W. Adorno um 1950 analysiert hat und wie sie Siegfried Lenz in seiner „Deutschstunde“ am Beispiel des Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen schildert. Autoritär war die alte, rigide Paukerschule mit Figuren wie in Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“ oder in Frank Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen“. Das war Autorität als Position; sie setzte auf Hierarchie und machte die Kinder ohnmächtig. Personale Autorität dagegen ist ein Beziehungsverhältnis.

Die empirische Forschung zeigt es: Zentral für eine gute Schule sind die Lehrpersonen und ihr Unterricht: Lehrerinnen und Lehrer mit einer spürbaren Beziehung zu ihren Kindern. Da gibt es weder Anbiederung noch Laissez-faire oder fraternisierende Nähe. Anstand braucht auch gesunden Abstand. Das wissen begabte Pädagogen. Sie führen straff-locker und strahlen dabei eine charmante und natürliche Autorität aus. [8] Sie kennen auch den Mut zum Nein. Solchen Autoritäten gegenüber empfindet man Respekt. Er bildet sich durch Zuschreibung personaler und sozial-humaner Werte. Eine Respektperson überzieht man nicht mit einem Shitstorm.

Die Autoritätsfrage wird wieder wichtig

Schule muss die Kraft zum Gegenhalten aufbringen – auch gegenüber abnehmenden Selbstverständlichkeiten wie Respekt. Respektbasiertes Führen lässt sich lernen. Darum darf die Ausbildung bestimmte Themen nicht tabuisieren. Dazu gehören Fragen der Autorität und des Führens.

Wer mit achtsamer und positiver Autorität zu führen gelernt hat, wird in der Dynamik eines pulsierenden Klassenverbandes bestehen. Das ist in der Manege des Unterrichtszimmers zwar keine Garantie gegen renitentes Schülerverhalten, aber eine wichtige Prävention – im Wissen: Kinder suchen einen Häuptling. In der amerikanischen Pädagogischen Psychologie heisst es ganz pragmatisch: „Teachers are leaders of learning and learners.“ [9] Diese Botschaft bleibt aktuell.

[1] D. Krähenbühl, S. Walder: Aggro-Schüler gehen auf Lehrer los. In: 20 Minuten, 8.5.2018.

[2] Joachim Bauer (): Lob der Schule. Sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern. Hoffmann und Campe, Hamburg 2007, S. 9.

[3] Katharina Bracher: Den Schulen laufen die Lehrer davon. In: NZZaS, 6.4.2014, S. 1, 10.

[4] Bauer: a.a.O., S. 55.

[5] Roland Reichenbach: Pädagogische Autorität. Macht und Vertrauen in der Erziehung. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2011, S. 162ff.

[6] D. Krähenbühl, S. Walder: a.a.O.

[7] John Hattie: Visible Learning. Routledge, London, New York 2009. S. 102.
Der Effektwert von „rules and procedures“ beträgt d=0.76. Der „erwünschte Effekt“ liegt bei 0.4.

[8] Michael Rutter et al.: Fünfzehntausend Stunden. Schulen und ihre Wirkung auf die Kinder. Beltz Verlag, Weinheim 1980.

[9] Andreas Helmke: Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. Klett Kallmeyer, Seelze-Velber 2015, S. 175.

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