„Wir werden keinen Zentimeter von Gaza aufgeben“

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„Wir werden keinen Zentimeter von Gaza aufgeben“

Von Arnold Hottinger, 31.03.2018

Mit einer Massendemonstration, die anderthalb Monate lang dauern soll, wollen die Palästinenser Israel unter Druck setzen.

Am Freitag hatte im Gaza-Streifen der „Grosse Marsch zurück“, eine palästinensische Massenkundgebung, begonnen. Die Demonstration soll bis zum 15. Mai dauern. Dieses Datum ist der offizielle Erinnerungstag, an dem die Palästinenser ihrer Vertreibung gedenken.

Zeltlager wurden an fünf verschiedenen Stellen nahe der Grenzsperre errichtet, die Gaza von Israel trennt. Die Absperrung besteht aus einem Zaun und einer Todeszone. Wer sich dort hineinwagt, muss damit rechnen, von den israelischen Grenzsoldaten erschossen zu werden. Die Bevölkerung von Gaza wurde von den Palästinensern aufgefordert und ermutigt, in die Zeltlager an der Grenze zu ziehen. So sollen sie ihrem Willen, in ihre früheren Heimatgebiete „heimzukehren“, Ausdruck verleihen.

Von den zwei Millionen Bewohnern des Gazastreifens sind 1,3 Millionen Flüchtlinge, respektive Vertriebene oder die Nachfahren von solchen. Sie stammen aus palästinensischen Siedlungen, die heute zerstört sind oder von Israeli bewohnt werden. Die Palästinenser betonen, dass sie ein Recht darauf haben, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Der Uno- Beschluss 194 vom 11. Dezember 1948 verbrieft ihnen dieses Recht auf Rückkehr. Israel lehnt ihn ab.

Offiziell „gewaltlos“, aber ...

Die jährlich von den Palästinensern durchgeführte Grossdemonstration soll nach Angaben der Organisatoren „gewaltfrei“ verlaufen. Demonstriert werden soll in unmittelbarer Nähe des Grenz- oder Todesstreifens. Die Propagandisten und Animatoren des Grossereignisses in Gaza scheuen sich nicht zu versprechen, dass „wir“ die Grenze überschreiten und in unsere Heimatorte zurückkehren werden: „Friedlich und mit entblösstem Oberkörper“ sagen manche.

Die Israeli haben klar gemacht, dass sie jeden Versuch, in die Todeszone einzudringen oder den Grenzzaun zu beschädigen, mit Gewalt verhindern werden. Falls es zu Versuchen kommen sollte, israelische Siedlungen in der Nähe der Grenze anzugreifen, so versichern die Israeli, wird die Armee sie mit allen notwendigen Mitteln verteidigen.

Um dies deutlich zu machen, hat der israelische Generalstabschef, Generalleutnant Gabi Eizenkot, in einem Zeitungsinterview erwähnt, dass die israelischen „Verteidigungskräfte“, wie die israelische Armee offiziell heisst, gegen hundert Scharfschützen mobilisiert hat, die an der Grenze eingesetzt werden. Israel hat auch die Transport-Unternehmen in Gaza davor gewarnt, Demonstranten mit Autobussen an die Grenze zu befördern.

Israel „auf die Probe stellen“

Die Israeli betrachten die geplante Dauer- und Grossdemonstration als eine Provokation. Über soziale Medien haben sie die Bewohner von Gaza davor gewarnt, an der Manifestation teilzunehmen. Sie wiesen auch darauf hin, dass Israel militärische Vorbereitungen getroffen habe, um Übergriffen „auf unsere Landesgrenzen“ zuvorzukommen.

Die Aktivisten und Propagandisten auf der Seite der Palästinenser erklären offen, ihre Massendemonstrationen seien so angelegt, dass sie die israelische Armee „auf die Probe stellen“ sollten. Es werde sich erweisen, ob die Armee wirklich gewillt sei, auf  Tausende, wenn nicht Zehntausende „friedlicher Demonstranten“, unter ihnen ganze Familien mit Frauen, Kindern und alten Leuten, das Feuer zu eröffnen.

Eine Intiative von Hamas?

Nach israelischer Darstellung ist die „terroristische  Hamas-Bewegung“ die Urheberin und Organisatorin der „Provokation“. Es trifft jedenfalls zu, dass Hamas das Vorhaben billigt und befürwortet. Offizieller Träger ist jedoch eine Kommission, in der Hamas zusammen mit vielen anderen Organisationen und Gruppierungen aus Gaza vertreten ist. Nach den israelischen Darstellungen soll Hamas auch Demonstrationen an anderen Grenzen Israels planen, etwa in Libanon und in Syrien. Selbst an der weitaus längsten Grenze, jener nach Jordanien, sowie im Westjordanland soll demonstriert werden.

Der politische Hintergrund spricht in der Tat dafür, dass Hamas die Massenkundgebungen massgeblich fördert oder sogar selbst ausgelöst hat. Die „Innenpolitik“ von Gaza war im vergangenen Jahr durch die Versöhnungsversuche zwischen Hamas und der PLO-Führung gekennzeichnet. Nach dem Wahlsieg der Hamas im Jahr 2006 war die PLO aus Gaza vertrieben worden. Hamas hatte 2007 die Macht im Gaza-Streifen übernommen. Viele Palästinenser hofften im vergangenen Jahr nun, dass sich Hamas und die PLO erneut vereinigen könnten.

Gescheiterte Versöhnung

Hamas hatte sich bereit erklärt, der PLO in Gaza die Regierungsverantwortung zu übertragen. Mit einer Zeremonie wurde die Machtübergabe besiegelt. Offiziell ist jetzt also der im Westjordanland eingesetzte PLO-Ministerpräsident auch für Gaza zuständig und verantwortlich.

Doch de facto scheiterten die Verhandlungen an der Frage der Bewaffnung der Hamas-Aktivisten. Hamas will nach wie vor eine eigene bewaffnete Truppe „für den Kampf gegen Israel“ kommandieren. Die PLO fordert jedoch die Eingliederung der Hamas-Kämpfer in die offiziellen palästinensischen Sicherheitskräfte. Die PLO sagt zu recht, sie könne nicht die Verantwortung für Gaza übernehmen, solange sie nicht auch die Kontrolle über die dortigen Bewaffneten ausüben kann.

Attentatsversuch auf den palästinensischen Ministerpräsidenten

Die Versöhnung der beiden Palästinenser-Organisationen scheiterte dann endgültig, als am 13. März in Gaza ein Mordanschlag auf den palästinensischen Ministerpräsidenten Rami Abdullah verübt wurde. Er hatte sich auf einem Besuch in Gaza befunden, als eine Bombe unter einem Auto seines Konvois explodierte.

Die PLO machte sofort Hamas für den Anschlag verantwortlich. Rami Abdullah blieb unverletzt; einige seiner Leibwächter wurden leicht verwundet. Hamas stritt die Verantwortung für den Anschlag ab und verhaftete mehrere Personen. Doch der Versöhnungsprozess lag in Scherben.

Ersatz für die fehlgeschlagene Wiedervereinigung

Ursprünglich war Hamas auf den Versöhnungsversuch eingegangen, weil die Organisation sich nicht mehr in der Lage sah, die sich ständig verschlechternde Situation der Bewohner von Gaza in den Griff zu bekommen. Nach dem Scheitern der Versöhnungsbemühungen benötigt nun Hamas ein neues politisches Thema. Die Rückkehr der Palästinenser ist eines der wenigen Themen, bei dem sich alle Bewohner von Gaza, die Anhänger der PLO und jene von Hamas, einig sind.

Durch die geplante Massen- und Dauer-Demonstration wird die israelische Armee vor eine schwierige Gratwanderung gestellt. Ihre Offiziere wissen, wenn die Grenze überschritten wird und die Demonstranten auf die israelischen Siedlungen zumarschieren, werden sie dafür verantwortlich gemacht. Doch ihnen ist auch klar, wenn es bei der Verteidigung der Grenze allzu viele Tote gibt, wird sich in Gaza die Wut auf Israel wieder entladen. Eine Eskalation könnte dann schliesslich einen weiteren Eingriff Israels in Gaza auslösen – so, wie 2008/9, 2012 und 2014. Ein vierter Gaza-Krieg aber würde wohl aus palästinensischer wie auch auf israelischer Seite Opfern fordern. Die Gesamtlage allerdings würde nicht verändert.

Bilanz des ersten Tages

Am Abend des ersten Demonstrationstages erklärte das palästinensische Gesundheitsministerium, die Zahl der toten Palästinenser sei auf zwölf gestiegen. 750 Demonstranten seien durch Schüsse oder Tränengas verwundet worden und befanden sich in Behandlung im Spital. Später veröffentliche das gleiche Gesundheitsministerium eine revidierte Statistik. Danach starben „mindestens“ 17 Menschen, 1’416 seien verwundet worden. Darunter befänden sich 758, die durch scharfe Munition verletzt worden seien, die übrigen durch Gummi-Geschosse (148), Tränengas (422) und andere Ursachen (88).

Die israelische Armee erklärte, etwa 17’000 Palästinenser demonstrierten an sechs verschiedenen Stellen an der Grenze. Die Zeitung „Haaretz“ schätzte die Zahl der Demonstranten auf 30’000. Brigadier Ronen Matalis wird mit der Aussage zitiert: „Scharfe Munition wurde nur gegen jene eingesetzt, die versuchten, die Grenzsperre zu beschädigen. Am Vormittag hatte Ismail Haniye, zurzeit der oberste Chef von Hamas, eine Ansprache an die Demonstranten gehalten. Darin sagte er: „Wir werden keinen Zentimeter von Gaza aufgeben.“ Und: „Es gibt keine Alternative zu Palästina, und keine Lösung ausser der Heimkehr!“  

Karte: Haaretz
Karte: Haaretz

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Kommentare

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Die Hamas muss vom Erdboden verschwinden, die Organisation vollständig zerschlagen werden. Das Auslandsvermögen konfisziert und jede Führungsfigur die für Attacken gegen Israel oder Menschenrechtsverletzungen gegenüber der Bevölkerung in Gaza verantwortlich war vor Gericht gestellt werden. Diese “Organisation” darf keine Rolle in der Welt des 21. Jahrhunderts spielen.

Sehr geehrter Herr Kerzenmacher
Sehen Sie den einzig und allein das Problem bei Hamas? Verhält sich ausschliesslich die Hamas rechtswidrig oder trägt Israel doch auch seinen Teil zum Konflikt bei? Meiner Kenntnis nach beschützt bspw. der israelische Staat illegale jüdische Siedlungen mit Staatsgeldern. Ich nenne diese Siedlungen illegal, weil sie gemäss israelischem Recht illegal sind und dennoch vom Staat geschützt werden. Ich für meinen Teil halte ein solches Vorgehen eines Rechtsstaats nicht würdig. Vergessen wir hierbei nicht, dass Vertreter Israels, nicht ganz zu Unrecht, betonen, die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein. Weiter möchte ich Ihnen doch mitteilen, dass mir Ihre Rhetorik zu denken gibt: Wer fordert, dass eine Gemeinschaft "vom Erdboden verschwinden muss", trägt meines Erachtens kaum zur Lösung bei, sondern giesst eher "Oel ins Feuer".

Sehr geehrter Herr Hottinger
Leider habe ich kein Rezept um den Nahen Osten mit Israel und Palestina zu befrieden. Aber Ihre Berichte verschaffen mir eine seriöse Übersicht der Region. DANKE!
Im Zusammenhang mit den Palestina-Israel Konflikt hab ich den Eindruck, dass das Palestinensische-Volk von der religiösen und wirtschaftlichen Elite der arabischen Welt aktiv von Beginn des Konfliktes an, als direkter Arm gegen Israel eingesetzt wird, mit dem Ziel den Staat Israel dauerhaft zu bekämpfen.
Es hat immer Kriege gegeben! Kein Krieg ist gerecht und gut! Der eine gewinnt der andere verliert! Die unterlegene Seite muss sich arrangieren und eine neue Heimat (im Nahen Osten) finden oder sich anpassen.
Ein Vergleich (der vielleicht hinkt)!
Nach den 2. Weltkrieg sind ca. 15-20 Millionen Deutsche aus Ostpreussen, Schlesien, Tschechei und weiteren Ländern unter sehr misslichen Umständen vertrieben worden. (Neuordnung Ost-West-Europa / Vergeltung für Nazi-Untaten.) Westdeutschland hat bewusst den Einfluss der Vertriebenen-Verbände zurückgebunden. Sonst hätten wir vielleicht ähnliche Zustände an den Grenzen zu den ehemaligen Ostgebieten wie in Palestina/Israel.
Gerne hätte ich Ihre Meinung zu meiner Ansicht.
Freundliche Grüsse

Genau, die Israelis haben vor ein paar Jahren alle ihre Zentimeter in Gaza aufgegeben:tüchtige Bauernhöfe, die nun nichts mehr produzieren. Dass aber nach über 65 Jahren die dortigen Menschen sich immer noch als Flüchtlinge von der UN verpflegen lassen, ist irritierend. Lass sich die Sudentendeutschen nach 65 Jahren Vertreibung auch von der UN verpflegen? Ich weiss, diese Meinungsäusserung ist politisch nicht korrekt.

„Tūchtige Bauernhōfe, die nun nichts mehr produzieren.“ „Israel hat aus verwahrlostem palāstinensischem Boden blūhende Landschaften gemacht.“ Das ist genau das, was einem jahrzehntelang erzāhlt wurde. Man hat es geglaubt oder hat es nicht geglaubt. Kommt auf die Perspektive an: Man hat Land erobert, oder man wurde vom Land entfernt, vertrieben, vielleicht freiwillig.

Wie haben wir uns doch entsetzt, wenn von 1989 Ostdeutsche an der Mauer erschossen wurden... Hier aber geht alles seinen Gang. 17 oder 18 tote Palästinenser, in den Augen Israels scheinen das Peanuts zu sein. Und es sage jetzt niemand, es gebe nicht angemessenere Mittel, um Menschen zu stoppen. Israel hat jedes (menschliche) Mass aus den Augen verloren.

Es war, ist und bleibt eine Schande! Und Herr Hottinger könnte hier ruhig ein bissel Stellung beziehen.

Nein, bitte nicht. Genau wegen seiner neutralen Berichterstattung und Nennung der Faktenlage schätze ich die Berichte von Herrn Hottinger sehr. Das ist vorbildlicher Journalismus. Es gibt genügend Journalisten die uns ihre Meinung oder die ihrer Zeitung auf's Auge drücken wollen.

Sehr geehrter Herr Strauch
Beziehen Sie mit Ihrem Kommentar Stellung? Für wen ist es eine Schande? Für Israel, welches einen fast 70 Jahre alten UNO-Beschluss immer noch missachtet? oder für die Hamas, welche nicht von ihrer Haltung der "Auslöschung Israels" abweicht?
Ich persönlich schätze Herrn Hottingers Berichterstattung sehr! Zum einen, weil er Fakten wiedergibt und aufzeigt, dass es eben doch eine Rolle spielt, ob nun 12 oder 17 Menschen sterben, zum anderen, weil er eben nicht einfach seine Meinung wiedergibt, sondern auf Objektivität achtet. Ich denke, dies macht einen guten Journalisten aus.
Sobald ich sehe, dass Herr Hottinger einen Artikel auf Journal21 veröffentlicht hat, lese ich denselben. Hochachtung vor einem Mann, der sein Handwerk versteht!

Die Präambel des Manifests der Hamas. So gültig seit 1988:

'Israel will exist and will continue to exist until Islam will obliterate it, just as it obliterated others before it.'

Angestrebt wird also offen und unmissverständlich die Auslöschung Israels. Kritik an Israel wird gerne und oft geäußert. Von Schande und Verbrechen ist dabei oft die Rede. Liest man auch Kritik an der Hamas?

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