Wir sind die Meinung

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Wir sind die Meinung

Von Alex Bänninger, 14.11.2016

Politische Meinungsumfragen messen die End-Ergebnisse so genau wie eine Sonnenuhr ein Abfahrtsrennen. Wir können das Problem an der Wurzel packen.

Nach dem Brexit und der amerikanischen Präsidentschaftswahl müssten uns die Abgründe zwischen Meinungsumfragen und Urnengängen eine letzte Warnung sein. Jene von Wilhelm Busch schlugen wir leider bei jeder Gelegenheit in den Wind: „Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.“

Vordergründig sind Fehlprognosen in der Politik ärgerlich. Aber genau betrachtet spiegelt sich in ihnen unser zumindest kleiner Sieg über die Big-Data-Agenten, die uns bis in den hintersten Seelenwinkel ausforschen und Wochen im Voraus auf unser Wahl- und Abstimmungsverhalten festnageln wollen. Der Begriff „Momentaufnahme“ tarnt den Versuch der politischen Manipulation.

Offenbar lernten wir, uns dagegen zu wehren. Wir fühlen uns zunehmend frei, den Demoskopen die Wahrheit zu sagen oder nicht, bei unserer Antwort zu bleiben oder sie im entscheidenden Moment ins Gegenteil zu verwandeln. Wir legen nicht mehr brav die profane Beichte ab.

Gegen diesen Machtverlust werden die Meinungsforscher methodisch aufrüsten und uns zum Striptease vergewaltigen. Was wir zeigen, bestimmen jedoch wir: die kalte Schulter oder die nackte Unwahrheit. Wer uns an die Wäsche will, soll sein Bestrafungsfest haben. Die Demokratie feiert mit.

Kommentare

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Das Demoskopie-Problem lässt sich aber heute nicht mehr lösen. Aus 2 Gründen:
1) "Lügenpresse"-Analogie. Von verschiedenen WutbürgerInnen-gruppen bekommen Sie kein interpretierbares Interview und keine verwertbare Umfrageantwort mehr.
2) Endphasen von Wahl/Abstimmungskämpfen (gekoppelt an Medienhysterien) sind so schmetterlingshaft, dass es eine voraussagbare Realität nicht mehr gibt. Das war einmal eine POSITIVE Sache: eine demokratische Transzendenz individueller Idiosynkrasien. Bei der gegenwärtigen Mediennutzung aber kaum mehr.
MfG
Werner T. Meyer

Ene, meine, miste, es rappelt in der Kiste, …. bei den so genannt Bildungsfernen.
Nun folgte die Quittung! Da staunst de, da gingen sie hin und haben gewählt! Nun schreiben die Medien, es waren vor allem bildungsferne Männer die so gewählt haben. Man sollte jedoch bedenken, bildungsschwache, unterprivilegierte und bildungsferne Menschen haben auch Familien die sie ernähren müssen, die haben keine direkte Pipeline zur Wall-Street. Diese Menschen dachten wohl, der Rich Man kann es sich leisten, weil er schon alles hat und er denkt eher an den Poor Man/ Woman die in den letzten Jahrzehnten ständig Federn lassen mussten. Möglich wäre es ja, dass sie recht haben, wir werden geduldig abwarten müssen…. cathari

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