Wilde, Räuber, Lumpen

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Wilde, Räuber, Lumpen

Von Heiko Flottau, 04.04.2018

In der aktuellen Ausgabe von „Lettre International“ berichtet der indische Autor Pankai Mishra über den Kolonialismus im Ersten Weltkrieg. Heiko Flottau fasst diesen Beitrag zusammen.

England, Frankreich und Deutschland rekrutierten im Ersten Weltkrieg mehrere Millionen Menschen aus ihren Kolonien für den Militärdienst – einen „Auswurf afrikanischer und asiatischer Wilder“, wie der Soziologe Max Weber schrieb.

Das Opfer der Kolonisierten

Ist es ein Zeichen immer noch verbreiteter eurozentrischer Sichtweise und von Rassismus, dass über den Ersten Weltkrieg fast nur von den europäischen Opfern (etwa 20 Millionen Tote, 21 Millionen Verletzte) gesprochen wird, nicht aber von den Opfern, welche die kolonisierten Völker unter dem Zwang des europäischen Imperialismus bringen mussten?

Die europäische Kulturzeitschrift „Lettre International“ hat in Ihrer gerade erschienenen Ausgabe Nr.120 vom Frühjahr 2018 einen Aufsatz  unter dem Titel: „Wilde, Räuber, Lumpen“ veröffentlicht, welcher die vergessene, wohl auch gern verschwiegene Seite dieses Abschlachtens offenlegt. Bezeichnenderweise ist der Autor kein Europäer, sondern ein Inder, Pankai Mishra, „Reporter, Romancier und Essayist“, wie ihn die Lettre-Redaktion vorstellt.

Weit verbreiteter Rassismus

Wie weit der Rassismus seinerzeit auch unter Intellektuellen verbreitet war, zeigt das Zitat Max Webers vom „Auswurf afrikanischer und asiatischer Wilder“, von denen er in der Frankfurter Zeitung vom 18.September 1917 schrieb. Max Weber war zusammen mit dem Journalisten Theodor Wolff und Hugo Preuss, dem Autor der Weimarer Verfassung, Mitbegründer der linksliberalen „Deutschen Demokratischen Partei“ (DDP). In dieser Partei war auch Theodor Heuss, der spätere erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland.

Gemeint mit den von Max Weber so abschätzig bezeichneten Menschen waren, schreibt Pankai Mishra, „die Millionen indischer, afrikanischer, arabischer, chinesischer, vietnamesischer Soldaten und Arbeiter, die zu dieser Zeit in den Stellungen der Westfront und an etlichen Nebenschauplätzen des Ersten Weltkrieges kämpften oder arbeiteten“. Rekrutiert wurden diese Menschen von den Kriegsteilnehmern, weil ihnen die Arbeitskräfte ausgegangen waren.

Wie weit dieser Rassismus verbreitet war, belegt Pankai Mishra mit einem Zitat des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Dieser habe in einer Kabinettssitzung im Jahr 1917 gesagt, er wolle „die weisse Rasse wider die gelbe“ stärken, der weissen Kultur ihre Vorherrschaft über die gelbe garantieren und „der weissen Kultur die Vorherrschaft über den Planeten sichern“. Wilson sei in der Wahrnehmung des Westens als liberaler Politiker in die Geschichte eingegangen, der die Freiheit und Unabhängigkeit bis dahin unterdrückter Völker befürwortet habe. Doch auf der Friedenskonferenz von Versailles Anfang 1919 habe Wilson ganz anders gehandelt. Dort sei Wilsons Liberalismus nichts als Bemäntelung „weisser Vorherrschaft“ gewesen, denn die Unabhängigkeitsbestrebungen afrikanischer und asiatischer Völker seien dort „verächtlich abgewiesen“ worden.

„Schauerliche Gefahr“

Tatsächlich wurde etwa der Nahe Osten unter den Siegermächten aufgeteilt – entgegen den Versprechen, welche eben diese Alliierten den Arabern gegeben hatten. Versprochen war die Gründung eines arabischen Staates, zumindest aber die Schaffung eines arabischen Staatenbundes. Weil, so hiess es etwa in Artikel 22 des Vertrages des im Juni 1917 gegründeten Völkerbundes, die Völker der Region der Bürde der Modernität noch nicht gewachsen seien, müsse die zivilisierte Welt vorerst die Verantwortung für diese Völker übernehmen. Syrien etwa kam unter das Mandat Frankreichs, Palästina unter das Mandat Grossbritanniens.

Ganz in diesem Sinne habe der deutsche Reichstag im Jahre 1920 von „diesen Wilden“ als einer „schauerlichen Gefahr“ gesprochen. Von dieser Äusserung war es natürlich nicht weit bis zu Adolf Hitlers Verschwörungstheorie, die er in seinem Buch „Mein Kampf“, darlegte. Danach seien es die Juden, welche „den Neger an den Rhein bringen, immer mit dem gleichen Hintergedanken und klaren Zielen, durch die dadurch zwangsläufig eintretenden Bastardierung, die ihnen verhasste weisse Rasse zu zerstören ...“.

Die Religion des Weissseins

Ungezählte Bücher über den Weltkrieg befassten sich, schreibt Pankai Mishra, mit dem Abschlachten Deutscher, Franzosen und Briten an der Westfront. Vergessen werde dabei aber, dass sich diese Mächte auf kolonialem Territorium durchaus nicht immer in die Quere gekommen seien, einander auch mal Territorien zugeteilt hätten, um, letzten Endes, die Vorherrschaft der weissen Kultur über den Globus zu gewährleisten. Hannah Arendt habe in ihrem Werk, „Ursprünge und Elemente totalitärer Herrschaft“, dargelegt, dass „die Europäer im Zuge ihrer Eroberung, kolonialen Besiedlung und Ausbreitung grosser Teile Asiens, Afrikas und Amerikas die Menschheit in Herren- und Sklavenrassen einteilten“. So sei es gekommen, dass das „Weisssein zur neuen Religion“ geworden sei, – wie es William Edward Burghhardt du Bois (1868-1963), amerikanischer Vertreter der Bürgerrechtsbewegung, formuliert habe.

Angesichts des Wiederaufflammens des Rassismus und der Ausgrenzung anderer Kulturen als „nicht vereinbar“ mit der Kultur der weissen westlichen Völker sei der Erste Weltkrieg „keineswegs ein so tiefer historischer Bruch“ gewesen, wie in Europa allgemein angenommen werde. Er sei vielmehr, wie Chinas bedeutender moderner Intellektueller Lian Cichao schon 1918 geschrieben habe, „Übergang und Vermittlung zwischen Vergangenheit und Zukunft“.

„Völkerschauen“ in Zoos und auf Jahrmärkten

Tatsächlich ragt dieser Rassismus bis in unsere Tage hinein. Der Deutsche Carl Hagenbeck gründete in Hamburg nicht nur Hagenbecks Tierpark, er war auch Veranstalter zahlreicher so genannter Völkerschauen, die in den 1920er Jahren gang und gäbe waren. In der Wikipedia heisst es in einem Beitrag über diese Völkerschauen:

„Mit der Blüte des Kolonialismus gegen Mitte des 19. Jahrhunderts erlebten die Völkerschauen in Europa einen grossen Aufschwung. Menschen aus fremden Kulturen wurden im Zoo oder im Zirkus sowie auf Jahrmärkten, Volksfesten, in Varietees und auf Gewerbe- und Kolonialausstellungen in möglichst naturgetreuer Kulisse präsentiert. Auch Nichtkolonialmächte organisierten Völkerschauen: Auf der Schweizer Landesausstellung im Sommer 1896 in Genf war neben einem Village suisse ein Village noir mit 230 Sudanesen zu sehen, die der Kälte zum Trotz in Lehmhütten hausten.“

Alte Leidenschaften

Und der deutsche AfD-Bundestagsabgeordnete Alexander Gauland sagte im Jahre 2016 über den dunkelhäutigen Fussballspieler Jérôme Boateng vom Fussballclub FC Bayern München in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Die Leute finden ihn als Fussballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“

Am kommenden 11.November wird, wie in jedem Jahr, des Endes des Ersten Weltkrieges gedacht. Dieses Mal werden exakt einhundert Jahre vergangen sein, seitdem das grosse Abschlachten endete. Pankai Mishra ordnet den kommenden „Remembrance Day“ so ein:
„Die Liturgie des Remembrance Day leugnet ... nicht nur die grausame Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs, sondern auch das Andauern dieser Grausamkeit bis ins 21. Jahrhundert. Mit dem hundertsten Jahrestag des Kriegsendes stellt sich uns eine anspruchsvolle Aufgabe, nämlich zu erkennen, wie sehr die Vergangenheit auch unsere Gegenwart prägt und unsere Zukunft bedroht – wie das endgültige Abdanken der weissen Kultur von der Vorherrschaft und das gleichzeitige forschere Auftreten der bisherigen finster-trägen Völker in den westlichen Ländern einige sehr alte politische Leidenschaften entfacht hat.“

Anteil am Sieg?

Pankai Mishra erinnert auch an die Opfer, welche die zwangsrekrutierten Kolonialvölker im Krieg gebracht haben. Mehr als vier Millionen nicht- weisse Menschen, so der Autor, hätten in Europa, in Sibirien, in Ostasien, im Nahen Osten, vom Afrika südlich der Sahara bis zu den südpazifischen Inseln gekämpft:

„In Mesopotamien stellten indische Soldaten über die gesamte Dauer des Krieges die Mehrheit der alliierten Arbeitskraft, und ohne sie hätte es weder die britische Besatzung des Zweistromlandes, noch die erfolgreiche Kampagne in Palästina gegeben. Sikh-Soldaten halfen sogar den Japanern, die Deutschen aus ihrer chinesischen Kolonie Qingdao zu vertreiben.“

Schliesslich: nach Ende des Krieges hätten sich engagierte (nicht-weisse) Intellektuelle gefragt, wo denn nun ihr Anteil am Sieg bleibe, ob denn, so muss man diese Frage interpretieren, nun ihre Diskriminierung beendet werde. Dazu Pankai Mishra:

„Schwarze Amerikaner fragen sich nun immer vernehmlicher: Wo ist unser Anteil? Die Antwort war eine Welle gewalttätiger Übergriffe auf Schwarze in allen Teilen der Vereinigten Staaten. (Auch Wilson fürchtete, dass der von auswärts zurückkehrende amerikanische Neger versucht sein könnte, den Bolschewismus ins Land zu schmuggeln.) 1919 metzelten britische Soldaten in Amritza Hunderte bewaffnete indische Demonstranten nieder und trugen so zur Wandlung Gandhis vom emsigen Kollaborateur des britischen Empires zu dessen unbeirrbarem Gegner bei. Nur ein Jahr später schlugen die Briten mit dem ersten massiven Luftbombardement der Geschichte einen irakischen Aufstand nieder.“

Düstere Feststellung

Pankai Mishra behandelt auch den Zusammenhang zwischen Imperialismus und den sozialen Spannungen in einzelnen europäischen Ländern. Der Brite Cecil Rhodes, der Gründer Rhodesiens (heute Zimbabwe), Vertreter der Meinung, die Briten seien die „erste Rasse“ der Welt und Befürworter einer Vereinigung der USA und Grossbritanniens zwecks Bildung einer gemeinsamen Weltregierung, schrieb 1895, der Imperialismus sei eine „Lösung für die sozialen Probleme“. Wörtlich:

„Um die 40 Millionen Einwohner des Vereinigten Königreiches vor einem blutigen Bürgerkrieg zu bewahren, müssen wir koloniale Staatsmänner neue Ländereien erwerben und darauf die überzählige Bevölkerung ansiedeln, auch um neue Märkte für die in den Fabriken und Bergwerken erzeugten Güter zu schaffen. ... Wer einen Bürgerkrieg verhindern will, muss sich zum Imperialismus entschliessen.“

Pankai Mishra schliesst mit einer düsteren Feststellung. Das „Weissssein“ habe in der Geschichte verschiedene Herrschaftsformen angenommen: Kolonialismus, Sklaverei, Rassentrennung, Gettoisierung, rassistische Einwanderungsgesetze, neoimperialistische Kriege, Massenverhaftungen. Sein Resümee: „Mit Trump an der Macht ist sie (diese unheilvolle Geschichte, Anm. d. Autors) in ihre letzte und desperateste Phase eingetreten. Wir können die furchtbare Möglichkeit nicht mehr von der Hand weisen, die James Baldwin beschrieb, dass nämlich die Gewinner der Geschichte nicht lassen könnten von dem, was sie ihren Gefangenen gestohlen hätten.“

Lettre International, Berlin, Frühjahr 2018. Im Netz unter www.lettre.de

Kommentare

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Lieber Herr Flottau, ich lese Ihren Artikel mit gemischten Gefühlen. Schon in den 70er Jahren kritisierten wir, basierend auf Franz Fanon, Celso Furtado, Eduardo Galeano (Die Offenen Adern Lateinamerikas) etc., die Massakrierung und Ausbeutung einheimischer Völker durch Europäer. Bill Easterly's The White Man's Burden schlägt in eine ähnliche Kerbe, wie jetzt Mishra.
Selbstverständlich soll die Geschichte der vergangenen Jahrtausende und Jahrhunderte basierend auf Fakten erforscht und dargestellt werden, da werden in letzter Zeit ja ausgezeichnete Dokumentarsendungen erstellt, die, richtigerweise, nichts beschönigen. Doch Geschichte, das wissen wir alle, lässt sich wunderbar instrumentalisieren. Man kann sie nüchtern-darstellend erzählen mit Interpretation AUS DEM DAMALS HERRSCHENDEN ZEITGEIST HERAUS und überlässt es dem Adressat, das Gebotene aus heutiger Sicht zu werten, oder der Verfasser instrumentalisiert sie aus seiner - heutigen - Perspektive (wie auch Mishra - the doomed West), was beim Schreibenden meist (wie bei uns damals) zu - wie soll ich sagen: eingeengter - Wahrnehmung der Geschichte führt...

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