„Wieviel Heimat braucht der Mensch?“

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„Wieviel Heimat braucht der Mensch?“

Von Carl Bossard, 07.08.2021

„Heimat“ ist ein schwieriges Wort geworden; es hat seine Selbstverständlichkeit verloren. Vielleicht muss man es erwandern, um es zu spüren. Ein literarischer Spaziergang im Nachklang zum Ersten August.

„Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben.“ So schreibt der österreichische Schriftsteller Jean Améry.Gelesen habe ich den Satz in seinem essayistischen Denkangebot „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“ [1] Allerdings vor langer Zeit. Doch der Satz blieb mir im Gedächtnis haften. Unauslöschlich.

Wenn einem die Heimat genommen wird

Wie aber kam Jean Améry auf diese Aussage? Konstatieren kann so etwas wohl nur jemand, der seine Heimat für immer verloren weiss. Und Jean Améry hat das. Die Heimat wurde ihm geraubt, ja zerstört. 1938 floh er mit seiner Frau aus dem besetzten Wien nach Belgien. Die deutsche Wehrmacht marschierte 1940 auch in dieses Land ein. Nach der nationalsozialistischen Okkupation wirkte er in der Résistance mit, verfasste Flugschriften gegen die Besatzer, wurde verhaftet und in die Konzentrationslager von Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen deportiert. Nie wieder kehrte er in seine alte Heimat zurück. Immerwährendes Exil fand der virtuose Stilist, der scharfsinnige Denker und intellektuelle Provokateur in Belgien.

Amérys Name ist ein französisierendes Anagramm; es besteht aus Mayer und der französischen Form von Hans: Jean Améry. Der ursprüngliche Name Hanns Mayer ist ihm mit dem Verlust der Heimat entrissen worden. Der Namenswechsel zeigt’s: Vielleicht wird eben nur einem Exilierten wirklich deutlich, was das Wort bedeutet: Heimat.

Auf literarischen Spuren

„Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben“, schreibt der Vertriebene. Sein Gedanke kommt mir wieder in den Sinn – auf einer Wanderung „im Land der Seilbahnen“ [2], auf dem Weg von Oberrickenbach hinauf zum Bannalp-Stausee und hinunter zur spätmittelalterlichen Kapelle St. Joder im Engelbergertal.

Ich folge dem literarischen Wandervorschlag „Nach Oberrickenbach und weiter“. So heisst eine kostbare Erzählung des Nidwaldner Schriftstellers und Psychiaters Jakob Wyrsch. [3] Dabei komme ich an Bergbauernhöfen und schönen Heimwesen vorbei, an kleinen „Heimetli“, wie diese abseits gelegenen Gehöfte im lieblichen Diminutiv heissen, und natürlich an abgeschiedenen Alphütten.

Jeder daheim und selbständig und doch kein Einsiedler

In seinem Vorwort zu Jakob Wyrschs Essay-Band schreibt der Germanist und Schriftsteller Peter von Matt: Das Buch „berührt einen oft gerade dort am wehmütigsten, wo es selbst ganz ungebrochen begeistert zu reden anhebt. So etwa in dieser reichen Erzählung, wenn die Wandernden zuletzt nach Altzellen kommen zur St. Joder-Kapelle […] und, unter dem Vorzeichen stehend, die Landschaft, die Berge, den grünen Wellenberg betrachten.“ Dieses kunsthistorische Kleinod thront in einsamer Höhe auf knapp 900 Meter und hoch über dem Talgrund von Grafenort. In majestätischer Landschaft!

Folgen wir nochmals Wyrschs Wegweisern: „Ging man [von der Bannalp] gegen die Firnhütte, so war es am gescheitesten, einmal nach Altzellen abzusteigen, in der Kapelle [St. Joder oder Theodul] einzukehren und dann einen Blick am Mäuerchen unter dem Vordächlein talab zu tun. Eine stolze Landschaft und Siedlungsart: jeder auf seinem Heimwesen und Gehöft, zerstreut auf den abfallenden Hängen und Rainen, jeder daheim und selbständig und doch kein Einsiedler, sondern frei […]. So ist es heute. Und zur Zeit, als die Eidgenossenschaft gegründet wurde, war es wohl auch so. Auf einmal weiss man da beim Hinunterschauen, warum der Bund gegründet werden musste und gegründet werden konnte.“

„Wohl dem, der […] Heimat hat!“ (Friedrich Nietzsche)

„Jeder daheim und selbständig und doch kein Einsiedler“, beobachtet der Psychiater Jakob Wyrsch. Jeder beheimatet und frei. Jeder auch verwurzelt. So scheint es. „Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele“, heisst es bei der französischen Philosophin Simone Weil.

Jean Améry wird entwurzelt. Radikal. Der Zivilisationsbruch mit dem Anschluss Österreichs ans Dritte Reich nimmt ihm die Heimat als Ort und das, was sich vielleicht mit „Heimatgefühl“ umschreiben lässt. Sein Leben lang bleibt er Exilierter. Er erlebt eine Odyssee; doch die Irrfahrt führt ihn nicht zum Ursprungsort zurück, so sehr er sich danach sehnt. Er fühlt sich in der Fremde. Fremd bleibt ihm das Wort „Wohl dem, der Heimat hat.“ [4] Dieses Dialektische spüre ich, als ich aufs Wyrschs Spuren „zur Bettelrüti und hinab ins Dörfli [bei Wolfenschiessen]" steige – vorbei an manch stolzem „Heimetli“.

[1] Jean Améry: Wieviel Heimat braucht der Mensch? In: Jenseits von Schuld und Sühne: Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Stuttgart: Klett-Cotta, 1977.

[2] Josef Flüeler, Arnold Odermatt: Wandern im Land der Seilbahnen. Neun Tagesrouten mit Seilbahnen im Kanton Nidwalden. Luzern: Maihof Verlag, 1995.

[3] Jakob Wyrsch: Nach Oberrickenbach und weiter. In: Mühli-Gusti oder ein Enkel der Tribunen. Stans: Verlag Bücher von Matt, 1990. S. 64-78.

[4] Friedrich Schorlemmer: Wohl dem, der Heimat hat. Berlin: Aufbau Verlag, 2020. Es ist vielleicht eines der schönsten Bücher Schorlemmers.

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Übrigens: Vielen Dank für ihren Kommentar. Grossschreibung?

Heimat ist die Illusion des verklärten Blicks auf die Zerstörungen wegen Profit in "der Erosion der aufgeklärten Kultur" (Michael Hampe, ETH).

Danke, lasst uns nicht modisch, politisch korrekt der Heimat schämen.
Internationalisten, Weltbürger, waren noch nie ihren Nährgemeinschaften verpflichtet. Sie fordern globale Personenfreizügigkeit ein, siehe Migrationspakt, um sich der Bürgerpflichten zu entledigen.

Ja, beheimatet zu sein, ist eine Voraussetzung für Frieden im Herzen und im Land. Tragen wir deshalb Sorge zu unserem National- und Sozialstaat Schweiz. So wichtig Verträge und Zusammenarbeit mit supranationalen Gebilden sind: diese vermögen nie Heimat und sozialen Schutz zu geben. Das können in Europa nur intakte, demokratische Nationalstaaten, welche auch die Mittel erhalten, um die vielfältigen Aufgaben eines Staatswesens zu erfüllen.

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