Wie Sokrates heute lehren würde

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Wie Sokrates heute lehren würde

Von Carl Bossard, 28.08.2015

Lernen ist mehr als das Aufnehmen von Informationen. Es ist ein Prozess, in dem Wissen durch eigene Aktivität und eigenes Denken erworben wird.

Eine neue Lernkultur sieht die Lehrerin primär als Lernbegleiterin, den Lehrer als Coach: Schülerinnen und Schüler lernen individuell oder in Gruppen. Angesagt ist selbstorientiertes Arbeiten, gefordert Lernen ohne Lehrer. Grund genug zu fragen, was wäre, wenn Sokrates heute zur Schule ginge. Die Frage beunruhigt.

Learning Faciliator

Verantwortung in Schulen wird heute am liebsten delegiert: vielfach nach oben, oft zur Seite, zunehmend auch nach unten. Die Verantwortung fürs Lernen trügen die Schülerinnen, sie liege bei den Schülern, postuliert man. Sie regulierten ihre Lernprozesse selber und autonom. Arbeitsblätter sollen es richten, Lernarchitekturen sind das Zauberwort. Die Lehrerin wird bei Bedarf zu Hilfe geholt. Die Konsequenz: Der Lehrer mutiert zum Learning Faciliator.

Dabei spricht die Forschung über guten Unterricht eine andere Sprache. Effiziente Schulstunden sind mehr als Regieanweisung und eigengesteuertes Arbeiten, mehr als eine Unterrichtsform des selbständigen Lernens mit einem Lehrer als Lernbegleiter. (1)  Wenn Schule wirken will, braucht es eine wirksame Lehrperson, die Verantwortung übernimmt, sich engagiert und leidenschaftlich handelt – und so ansteckend wirkt. „The ethical teacher has a central role to play", schreibt der neuseeländische Schulforscher John Hattie in seiner Studie „Visible Learning“: aktiv und lenkend, mit gezielten Fragen und Feedbacks, mit einer hohen Verantwortungsethik in einem lernförderlichen Klima.

Die Welt aufschliessen

Ein solcher Lehrer war vermutlich Sokrates: ein Meister des Denkens, ein Künstler des Gedankens, ein Virtuose des Fragens. Unbequem und doch nachsichtig, unnachgiebig und heiter zugleich muss er gewesen sein, der grosse griechische Philosoph. Vor über zweieinhalb Jahrtausenden streifte er durch die Gassen und Winkel Athens. Den Stadtbewohnern brachte er das Fragen wieder bei: das Zutrauen zu dem, was sie selber von der Welt sehen und verstehen konnten, gegen das Scheinwissen und gegen die Fülle vorgegebener Weisheit – alter und neuer, wie Hartmut von Hentig einmal schrieb. Das Fragen sollten sie wagen und wachsam sein gegen die Gewissheit des Wissens.

Querdenkend und wider den Zeitgeist löckend, fasziniert Sokrates die Welt noch immer. Ginge er heute durch die Hallen und Gänge einer Schule, würde er eine gesunde Skepsis vorleben – und die Fülle der Arbeitsblätter und die Dominanz des individuellen Lernens hinterfragen. Und zwar gründlich. Er wüsste: Dossiers duften nicht; Informationen, Arbeitsblätter und Wochenpläne leben nicht. Darin unterscheiden sie sich von Geschichten und Erfahrungen, die ein interessiertes Vis-à-vis erzählt oder dem Gegenüber durch geschickten Dialog entlockt. Es braucht die Fragen und Impulse eines vital präsenten Lehrers, es braucht die animierenden (Klassen- und Unterrichts-)Gespräche. Es braucht – salopp formuliert – Lehrerinnen, die Hebamme und Stechfliege zugleich sind. Nur so entsteht jener Erkenntnisgewinn, der sich einprägt und Erfahrung wird. Und nur so ist es möglich, zu verstehen und zu begreifen, was von Bedeutung ist, damit nicht alles an Bedeutung verliert.

Über Fragen ins Nach-Denken kommen

Nichts ist, wie es scheint, und nichts ist einfach einfach, jedenfalls nicht in der Pädagogik. Das ist Sokrates’ philosophische Paedagogia perennis. Zeitlos und unbequem. Das lebte der Philosoph vor. Vielleicht waren seine Landsleute nicht gewohnt, nach Gründen befragt, sondern nach Wissen ab-gefragt zu werden. Nicht über Vor-Gedachtes sollten sie aber sinnieren, sondern über Fragen ins Nach-Denken kommen und nach-denklich werden – und so nach eigenen Antworten suchen. Denn nicht das Wissen steckt an, sondern das Suchen. Wissen ist wichtig; es referiert auf Erkennen, Verstehen, Begreifen. Dieser Idee lebte Sokrates im alten Athen nach: die Menschen nicht zu Belehrten und Scheinwissenden machen, sondern zu wirklich Verstehenden. Goethe drückte das später so aus: „Was man nicht versteht, das besitzt man nicht.“

Doch die Einsicht, dass es eine grundlegende Differenz zwischen dem Abrufen von Informationen und dem Verstehen einer Sache gibt, droht heute verloren zu gehen. Im Zeitalter des Internets werden Aneignen und Begreifen durch Finden ersetzt, geleitet von der Vorstellung: Alles, was es an Wissen gibt, ist schon da. Man muss es nur suchen. Wenn ich‘s gefunden habe, kommt es automatisch auf die innere Festplatte. Dann habe ich es und weiss es. Zu lernen brauche ich‘s kaum mehr; die Kunst liegt einzig darin, etwas zu finden. Wer nur weiss, wo und wie er nachschauen muss, um etwas zu wissen, weiss in Wirklichkeit nichts. Wissen kann ich nicht konsumieren, so wie ich mir ein Glas Wasser einflösse. Das versucht nur der Nürnberger Trichter.

„Alles“ ist der Feind von „etwas“

Schon Sokrates karikierte diesen Versuch: Es sei, wie wenn man einem Blinden das Gesicht einsetzen wolle, meinte er. Das Aneignen von Wissen muss durch mich hindurchgehen; ich muss es erarbeiten, in mich einarbeiten, verarbeiten und reflektierend in Zusammenhang setzen. Erst dann kann ich verstehen. Das wussten schon die antiken Philosophen; das betont die moderne Hirnforschung. Friedrich Nietzsche nannte diesen (Aneignungs-) Vorgang sinngemäss: „Ich verdaue es.“ Und in diesem „Verdauen“ realisiert sich der Bildungsprozess. Bildung als angemessenes Verstehen. Das aber braucht Zeit und Musse, eben: scholé. Der Lernweg ist keine asphaltierte Schnellstrasse, der Erkenntnispfad ein mühsamer Bergaufprozess – mit Irrungen und Wirrungen. Eine rechte Plackerei eben.

Darum betonte Sokrates eines unerbittlich: Bildung gewinnt man nicht durch Einbruch ins oberste Stockwerk. Der Einstieg erfolgt unten. Nur wenn wir aktiv und denkend dabei sind, wie sich unser Wissen bildet, kann es den Menschen bilden. Eben: durch nach-denken. Pädagogik hat mit dem Werden des Menschen zu tun und – als Didaktik im Unterricht – mit dem Werden des Wissens im Menschen. Dazu trug seine Methode bei, die sokratische, denn das Werden, das Erwachen geistiger Kräfte vollzieht sich, wie er sagte, am wirksamsten im Gespräch, im Diskurs. Das Exemplarische gehörte dazu, weil ein genetisch-sokratisches Vorgehen sich auf ausgewählte Themenkreise beschränken muss, und auch kann. Ein Ding richtig können ist mehr als Halbheiten im Hundertfachen, denn „alles“ ist der Feind von „etwas“ – so würde er uns lehren. Konsequent.

Vom Wert des Selberdenkens

Übers Fragen kommt man zum Selberdenken – je turbulenter und wissenslastiger die Zeiten, desto wichtiger wird dieser Aspekt. Das Portfolio der "Fachkompetenzen" veraltet absehbar. Wer selber denkt, kommt sich nie abhanden; er sucht immer neue Zugänge, um die Komplexität der Welt zu verstehen. Training im Selberdenken – dazu würde Sokrates Schülerinnen und Studierende anstiften. Zäh und zielstrebig. Und er würde sie lehren, dass der Geist einer lebendigen Schule durchaus ein Geist des Widerspruchs ist, des Fragens und Hinterfragens.

Und der weise Grieche animierte wohl auch dazu, die Sprachlichkeit unseres Daseins auszuleuchten. Sprache als Gegenstand und Medium des Verstehens ist für ihn, den Philosophen, der zentrale Bezugspunkt. Einem Gegenstand, einem Text verstehend begegnen, das heisst doch, sich zu ihm in ein dialogisches Verhältnis bringen und seine innere Dialogizität erfassen. Dieses leise Zwiegespräch gibt die Antworten und stellt immer neue Fragen. Einleuchtend.

Erst mit der Sprache geht die Welt auf

Und so stelle ich es mir vor: Wer Sokrates im Gespräch erlebte, muss einen unauslöschlichen Eindruck von der Stringenz seines Denkens erhalten und behalten haben – von den fragenden Augen und vom forschenden Blick, vom weisen Gesicht und vielleicht sogar vom heitern Lächeln, das immer schon so etwas wie der Anfang eines Gesprächs ist. Mündliches, freies Nach-Denken. Und damit kehren wir zu den Anfängen des dialogischen Denkens im alten Griechenland zurück: Denken hängt immer mit der Sprache zusammen; erst mit ihr geht die Welt auf. Sokrates setzte auf die Verbindlichkeit und Verlässlichkeit der Sprache als Mitte unserer Welt – und als Mittel des Denkens.

Die Sprache öffnet den Zugang zum Denken, in der Sprache gewinnt das Denken Gestalt. Jeder Gedanke braucht einen Körper, die Sprache. Das würde er uns heute sagen und lehren. Konsequent. Und er würde schnell erkennen, wie wichtig und aktuell diese Aufgabe ist: die Sprache als Schlüssel zur Welt.

„Erkenne dich selbst!“

Lehrerinnen und Lehrer sind Führungskräfte. Eben Pädagoginnen: paid-agogein, wie es im Griechischen heisst. Kinder hin(an)führen. Führen, nicht coachen. Klar im Anspruch und in den Zielen. Und eine gute Führungskraft macht sich nichts vor, besonders nicht über sich selbst. Γνῶθι σεαυτόν [Gnōthi seautón] hiess es im Apollontempel zu Delphi: „Erkenne dich selbst!“ „Nosce te ipsum“, wie die Römer die vielzitierte Devise übersetzten. Selbsterkenntnis ist nach wie vor die schwierigste Aufgabe für jeden Einzelnen. Sie erfolgt über das Nachdenken eigener Erfahrungen. Wer das tut, führt eine Art sokratischen Dialog mit sich selbst. Er stellt die richtigen Fragen zur richtigen Zeit, um Erkenntnisse über sich und sein Wirken zu gewinnen. Gründliches Nachdenken als Basis wirklichen Verstehens und Handelns: Denken als innerer Dialog zwischen mir und mir selbst, wie es Sokrates‘ Schüler Platon nannte. Dazu würden beide Philosophen uns heute anleiten. Beharrlich.

Sprechen und Denken sind eins

Sokrates war klar und konsequent. Mit seiner Schärfe würde er heute wohl anecken, provozierte er Kritik. Gegenläufiges zu sagen ist im Zeitalter der Pedagogical Correctness nicht so einfach, der Mut zum Antithetischen nicht ungefährlich. Ob man ihm den Schierlingsbecher überreichte, bleibe dahingestellt. Eines ist sicher: Sokrates versteckte sich nicht in einem lauen Schwall der Wörter, aufgebläht, allessagend und darum nichtssagend. Nein, eine reine und präzise Sprache. Kein Dauergerede, kein Sturzbach an Geschreibsel und Geschwätz. Auch darum wünschte ich mir, dass Sokrates heute zur Schule ginge – und dabei eine gründliche Reinigung der bildungspolitischen Sprache vornähme.

(1) Eine Studie der Universität Tübingen unter dem Erziehungswissenschaftler Thorsten Bohl zeitigt ernüchternde Ergebnisse; das Gutachten bleibt unter Verschluss. In: Heike Schmoll, Studie zur Gemeinschaftsschule: Schwäbisches Himmelfahrtskommando, FAZ 16.8.2015.

Kommentare

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Herr Bosshard

Können Sie mir erklären, woher sie wissen, dass Sokrates eine reine und präzise Sprache sprach? Meines Wissens gibt es kein einziges überliefertes Schriftstück, das original von Sokrates stammt, geschweige den Ton- oder Bildaufnahmen. Wie kann man denn in dieser Situation seine Sprache beurteilen?

Oh ist das schön! Da eckt aber einer an, da sticht einer die Schreibtischtäter! Wunderbar. Ja Fragen! Mir sagen viele, wozu lernen, es steht ja im Google. Aber eben, auch dort bekommt nur Antworten, wer zu fragen weiss. Und Fragen wachsen auf dem Boden von Bildung, nicht Aus-Bildung. Sprache sei wichtig lesen wir weiter. Nochmals oh ja! Dazu passt denn auch, dass man in Zukunft an der Uni Zürich Philosophie studieren kann, ohne Latein gelernt zu haben. Ich warte (wahrscheinlich vergeblich) darauf, dass die Physiker keine Mathematik mehr brauchen.
So sammeln die Studenten weiter ihre Credits, vergessen alles wieder und werden irgendwann diese "Kredite" auch zurückbezahlen müssen. Warten wir ein Weilchen, dann findet irgendeine junge Pädagogik-Professorin heraus, dass Lehren mehr als Coaching ist, und feiert sich als Paradigma-Wechslerin. Es kann auch ein Professor sein.

Berge von Wissen!
Wenn du oben stehst und hinunter schaust, erkennst du die Schwierigkeiten nicht. Erst wenn du unten ankommst, sind all diese Dinge wieder da in dieser komplexen Welt.

Der Mensch stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel. (Konfuzius 500v.Chr.) Motivation wäre Voraussetzung um engagiert in Wissensdurst zu geraten. Eine Welt die aufgeteilt in Gewinner und Verlierer ist, verliert immer als Ganzes. Kinder und Lernenden kommen ja aus Umfelder unterschiedlichsten Couleur, die meisten „SUCHENDE.“ Viele mit grossem Potential und oft auch mit seltenen Begabungen. Erkenne das Individuelle, lerne diese andere Welt verstehen und mache sie kompatible mit unserer aller Fiktion, deren Sinnhaftigkeit auch noch nicht bewiesen ist. Sinnstiftung und Chancenwahrung für jeden und jede in unserem mystischen Gewirr. Einer Zukunft die durchaus Folge von Vergangenheit sein wird. In der Schweiz lebt und arbeitet eine grossartige Lehrergeneration, die von Haus auf dieselben unterschiedlichen Probleme mitbringt, wie all ihre Schüler auch. Trotzdem, ein wenig Zwang muss sein! Zwang ist der unzertrennliche Gefährte jeder Gesellschaft. (Arthur Schoppenhauer) Danke, verehrter Herr C. Bosshard. …. cathari

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