Wie singt der Schutzengel unserer Seele?

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Wie singt der Schutzengel unserer Seele?

Von Iso Camartin, 25.09.2018

England ist für die Entwicklungsgeschichte des Oratoriums als einer historisch erfolgreichen Alternative zur Oper ein besonders interessanter Fall.

Ursprünglich bedeutete das Wort «Oratorium» so etwas wie einen Gebetsraum für nicht-liturgische Andachten, die meistens von konzertant dargebotener Musik begleitet waren. Das heisst: Es durfte zwar auch erzählend dramatische Musik sein, aber sie sollte auf eine Inszenierung wie auf einer Theaterbühne verzichten. Man war nach der Kirchenreform durch das Konzil von Trient in katholischen Ländern darauf bedacht, dass der Kirchenraum nicht für Musikspektakel mit Unterhaltungspotential missbraucht werde.

Das Wort «Oratorium» ging dann über auf die musikalische Form, in welcher biblisch-geistliche Stoffe ihre Darstellung fanden, meist festlich mit chorischen und solistischen Partien eingerichtet, aber dem Opernbetrieb doch entfernt genug durch den dargestellten Stoff einerseits, durch die «nicht-theatralische» Vortragsform andererseits.

Georg Friedrich Händel als Vermittler

Auch in nicht katholischen, nunmehr protestantischen Ländern war die Oper mit ihren Konventionen und Eitelkeiten, ihrem Starwesen und ihren moralischen Zwielichtigkeiten den Sittenwächtern von Religion und Politik alles andere als geheuer. Gerade in London, wo Georg Friedrich Händel in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts als Opernimpresario zwar grosse Erfolge mit der italienischen Opern und berühmten Sängerinnen und Kastratenstars feierte, aber auch grosse Pleiten als selbständiger Unternehmer erfahren musste, gab es ein Publikum, das sich den Frivolitäten des Theaters immer mehr entzog, selbst dort, wo die Themen mythologisch-klassisch waren und ernsthaft genug schienen.

Die gelegentlich puritanisch-protestantische Haltung des englischen Königshauses trug mit dazu bei, dass biblische Stoffe, in englischer Sprache und in dezenter Aufführungsart dargeboten, gegenüber der italienisch gesungenen Oper in spektakelhafter Aufmachung, an Beliebtheit gewannen. Georg Friedrich Händel war Unternehmer genug, um eine Nase dafür zu haben, was das Publikum nunmehr von ihm wollte und verlangte.

Es entstand – auch dank ihm – eine beachtliche echt englische Oratorientradition. Die Werke waren ursprünglich von ihm aus zwar oft als Bühnenwerke konzipiert, nunmehr aber wurden sie durch Umarbeitungen dem Publikum in neuer Form dargeboten. Händel hat – bereits in Italien diese Form neben der Oper pflegend – weit über 20 Oratorien komponiert, zu deren berühmtesten «The Messiah», «Israel in Egypt», «Judas Maccabaeus» oder «Jephtha» gehören.

Die vielen kirchlich orientierten Chorgemeinschaften Englands bildeten den geeigneten Nährboden für diese Oratorientradition, die eine Fortführung fanden bei Komponisten wie Haydn («Die Schöpfung», «Die Jahreszeiten) und Felix Mendelssohn («Elias», «Paulus»). Beide Musiker feierten gerade in England mit ihren Oratorien ungeahnte Erfolge, die das weit übertrafen, was in Österreich und Deutschland vorauszusehen war.

Elgar und der Kardinal

Doch auch in der genuin englischen Musiktradition sollte etwas zum Vorschein kommen, was diesem weit verbreiteten Bedürfnis nach neuer und avancierter Chormusik entsprach. So schrieb Englands berühmtester Komponist der Spätromantik, Edward Elgar (1857–1934), vier Werke, die man zurecht als Früchte englischer Oratorienkultur bezeichnen kann: «The Light of Life» (1896), «The Dream of Gerontius» (1900), «The Apostles» (1902–03) sowie «The Kingdom» (1901–06).

Weltweit am bekanntesten sollte «Der Traum des Gerontius» werden, eine Komposition, für welche Elgar zwar die Bezeichnung «Oratorium» nicht verwendete und nicht wünschte, wohl um deren Einzigartigkeit zu betonen. Es handelt sich hier um ein «vertontes dramatisches Gedicht», allerdings in den Formen des inzwischen europaweit als Geschwisterpaar der Oper ebenso beliebten «Oratoriums».

Denn der Text von Elgars Komposition basiert nicht auf einer biblischen Geschichte, sondern auf einem Gedicht von John Henry Newman (1801–1890), bekannt auch als «Kardinal Newman». Der vormalige Priester der Kirche von England konvertierte 1845 zum katholischen Glauben. Das Gedicht schrieb der Kirchenmann 1865. Im Verlauf seines Wirkens wurde er zu einer der einflussreichen Figuren des Anglo-Katholizismus. Auch heutzutage ist er – nicht zu unserem Schaden – nicht ganz vergessen. Im Jahr 2010 hat Papst Benedikt XVI. John Henry Newman seliggesprochen.

Elgar erhielt 1898 den Auftrag, ein Werk für das Chorfestival von Birmingham im Jahr 1900 zu komponieren. Er wählte dafür als inhaltliche Grundlage das von ihm hochgeschätzte Gedicht Newmans «Der Traum des Gerontius», in welchem es um die Reise eines alten «Jedermann» (Gerontius – von griechisch «geron» bedeutet soviel wie «der alte Mann») vom eigenen Tod bis zum Gottesgericht geht. Er setzte das Werk für ein grosses Orchester, Orgel, Chor und Solistenstimmen.

Inhaltlich schildert das Werk den Tod des alten Gerontius in Begleitung eines Priesters und von Freunden, die im Gedicht «Assistenten» heissen: Abschiedsgefährten der ermunternden und Zuversicht spendenden Art. Nach seinem Tod begegnen wir der Seele des Gerontius, in Begleitung eines Engels. In seiner Gegenwart kommt die Seele heil an einer Gruppe von Dämonen vorbei. Wir begegnen dem Engel der Agonie aus dem Garten Getsemani, der zum Fürsprecher für Gerontius Seele vor dem Gericht Gottes wird. Diese landet am Ende im Fegefeuer, wo der Chor der dort bereits ausharrenden Seelen den Psalm «Herr, du warst meine Zuflucht» anstimmt.

Die Arie des Schutzengels

Für viele Protestanten in England war die Sache mit dem Fegefeuer zu viel an katholischem Brimborium und an mystischer Jenseitsspiritualität. Elgars Werk wurde lange Zeit von Teilen der anglikanischen Kirche angefeindet. Inzwischen gilt «Der Traum des Gerontius» als eine der Meisterleistungen Elgars. Und wenn es um die vom Chor der büssenden Seelen und der Engel begleiteten Schlussarie des Schutzengels geht, sind sich alle Musikfreunde einig: Schöner und ergreifender kann man eine versöhnlich-beglückende Vorstellung der Jenseitswelt kaum in Töne setzen. Die Arie «Softly and gently» ist beliebt nicht nur bei religiös orientierten Menschen. Sie ist ein Juwel grosser Gesangskunst. Darum gibt es kaum eine britische Mezzosopranistin von Rang, die nicht diese Arie in ihrem Repertoire hat.

Wir hören sie hier mit der grossartigen Janet Baker, von der es mehrere Einspielungen dieser Arie gibt. «Softly and gently, dearly ransomed soul...» beginnt der Text. Der Engel will die teuer erkaufte Seele in seine Arme schliessen, den «penal waters», den von Schuld reinigenden Wassern übergeben. Die Vorstellung ist, dass eine noch von Pein belastete Seele durch einen je eigenen Schutzengel im Wartebereich ewiger Seligkeit gepflegt und beruhigt wird. So spricht der Engel zur Seele des Gerontius: «Leb wohl, aber nicht auf ewig, mein lieber Bruder. Sei tapfer und hab Geduld in deinem Bett des Leidens. Schnell wird die Nacht der Prüfung vergehen. Und morgen werde ich kommen und dich wecken.»

Diese Arie mit dem Chor im Hintergrund ist nicht etwas, das man jeden Tag hören muss und will. Aber gelegentlich, wenn Musik versöhnlich und tröstend, einnehmend und uns in anderer Weise berührend sein soll, gehört sie zum Erstaunlichen, was auf britischem Boden an musikalischen Wundern entstand.

https://www.youtube.com/watch?v=KO8CAwVQDLQ

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