Wie man Geschichten erzählt

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Wie man Geschichten erzählt

Von Christoph Kuhn, 21.01.2018

Ein über 200 Jahre alter Text und ein ganz gegenwärtiger Theaterabend

Im Zürcher Keller 62 an der Rämistrasse, einem intimen Rahmen, der die Tuchfühlung des Publikums mit dem Schauspieler nahelegt, schafft es der  Schauspieler René Peier, geleitet von Regisseur Stephen Tree, denTheaterbesuchern und -besucherinnen 90 Minuten lang mit einem altertümlichen Monolog grosses Vergnügen zu bereiten. Erzählt, gespielt werden Szenen aus den Lebenserinnerungen Ulrich Bräkers, des „armen Manns im Tockenburg“ aus dem 18. Jahrhundert.

Alt und jung

Die beiden haben das gleiche Projekt vor 30 Jahren im Keller des Schauspielhauses Zürich präsentiert. Regisseur Tree hat den aktuellen Abend so eingerichtet, dass der junge Bräker vorne auf der Bühne Episoden aus seinem Leben spielt und hinten, als alter Mann, liest und kommentiert. Damals musste also der junge Peier den alten Bräker glaubhaft verkörpern – heute läuft es umgekehrt. Und es funktioniert bestens. Vorne auf der nackten Bühne verjüngt sich der in die Jahre gekommene Schauspieler förmlich, wenn er Bräkers Kindheit und Jugend nachlebt, die erste Liebe, die Jahre als Soldat in preussischem Dienst, die Schlacht von Lobositz (ein eindrückliches Stück deutschsprachiger Literatur). Hinten auf der Bühne setzt er sich an ein Tischchen, setzt sich die Brille auf, schlägt eine Wolldecke um sich und sinniert übers Leben in Armut, das Suchtpotential von Lektüre und Literatur, den Drang zum, die Lust am Schreiben.      

„Der arme Mann im Tockenburg“, Ulrich Bräker, Kind in armseligsten Verhältnissen, desertierender Soldat, erfolgloser Garnhändler, Literat, Verfasser von Lebenserinnerungen, von Tagebüchern, Shakespeare-Bewunderer, kann uns, wenn wir ihn lesen, immer noch faszinieren – aber die 230 Jahre, die uns von ihm trennen, machen doch, dass man sich eine historische Brille aufsetzen muss, um das Gelesene richtig zu goutieren.

Ein Sprachteppich

Trees Textauswahl und Peiers Interpretation katapultieren den Bräker in die Theater-Gegenwart. Die eigenartige Sprache des Autodidakten, ein reich verzierter Sprachteppich, holpriges, sinnliches Hochdeutsch, angereichert mit umgangssprachlichen Wendungen und gelegentlichen französischen Fremdwörtern, erweist sich in der Peierschen Interpretation als überaus anschaulich, plastisch und authentisch. Während des Schauspielers Gestik eher sparsam bleibt, wenn er den Liebhaber, den Deserteur, den frustrierten Ehemann spielt, wenn er in andere Rollen schlüpft, den Vater, die bärbeissige Ehefrau gibt, teilt sich die Sprachdynamik mit, der Sprachrhythmus dieses zwischen Mundartanklängen und Hochsprache changierenden Textes, der auch, gelegentlich, über Doppelbödigkeit, schlaumeierischen Skeptizismus verfügt. Verzieht Peier sich in den Hintergrund, wird es dialektisch und manchmal metaphysisch: Der alte Bräker räsoniert über das, was dem jungen geschehen ist, setzt Erlebtes in Distanz, verknüpft es mit allgemeinen Reflexionen und schreibt es auf.

Das Hin und Her zwischen lebendigen Szenen und literarischer Bearbeitung solcher Momente strukturiert den Abend, erzeugt eine produktive Spannung, die spürbar bleibt, bis zum Schluss. In alle Richtungen ausgemessen wird die abenteuerliche Persönlichkeit des „armen Mannes im Tockenburg“ im Keller 62 von Alleinunterhalter René Peier – zur uneingeschränkten Freude des Publikums.

Weitere Vorstellungen: 25., 26., 27. Januar

Kommentare

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