Wie konnte es mit den Banken so weit kommen?

Erwin Heri's picture

Wie konnte es mit den Banken so weit kommen?

Von Erwin Heri, 24.01.2013

Die Krise kam nicht aus heiterem Himmel. Eine zusammenhängende Darstellung ihrer Ursachen liefert Grundlagen für die Frage, wie es mit den Banken weitergehen soll. – Der zweite Teil folgt am Freitag, 25. Januar.

In den letzten 30 Jahren hat sich die Banken- und Finanzindustrie ausgesprochen dynamisch entwickelt – einzelne würden sagen «gefährlich dynamisch». Insbesondere im Bereich der global integrierten TBTF («too-big-to-fail») oder gar TBTR («too-big-to rescue») Bank- und/oder Versicherungsgiganten sind Finanztanker entstanden, die wegen ihrer schieren Grösse und Komplexität kaum mehr steuerbar, geschweige denn regulierbar sind.

Dabei hat die Industrie ausgehend von der guten alten Einlagen- und Kreditbank («Savings-and-Loan») hin zu den vollständig integrierten Investment Banken viele Phasen durchlaufen. Der nachfolgende Artikel beschreibt diesen historischen Prozess aus der Sicht eines «Teilnehmers». Der Autor hat die Zeit gleichzeitig als Professor für Finanztheorie an der Universität Basel und als Inhaber höchster Führungspositionen in Grosskonzernen der Finanzindustrie miterlebt und mitgeprägt.

Symptomatischer Kurswechsel der UBS

Die strategischen Entscheide der Schweizer Grossbank UBS, sich in den nächsten Jahren auf ihre historischen Kernkompetenzen des Kreditgeschäftes und der Vermögensverwaltung zurückzuziehen, haben nicht nur in den Medien für einigen Wirbel gesorgt. Nicht ganz zu Unrecht. Bedeutet der Kurswechsel doch nicht mehr und nicht weniger, als dass ein vor über zwanzig Jahren eingeläuteter (ebenfalls strategisch motivierter) Prozess, den nicht wenige Universalbanken in der einen oder anderen Form mitgemacht haben, zumindest bei der UBS als gescheitert angesehen wird.

Wir können heute noch nicht abschätzen, wie rasch und wie radikal die Kehrtwende bei der UBS umgesetzt werden kann – auch nicht, was sie im Detail wirklich bedeutet. Anders als von vielen Medien und Politikern kolportiert, ist auch kaum davon auszugehen, dass wir jetzt plötzlich eine strategische Umorientierung aller Investmentbanken zu Vermögensverwaltern und Asset Managern sehen werden. Dazu sind die Wurzeln und das Selbstverständnis der unterschiedlichen Bankgiganten allzu verschieden. Immerhin scheint es aber interessant, darüber nachzudenken, wie denn einige der Finanzkolosse entstanden sind, die heute so intensiv über ihre Strategie und in gleichem Zusammenhang die Strategie des Finanz- und Bankenplatzes Schweiz nachzudenken haben. Immerhin besteht ja die Hoffnung, dass sich aus der Geschichte doch etwas lernen lässt.

Die frühen Konflikte

Wir schreiben das Frühjahr 1987. Die Konzernleitung der Bank hat eben entschieden, die Verantwortung für das gesamte Anlagefondsgeschäft dem Geschäftsbereich Anlagen zuzuordnen. Jahrelang waren die Publikumsfonds dem Bereich Finanz- und Kapitalmarkt zugeordnet, aber irgendwie nie recht vom Fleck gekommen. Der Entscheid schien per se nicht besonders strategisch und diente mehr der Schlichtung eines seit mehreren Monaten dauernden Streits zwischen den «Anlagen» und dem «Kapitalmarkt».

Die Bank war, wie die meisten Banken zu jener Zeit, vor allem am Kreditgeschäft interessiert. Sowohl das Anlage- als auch das Kapitalmarktgeschäft waren relativ jung. Letzteres basierte einerseits auf der Tendenz, dass sich international tätige Grossunternehmen mehr und mehr am Kapitalmarkt finanzierten und andererseits im Anschwellen der Volumina an den internationalen Devisenmärkten. Diese hatten sich seit dem Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse Anfang der 70er Jahre bereits vervielfacht und waren zu einer veritablen Geldmaschine geworden.

Das Anlagegeschäft verstand sich hingegen als eine Art Weiterentwicklung des inländischen Einlagegeschäftes bzw. Retail Banking für eine reicher und anspruchsvoller werdende Privatkundschaft, welcher man Dienstleistungen anbieten wollte, die über das traditionelle Sparbuch hinausgingen. Zum anderen sah man sich aber auch als Dienstleister für eine immer wichtiger werdende Community institutioneller Anleger (Pensionskassen und Versicherungen), die mit der Einführung des BVG (Bundesgesetz über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge) zu einer gigantischen Vermögensakkumulation beitrug, deren Verwaltung letztlich ähnliche Fragen aufwarf wie die Verwaltung der Anlagefonds oder des Anlagegeschäftes im allgemeinen. Im Internationalen Anlage- und Privatkundengeschäft hatte die Schweiz bereits eine Tradition entwickelt, die insbesondere bei den kleineren Privatbanken seit Jahren gepflegt wurde. Auch hier wollten die Grossbanken nicht zurückstehen.

Unterschiedliche Kulturen und Anreizsysteme

Der Streit zwischen den Anlage- und den Kapitalmarktabteilungen war irgendwie systemimmanent und darauf zurückzuführen, dass sich «die Anlagen» als Dienstleister und Treuhänder für eine Anlagekundschaft verstanden, deren Hauptziel eine vernünftige risikoadjustierte Rendite war. Die Leute «von der anderen Seite» sahen sich hingegen eher als Erzeuger von Kapitalmarktprodukten und als Handelshaus, welches eine Produkterechnung und ein Handelsergebnis zu optimieren hatte.

Die durch die unterschiedlichen Anreizstrukturen sich ergebenden Konflikte – Handelsgewinne und Bonus auf der Wertpapier- und Kapitalmarktseite, Performance der Kunden- und der Fondsportfolios auf der Anlageseite – hatten in anderen Ländern schon früh dazu geführt, dass das Betreiben von Wertpapiergeschäft und Einlagen- bzw. Kreditgeschäft im gleichen Haus verboten war (die berühmteste Regulierung war der Glass-Steagall Act, der in den USA schon in den 30er Jahren eingeführt wurde). Im Schweizer Universalbankensystem liess man die Koexistenz der verschiedenen Geschäftsfelder in der Meinung zu, man könne intern vernünftige Regelungen finden.

Die Entscheidungsträger der Bank waren die «Kreditgeneräle», die im traditionellen Kredit- und Retailgeschäft in den 70er und 80er Jahren gross geworden waren. Es ist nicht klar, ob sie die strategischen Änderungen, die sich im internationalen Bankengeschäft zu der Zeit abzuzeichnen begannen, wirklich strategisch einordnen konnten. So obsiegte in dem Streit zwischen den damals noch «Kleinen» jeweils gerade derjenige, der entweder lauter argumentieren konnte oder die neue im Entstehen begriffene Spartenrechnung besser einzusetzen wusste. Heute waren es die Leute von den Anlagen.

«Finance» an den Hochschulen

Die Zeit war aber auch geprägt von einer zunehmenden Bedeutung, welche Finanzmarktfragen einerseits in den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten, andererseits aber auch in den Medien bekamen. Seit den frühen 70er Jahren wurde an Schweizer Universitäten auf dem Gebiet geforscht, und bald gab es Spezialvorlesungen zu Finanz- und Anlagethemen, die in übervollen Hörsälen abgehalten und nicht selten von Hörern mit dunklen Anzügen und Krawatten besucht wurden. Schon bald gab es Nobelpreise für die Protagonisten der Finanztheorie, und allenthalben schossen Spezialjournale in den Medienhimmel. Die Börsenseiten der Zeitungen wurden immer umfangreicher und die Inserate von Anlageprodukten immer farbiger und schreierischer.

Der Crash an den Aktienmärkten im Herbst 1987 liess noch einmal aufhorchen. Er rief auch Warner auf den Plan, welche schon immer vor der Überbetonung der Finanzmärkte gewarnt hatten. So schrieb der damalige Präsident der Deutschen Bundesbank nach dem Oktober-Crash an den Weltaktienbörsen im Jahre 1987:

«Der Zusammenbruch der Weltbörsen ist nichts anderes gewesen als die Antwort auf eine ungesunde Entwicklung der Märkte in den letzten Jahren. Die Finanzmärkte werden sich von nun an wieder auf normale Bahnen zurückziehen und die Unternehmen werden sich in der Folge wieder mehrheitlich durch traditionelle Kredite und weniger direkt an den Finanzmärkten finanzieren.»

Back to the Roots?

Der Crash von 1987 wurde bald als «Unfall» abgetan. Die Strukturveränderung war nicht mehr aufzuhalten, die sogenannte Sekuritisierung – Wertpapier- anstelle der Kreditfinanzierung – hatte ihren Siegeszug angetreten. Bei den innovativen Möglichkeiten, die das sogenannte Financial Engineering bei der Wertpapierfinanzierung inzwischen aufgezeigt hatte, und bei der zunehmenden Verschlechterung der Kreditqualitäten der Bankbilanzen in den frühen 90er Jahren war dies auch nicht verwunderlich.

Oder wenn man sich noch einmal den oben erwähnten Konflikt zwischen «Anlagen» und «Kapitalmarkt» vor Augen führt: Wenn plötzlich der Sparer zum Anleger wird und die Spar- und Sichteinlagen, die den Banken früher als billige Finanzierung zur Kreditgewährung zur Verfügung standen, in (höher verzinsliche) Obligationen und Anlagefonds investiert werden wollen, dann verliert ein Teil des Kreditgeschäftes seine Bedeutung oder muss anders (und damit teurer) finanziert werden.

Financial Engineering und Wertpapierfinanzierung

In den späten 80er und den 90er Jahren durchliefen diese Prozesse eine weitere Beschleunigung. Die immer stärkere Verbreitung internationaler Rechnungslegungsstandards, aber auch eine langsam herandonnernde Immobilienkrise bis dahin undenkbaren Ausmasses machten es immer offensichtlicher, dass internationale Industriekonzerne plötzlich Bilanzen aufwiesen, die an Solidität in keiner Weise hinter den Grossbanken zurückstanden.

Konsequenterweise fanden diese an den internationalen Finanzmärkten schon bald bessere Kreditkonditionen als ihre früheren Financiers selbst. Entsprechend ging man zur Bank jetzt nicht mehr als Kreditnehmer, sondern man suchte sie als Berater und Arrangeur von Kapitalmarkttransaktionen. Wie oben beschrieben, ging diese Tendenz einher mit einer zunehmenden Nachfrage nach solchen Wertpapieren, sowohl von Seiten immer wichtiger werdender institutioneller Anleger wie Anlage- und Pensionsfonds sowie Lebensversicherungen, als auch von privaten Anlegern, die ihre Ersparnisse definitiv nicht mehr in Form von Sparheften und Einlagen bei den Banken halten wollten.

Veränderte Funktionen der Banken

Es versteht sich von selbst, dass diese strukturellen Verschiebungen im Finanzierungs- aber auch im Anlageverhalten des Publikums einiges an Umdenk- aber auch Reorganisationsarbeit der Banken mit sich brachte. Die Rolle der Bank als Intermediär zwischen der Nachfrage nach Kapital und den Einlage- oder Spargeldern führte nicht mehr notwendigerweise über die Bankbilanz selbst, sondern wurde direkt über die Finanz- und Kapitalmärkte abgewickelt.

Dies bedingte einen weiteren Aufbau der entsprechenden Expertise sowohl im Angebots- (sprich: Kapitalmarkt- oder «Sell-side») als auch im Nachfrage- (sprich: Anlage- oder «Buy-Side») Bereich des Wertpapiergeschäfts. Zusammen mit den gigantischen Verlusten, welche die Kommerzbereiche der Banken dann in den frühen 90er Jahren im Immobilien- und Kreditgeschäft eingefahren haben, erklärt dies schliesslich, warum in den Folgejahren eben nicht mehr die «Kreditgeneräle» das Sagen in den Universalbanken hatten, sondern eher die Leute, die im Finanzmarkt gross geworden waren.

Noch immer waren dies aber zwei Seiten der gleichen Medaille, die konzeptionell in Konkurrenz standen: Die Kapitalmarktseite, die sich inzwischen neuhochdeutsch Investment Banking nannte, und die Anlageseite, die ihren Ursprung im Einlagegeschäft hatte und sich noch immer vor allem als Treuhänder des Anlagekunden verstand.

Expansion des Investment Banking

Innerhalb des Investment Banking waren Abteilungen entstanden, die den Kundenhandel sowohl in den immer wichtiger werdenden Devisen, als auch in den Wertpapieren organisierten, die von den Kapitalmarktabteilungen in immer höherer Kadenz emittiert wurden. Dies ermöglichte es im weiteren, einen parallelen Handel auf eigene Rechnung sowohl in Devisen, als auch in allen anderen physischen und synthetischen Aktiva aufzuziehen, die irgendwo an einer Börse oder auch einfach «over the Counter» gehandelt wurden. Als Konsequenz davon entstand wiederum ein Bilanzgeschäft, das alles, was man aus dem früheren Kreditgeschäft an Bilanzen gewohnt war, weit in den Schatten stellte.

Die sich dadurch auftuenden Interessenkonflikte innerhalb des Investment Banking zwischen dem Handelsbuch und dem Kundenbereich wurden über sogenannte «Chinese Walls» unter Kontrolle gehalten.

Die Interessenkonflikte zwischen den transaktions-, handels- und volumenorientierten Investment Banking Abteilungen und den an (Kunden-)Performance orientierten Anlageabteilungen waren aber geblieben und wurden immer offensichtlicher. Und entsprechend offensichtlich waren auch die Reibereien unter den jeweiligen Segmenten der inzwischen entstandenen Bankkolosse.


Der Autor ist Professor für Finanztheorie an der Universität Basel und beim Swiss Finance Institute in Zürich sowie Chairman der Valartis Bankengruppe.


Der 2. Teil ist hier zu lesen.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21 behält sich vor, Kommentare gekürzt oder nicht zu publizieren. Dies gilt vor allem für unsachliche und themenfremde Beiträge sowie für Kommentare, die ehrverletzend oder rassistisch sind oder anderweitig geltendes Recht verletzen. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Newsletter kostenlos abonnieren

Das Historische Bild

Vor 50 Jahren, am 28. September 1966, starb André Breton. Er gilt als der wichtigste Vertreter des Surrealismus in Frankreich. Im 9. Arrondissement in Paris trägt ein Platz seinen Namen. Ursprünglich wollte André Breton, geboren 1896, Arzt werden. Aber seine Begegnungen mit Paul Valéry, Stéphane Mallarmé und Guillaume Apollinaire führten dazu, dass er sein Medizinstudium abbrach, um freier Schriftsteller zu werden. 1919 gründete er zusammen mit Louis Aragon und Philippe Soupault die Zeitschrift Littérature, die sich zunehmend dem Dadaismus öffnete. 1924 verfasste Breton auch unter dem Einfluss surrealistischer Maler wie Max Ernst und Salvatore Dali das „Manifest des Surrealismus“. Ursprünglich stand diese Bewegung dem Sozialismus nahe, aber 1935 brachen Breton und einige seiner Freunde mit der kommunistischen Partei Frankreichs. Während des 2. Weltkrieges emigrierte Breton mit finanzieller Unterstützung von Peggy Guggenheim zusammen mit seiner 2. Frau, der Malerin Jacqueline Lamba, nach New York. Der Begegnung mit ihr widmete Breton sein vielleicht erfolgreichstes literarisches Werk, L´Amour fou. Nach dem Krieg kehrte Breton nach Paris zurück und blieb dem Surrealismus, der bereits seinen Zenit überschritten hatte, verbunden. André Breton trug im Laufe seines Lebens die bedeutendste Privatsammlung surrealistischer Kunst zusammen. Nach seinem Tod wurden zahlreiche Werke versteigert. Das Centre Pompidou hat einen Teil der Sammlung erworben und stellt sie in einem eigens dafür eingerichteten Raum aus. (Foto: Keystone/STR) Mehr…