Widersprüchliches zum Medienvertrauen

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Widersprüchliches zum Medienvertrauen

Von Stephan Russ-Mohl, 27.07.2020

Über 20’000 Meldungen, die falsch oder missverständlich sind, hat Präsident Trump seit seinem Amtsantritt in die Welt gesetzt, so die Faktenchecker der Washington Post.

Trump verspürt neuerdings sogar Gegenwind von seinem Lieblingssender Fox News – und attackiert seinerseits die Leitmedien seines Landes nimmermüde auf Twitter.

Umgekehrt steht aber auch die New York Times mehr und mehr unter Gesinnungsjournalismus-Verdacht: Sie ist offenbar nicht mehr der Fels in der Brandung und die Hüterin professioneller journalistischer Unabhängigkeit. Namhafte Redakteure verliessen das Blatt, weil sie von ihren aktivistischen Kollegen gemobbt wurden.

Hinzu kommt, dass sich neben dem Covid-19-Virus Verschwörungstheorien und Falschinformationen rund um Corona auch in den USA mit viraler Geschwindigkeit verbreiten. Da nimmt es nicht wunder, wenn das Vertrauen in die US-amerikanischen Nachrichtenmedien nach wie vor von Tiefpunkt zu Tiefpunkt krebst: Nur etwas mehr als die Hälfte der Amerikaner gibt an, dass die Medien zumindest noch „etwas“ vertrauenswürdig sind. Und während der Corona-Epidemie hat sich das auch keineswegs gebessert.

Ansonsten fördert eine aktuelle Online-Repräsentativumfrage, die unter Leitung von Everette E. Dennis (Northwestern University in Evanston/Illinois) und seinem deutschen Kollegen Klaus Schönbach (Honorarprofessor der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen) unter 2000 Amerikanern durchgeführt wurde, merkwürdig Widersprüchliches zutage.

So sehen sich 89 Prozent der Befragten weiterhin als glühende Verfechter von Meinungs- und Pressefreiheit und sagen, Letztere sei „unabdingbar für die amerikanische Demokratie“ – aber wohl nur so lange, wie dabei ihre eigene Meinung widergespiegelt wird. Denn immerhin 41 Prozent der Befragten halten die Medien für einen „Volksfeind“ („enemy of the people“), und fast ebenso viele würden dem Präsidenten das Recht zugestehen, Nachrichtenmedien zu schliessen, die sich „schlecht benehmen“. Ganz konkret solle Trump, so ein knappes Drittel der Befragten (29 Prozent), CNN, die Washington Post und die New York Times dichtmachen.

Geradezu ein Abgrund tut sich zwischen den politischen Lagern auf – und belegt, wie tief die politische Spaltung des Landes inzwischen ist: Mit 77 Prozent vertrauen mehr als doppelt so viele Demokraten den Nachrichtenmedien „wenigstens etwas“ – im Vergleich zu 36 Prozent der Republikaner. (Schönbach ergänzt, dass soziodemographische Eigenschaften des Publikums eine viel geringere Rolle spielen, als die Forscher erwartet hatten: „Es galt ja fast als Binsenweisheit, dass vor allem alte, weisse, arme und ungebildete Männer den Nachrichtenmedien misstrauen und wirklich nur Fox News gelten lassen. Diese Merkmale spielen aber fast keine Rolle mehr, sobald man weiss, wer republikanisch und wer demokratisch wählt.“)

Krass ist freilich, wie sehr sich die Befragten in ein und derselben Umfrage widersprechen. Aber in dieser Hinsicht liegt wohl nicht nur Amerika in Absurdistan. Die Rationalität von Befragungsteilnehmern – und damit wohl letztlich von uns „mündigen“ Bürgerinnen und Bürgern – scheint vielmehr an Grenzen zu stossen.

Quellen:

https://www.washingtonpost.com/politics/2020/07/13/president-trump-has-made-more-than-20000-false-or-misleading-claims/

https://magazine.medill.northwestern.edu/wp-content/uploads/2020/07/NUQ-Trust-in-U.S.-Media-Report_09July2020.pdf

(Diese Kolumne erschien heute auch im Berliner „Tagesspiegel“)

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Dass sich Umfrageergebnisse widersprechen ist wohl nicht erstaunlich. Ich kenne viele, die Umfragen zum Spass ausfüllen. Antworten irgendwas und die Wissenschafter glauben an ihre Zahlen. Ist doch auch ziemlich naiv. Ich erinnere mich an die Einführung des Arbeitszeitmodells an der Schule, wo ich arbeitete. Plötzlich mussten wir Lehrer aufschreiben, wann wir an was gearbeitet haben. Die von Excel verblendete Schulleitung begründete das mit Steuerungskomponenten zur Optimierung der Outputqualitäten. So ein Saich sagten wir älteren Lehrer, denn wir füllten irgendwas aus, das ungefähr glaubwürdig erschien und die Amtsleitung und der Regierungsrat glaubten daran. Sie fanden das super, obwohl mit der Realität hatte das nichts zu tun. So funktioniert postmoderne Schulentwicklung, aber auch publikationsgeile empirische Wissenschaft auf der Grundlage von Umfragen.

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