Wer führt, muss wirken wollen

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Wer führt, muss wirken wollen

Von Carl Bossard, 17.11.2019

„Ich unterrichte so gerne!“ Das sagen viele Dozierende. Der schöne Satz betrifft die Aufgabe und weniger die Wirkung, die Lehrende erzielen sollen. Seinen Einfluss kennen und wirken, darauf kommt es an.

„Know thy impact!“ – Wisse, was du bewirken kannst! Der Satz geht auf William Shakespeare zurück. „Kenne deinen Einfluss!“ Auf diese einprägsame Kurzformel bringt der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie die Kernbotschaft seiner grossen empirischen Unterrichtsstudie. [1] Konkret: Lehrerinnen und Lehrer können nicht nicht wirken; sie müssen darum die Wirkung ihres Tuns auf die Kinder und Jugendlichen kennen und erkennen.

Wirkstärke geht von Personen aus

„What works best in school?“, so lautete Hatties elementare Forschungsfrage. Sein Befund überrascht nicht: Schulstrukturen und äussere Massnahmen wie beispielsweise jahrgangsübergreifendes Lernen JüL zeitigen nur geringen Einfluss. Worauf es in der Schule ankommt, spielt sich im Unterricht ab, im Klassenraum, in der Interaktion zwischen Lehrpersonen und Lernenden. Die Qualität dieser Beziehung generiert Wirkung. Sie hat, wie die Forschung zeigt, eine hohe Effektstärke. Eben: „Es kommt auf den einzelnen Lehrer an“, sagt John Hattie. [2] Von ihm und seinem Unterricht hängt es ab, ob die Kinder in ihrem Lernprozess vorankommen und Lernen gelingt.

Jeder Mensch geht etwa 15’000 Stunden zur Schule. Dabei kommt er an rund 50 Lehrpersonen vorbei, sagt eine Studie [3] – an guten und an problematischen. Auch das weiss man. In Erinnerung bleiben ein paar wenige. Es sind Lehrer, die gewirkt haben – negativ wie positiv. Es sind Lehrerinnen, die Einfluss auf unser Lernen und unsere Bildung genommen haben. Warum bleiben sie im Gedächtnis? Und warum verschwinden so viele ins Nirwana?

Wie und warum Lehrer etwas unterrichten, ist wichtig

Bei jeder Tätigkeit gibt es ein Was; dazu gibt es die Perspektive des Wie und als dritten Aspekt das Warum. Das ist in jedem Berufsalltag so. Wenn wir uns an Lehrinnen und Lehrer zurückerinnern, kommen uns möglicherweise schöne Tafelanschriften oder interessante Geschichtsstunden in den Sinn. Es ist gewiss das Was, der Unterrichtsinhalt, das Operative – aber nicht nur. Viel eher wissen wir noch, wie sie das, was sie unterrichteten, getan haben, nämlich ermutigend oder mit konkreten Feedbacks und spürbarem Zutrauen. Hier erinnern wir uns ans Wie.

Um das pädagogisch Wichtige wissen

Vielleicht sind uns gar die Werte einiger Pädagogen im Gedächtnis geblieben, die Gründe ihres Handelns, ihre Leidenschaft und ihr Feu sacré mit der Hingabe an die pädagogische Aufgabe – und ihre Freude an unserem Können und den Lernfortschritten. Wir wissen noch, was ihnen pädagogisch wichtig war. In diesem Fall wird das Warum dieser Lehrpersonen wachgerufen. Wir erinnern uns, warum sie das, was sie taten, so machten und vorlebten – und darum wirkten. „Wenn sie von Formen und Zahlen sprach, glühten ihr die Wangen und funkelten ihr die Augen, wie wenn Kinder von Schokolade-Glace reden.“ [4] So erinnert sich eine Berufsfrau an ihre Primarlehrerin, und noch Jahre später sieht sie ihre Augen, fühlt die Atmosphäre und spürt die Freude am Lernen. Es ist das Warum.

Auf die Freude an der Wirksamkeit achten

Wer sich für die Lernprozesse seiner Schülerinnen und Schüler verantwortlich fühlt, will wirken und etwas bewirken. Er strahlt einen Elan vital aus, hat Freude an den Ergebnissen und sieht den Sinn in der Wirksamkeit seines Handelns. [5] Das ist der eigentliche Gehalt des Wortes Pädagoge: paid-agogein – Kinder und Jugendlichen zu etwas hinführen.

Die Forschung über guten Unterricht spricht eine deutliche Sprache. Wenn Schule wirken will, braucht es eine wirksame Lehrperson – eine Person, die Verantwortung übernimmt und sich engagiert, leidenschaftlich handelt und so ansteckend wirkt. „The ethical teacher has a central role to play“, schreibt John Hattie in seiner Studie „Visible Learning“: aktiv und lenkend, mit gezielten Feedbacks und einer hohen Verantwortungsethik. Auch neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen dies.

„Know thy impact!“ – um Wirkung wissen

Hattie schrieb kein Rezeptbuch. Guter Unterricht ist methodisch vielfältig. Aber nicht einfach um der Vielfalt willen. Eines ist für ihn grundlegend: Lehrerinnen und Lehrer müssen ihre Wirkungen verstehen. Sie bringen eben ihre Persönlichkeit in den Unterricht ein – und nicht einfach ihr Wissen oder ihre „professionelle Kompetenz“, wie es heute in der Erziehungswissenschaft heisst. Und zu dieser Persönlichkeit bauen Kinder eine vertrauensvolle Beziehung auf. Lehrerinnen wirken mit ihrer Person und Haltung. Vertrauenswürdig und glaubwürdig muss darum der Lehrer sein. Das ist das Fundament jeder Schüler-Lehrer-Beziehung und hat nach Hattie einen der höchsten Wirkwerte.

Freude an der Wirksamkeit lenkt auf die zentrale pädagogische Aufgabe

„Ich unterrichte so gerne; das macht mir Freude.“ Das ist ein schöner Satz und als Ausdruck einer pädagogischen Grundhaltung wichtig. Wichtiger aber ist die Ergänzung: „Ich will etwas bewirken; die Ergebnisse machen Freude.“ Die erste Aussage richtet das Augenmerk auf den Input, die zweite auf die Lernprozesse und die Könnensfortschritte der Kinder. Der Blick auf die Ergebnisse führt zur Konzentration auf die Wirksamkeit und damit auf die zentrale pädagogische Aufgabe: die Kinder und Jugendlichen in ihrer Entwicklung, in ihrem Denken und Handeln optimal fordern und sie fördern.

Bei solchen Lehrerinnen und Lehrern steht die Frage im Zentrum, warum etwas zu tun ist. Sie ist fürs Gelingen wegweisend. Letztlich liegt wohl darin das Geheimnis ihres pädagogischen Wirkens.

[1] John Hattie (2012), Visible Learning for Teachers. London, New York: Routledge, S. IX.

[2] Verena Friederike Hasel, Reise ins Bildungswunderland, in: DIE ZEIT, 25.07.2019, S. 55.

[3] Rutter Michael et al. (1980), 15 000 Stunden. Schule und ihre Wirkung auf Kinder. Weinheim/Basel: Beltz Verlag.

[4] Stephan Ellinger, Johannes Brunner (2015), Alp-Traumlehrer. Von flüchtigen Fledermäusen und multikulturellen Frohnaturen. Studierende erinnern sich. Teilheim: Gemma-Verlag, S. 75.

[5] Vgl. Viktor E. Frankl (1985), Der Mensch vor der Frage des Sinns: München/Zürich: Piper.

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