„Wenn es hart auf hart kommt, müssen wir alle zusammenstehen“

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„Wenn es hart auf hart kommt, müssen wir alle zusammenstehen“

Von Heiko Flottau, 25.10.2020

Das liberale, freundliche, offene Amerika lebt – zumindest in einem kleinen Büchlein von Ruth Bader Ginsburg.

Es gibt Bücher, die man liest, in seinen Bücherschrank stellt und dann, gelegentlich, wieder hervorholt – oder auch nicht. Und es gibt im wahrsten Sinne Taschen-Bücher, welche man stets bei sich tragen, unterwegs aufschlagen und mit ständigem Gewinn lesen kann. Zu diesen gehören die „300 Statements der berühmten Supreme-Court-Richterin Ruth Bader Ginsburg. Der btb-Verlag hat jetzt (in zweiter Auflage bereits) die 2018 in den USA unter dem Titel „In Her Own Words“ erschienene Originalausgabe in deutscher Übersetzung veröffentlicht.

Zur Erinnerung: die im letzten September verstorbene Ruth Bader Ginsburg gehörte zu den weltoffenen, liberalen Richtern und Richterinnen des amerikanische Supreme Court. Um die Zusammensetzung des Gerichtes in seinem, konservativ-reaktionären, Sinne zu beeinflussen, berief Präsident Donald Trump Amy Coney Barrett zur Nachfolgerin von Ginsburg. Ihrer Bestätigung durch den Senat steht nichts mehr im Wege.

Ruth Bader, 1933 in Brooklyn geboren, Nachfahrin jüdischer Einwanderer, intensiv gefördert von ihrer Mutter, studierte Jura an der Cornell-Universität. Ihre Mutter erhoffte sich neben dem Studienerfolg ihrer Tochter – wie es im Vorwort der Herausgeberin Helena Hunt heisst – vor allem einen passenden Ehemann (auf eine Studentin kamen vier Studenten). Sie fand einen Ehemann – indessen einen, der so gar nicht in das Bild passte, das man seinerzeit von einem Ernährer der Familie erwartete – sie fand den Kommilitonen Martin Ginsburg.  

„Mehr als alles andere“, heisst es im Vorwort, „bewunderte er seine Frau für ihre Intelligenz, und nie hätte er von ihr erwartet, dass sie brav zu Hause blieb, während er hinausging und den Lebensunterhalt für sie beide verdiente. Er war, wie sie gerne sagte, ihr „grösster Unterstützer“. Der Demokrat Jimmy Carter (Präsident von 1977 bis 1981) berief Ruth Bader Ginsburg an das Bundesberufungsgericht für den Bezirk District of Columbia, der Demokrat Bill Clinton (Präsident von 1993 bis 2001) nominierte sie 1998 als Richterin am Supreme Court der USA.

Das 255 Seiten umfassende handliche Taschenbuch mit den 300  Stellungnahmen der Richterin ist in verschiedene Rubriken unergliedert. Sie heissen „Freiheitsrechte“, „Das Gesetz“, „Ihr eigenes Leben“ und  „Meilensteine“. Da sagt Bader-Ginsburg etwa in einem Interview mit der Academy of Achievement 2010:

„Da sass ich also in der U-Bahn, und um mich herum war diese unglaublich wimmelnde Vielfalt an Menschen. Das Motto der Vereinigten Staaten lautet: E pluribus unum – aus Vielem eins.

Dahinter steckt die Idee, dass wir einander und unsere Unterschiede  nicht nur tolerieren, sondern wertschätzen, und, wenn es hart auf hart kommt, alle zusammenstehen.“

Während ihres  Berufungsverfahrens  vor dem Justizausschuss des Senats sagte sie 1993:

„Die Herkunft eines Menschen sollte keine Rolle dabei spielen, wie er behandelt wird. Wenn ein Mensch in ein Elternhaus mit einer bestimmten Religion oder Hautfarbe geboren wird, dann sind das Kriterien, die überhaupt nichts darüber aussagen, was er erreichen oder welchen Beitrag zur Gesellschaft er leisten kann.“

Oder, vor dem American Enterprise Institute 1990:

„Die amerikanische Verfassung war wirklich bemerkenswert. Wendete sie sich doch offen gegen die patriarchale Macht der Könige und besagte, das Glück der Bürger der Vereinigten Staaten solle nicht von ihrer Geburt abhängen. Derlei Vorstellungen bergen ein ungeheures Potential.“

Oder, im Jahr 2011, vor dem Hastings College of Law, University of California:

„Wir hatten im Zweiten Weltkrieg gegen eine abscheuliche Ausgeburt des Rassismus gekämpft. Und doch waren unsere Truppen, für den Grossteil des Krieges, nach Rassen getrennt. Die Apartheid in Amerika musste nach dem Zweiten Weltkrieg wirklich weg, denn der Rassismus, wie wir ihn in den USA erlebten, stand im krassen Gegensatz zu dem, wofür wir in Übersee gekämpft hatten.“

So kann man immer weiterlesen – von Zitat zu Zitat, ohne jemals von Langeweile oder Desinteresse überwältigt zu werden. Die „300 Statements“ können als modernes Tischgebet dienen, sie können als Alltags-Brevier in jeder Lebenslage Mut spenden, für Agnostiker können sie zu einem Katechismus werden. Für Evangelikale allerdings, von denen einige schon mit ihren Milizen für Trump ins Feld ziehen wollen (siehe auch 3Sat-Mediathek „Bibeltreue Supermacht“, Evangelikale in den USA, ausgestrahlt am 20.10.20) enthüllt die in den Zitaten von Ruth Bader Ginsburg dargelegte Weltanschauung eher das Antlitz des Antichristen. Und in seiner selbstgestrickten, autistischen Welt muss sich Donald Trump bei der Lektüre dieser Psalmen einer weltoffenen Denkweise wie im  Fegefeuer wähnen.

Wie sagte doch Ruth Bader Ginsburg im Februar 2017 vor der University of Hawaii, gut ein Jahr nach Amtsantritt von Donald Trump?

„Ein grosser Jurist hat einmal gesagt, falsche Behauptungen entlarve man am besten durch Tatsachen. Wenn also eine falsche Behauptung aufgestellt wird, sollten die Menschen, denen das nicht egal ist, laut und vernehmlich sagen: Nein, das stimmt nicht, das ist nicht wahr. Wahr ist – was immer es gerade ist. Ich glaube also, die beste Versicherung sind Menschen, die jene zur Rede stellen und der Lüge überführen, die Unwahrheiten verbreiten und sie an den Pranger stellen.“

Diesem  Vermächtnis  einer grossen Juristin und eines beeindruckenden Menschen können die amerikanischen Wähler am 3. November  gerecht werden.

Ruth Bader Ginsburg: 300 Statements der berühmten Supreme-Court-Richterin. btb-Verlag, 2. Auflage, September 2020. Taschenbuch, 256 Seiten, auch als E-Book.

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