Wenn die Liebe geht

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Wenn die Liebe geht

Von Michael Lang, 01.06.2018

Die Schweizer Filmschaffende Christine Repond erzählt im stimmigen Drama „Vakuum“ von einem älteren Paar, das sich nach einer medizinischen Schockdiagnose neu aufstellen muss.

Meredith und André sind seit 35 Jahren verheiratet. Er ist erfolgreicher Architekt, sie hat ihre Berufskarriere hintangestellt. Die zwei Töchter sind erwachsen, es gibt bereits Enkelkinder. Das Paar bewohnt ein modernes Haus in einem ruhigen urbanen Vorort. Der Freundkreis ist angenehm, man ist kulturell interessiert, spielt Tennis. Meredith und André sind um die sechzig, einander offensichtlich sehr zugetan. Und, ja, sie haben noch Sex miteinander.

Schluss mit dem Courant normal

Jetzt ist es Herbst und bald soll eine opulente Party zum 35. Hochzeitstag stattfinden. Doch bevor das Ganze aufgegleist ist, implodiert alles. Meredith erhält nach einer routinemässigen Blutkontrolle die Schockdiagnose, dass sie HIV-positiv ist. Wie konnte das passieren? Lief bei der Blutentnahme etwas schief? Kam es bei einer Operation Andrés mit Bluttransfusion zur fatalen Infektion? Wurde das Virus bei einem sexuellen Fremdkontakt übertragen? Das schliesst Meredith für sich aus.

Per sofort ist Schluss mit dem Courant normal. Und nun beginnt ein ungewöhnliches Beziehungsdrama aus weiblicher Sicht: Die Baslerin Christine Repond (sie debütierte 2011 mit der vielbeachteten Coming-of-Age-Story „Silberwald“) stützt sich in „Vakuum“ frei auf eine reale, besonders tragische Geschichte, die der Filmemacherin vor Jahren zu Ohren kam. Reponds Plot nun ist auf die hoffnungsvolle emanzipatorische Entwicklung der Hauptfigur ausgerichtet: Meredith ist eine selbstbewusste, verantwortungsvolle Frau und Mutter, die kaum Zweifel daran aufkommen lässt, dass sie sich der Medikamenten-Therapie mit all ihren physischen Belastungen genauso stellen wird wie der psychischen Herausforderung. Um der Familie, aber auch um ihrer selbst willen!

Schuldzuweisung und Scham

Um die Energie für dieses nach der Diagnose andere Leben aufzubringen, will sie wissen, was geschehen ist. Ihre Nachforschungen fördern Unappetitliches über Andrés Umgang zutage. Als die Karten auf dem Tisch liegen, reagiert der joviale, ehrgeizige Bohème-Typ gereizt auf Vorwürfe und unter Druck wirkt er wie paralysiert. In einer dramaturgisch geschickt arrangierten Folge von verlängerten Motion-Momentaufnahmen erzählt Repond von Therapiegesprächen, von Schuldzuweisungen, vom Verletzt-Sein – und auch von der Scham der Eheleute. Und dieser Film zeigt ebenso, was im trügerisch wohltemperierten Umfeld auf ein emotional zerzaustes Paar über die eigene Befindlichkeit hinaus wartet: intelligente, hellhörige Töchter, Enkelkinder, die Gefühlsschwankungen seismographisch registrieren. Und irritierte Freunde.

Barbara Auer als Meredith
Barbara Auer als Meredith

Christine Repond hat mit ihrer deutschen Koautorin Silvia Wolkan ein solides Skript verfasst und dieses stilsicher filmisch umgesetzt. Sie zeigt fast klinisch nüchtern und gelassen, wie fragil langjähriges, eingespieltes Paarglück ist, wenn das Schicksal zuschlägt, Misstrauen aufkeimt, quälende Frage den Seelenfrieden verätzen: Wieviel Gemeinsames ist jetzt noch vorstellbar, wie sinnvoll ist das Leben- und Weiterleben wenn das Tischtuch zerschnitten ist, die Liebe geht?

Pas de deux mit Robert Hunger-Bühler und Barbara Auer

Stimmig ist die Bildchoreographie von Aline László mit unprätentiösen Herbst-Winter-Impressionen, Natureindrücken, halbleeren Strassen, schmucklosen Gebäuden und als Kontrast warmen kokon-ähnlichen Innenräumen. In diesem oft mit der Handkamera gefilmten Setting agieren vortreffliche Protagonisten: Der Schweizer Bühnen- und Filmstar Robert Hunger-Bühler findet als André eine plausible Mischung aus verwitterter Coolness und Filou-Zwiespältigkeit.

Und die Deutsche Barbara Auer – sie steht klar im Fokus – bekommt Gelegenheit, ihr stupendes Können, ihre reife, fiebrige, charismatische Ausstrahlung in die Meredith-Rolle einzubringen. Mit Barbara Auer, sie ist 1959 geboren, hatte Christine Repond, Jahrgang 1981, lange vor Drehbeginn einen persönlichen Kontakt aufgebaut. Und so ist das „Projekt Vakuum“ auch das Resultat eines fruchtbaren Frauen-Teamworks über Generationen hinweg. 

Barbara Auer und Robert Hunger-Bühler gehen in ihrem Pas de deux voller Tristesse sehr weit, bis in den Intimbereich hinein. Für das Verständnis der Story ist das ein unverzichtbares Element, für die Filmcrew wie die Akteure eine Gratwanderung. Inspirieren lassen haben sich die Beteiligten von exemplarischen Filmsequenzen aus Werken wie „Intimacy“ (2001) des Franzosen Patrice Chéreau oder „Wolke 9“ (2008) von Andreas Dresen; das Resultat dieser Recherchen sind Sexszenen in „Vakuum“ bar jeglichen Voyeurismus’ und peinlichen Kitschs.

Gut gewählt sind auch die Nebendarsteller, die präzise aufspielen, sich in den Dienst des Ganzen stellen. Mit dabei etwa Andrea Zogg, Daniel Rohr sowie Oriana Schrage und Anna-Katharina Müller, die in den Rollen der Töchter superbe kleine Akzente setzen. Und: Einen sehr prägnanten Kurzauftritt als Arzt hat der prominente Zürcher Mediziner André Seidenberg.

Ungekünstelt, schnörkellos, direkt

„Vakuum“ beeindruckt mit schnörkelloser erzählerischer Direktheit. Da wird nicht herumgekünstelt, es detonieren keine Gefühlsdusel-Petarden und von Moralinsäure und Betroffenheitslarmoyanz ist nichts zu spüren. Christine Repond setzt auf markige Dialoge, Gesten, Blicke, Bildsignale. Auf der Tonebene hört man wohlgesetzt Klassisches von Sergej Prokofjew, die norwegische Liedermacherin Ane Brun, Elvis Costello oder die Bands Frankie Goes To Hollywood und Warpaint. Dazu einen feinen Mix aus Alltagsgeräuschen, Naturklängen, Strassenlärm. Und wenn Meredith traurig-trotzig ein filigranes Architektur-Modell mit den Fingern leise klackend zerlegt oder den schweren elektrischen Rollladen am Haus herunterfährt, stockt einem fast der Atem.

Alle diese Ingredienzien sorgen dafür, dass „Vakuum“ eine Sogwirkung entwickelt, der man sich nicht entziehen will. Und die narrative und visuelle Anmutung verweist darauf, dass Repond ein Flair fürs Psychodramatische hat; wem da die originäre Filmästhetik des Österreichers Michael Haneke in den Sinn kommt, liegt nicht falsch.

Kino für Erwachsene jeden Alters

Was bleibt nach diesem Gefühls-Tsunami mit Liebesverrat, Vertrauensbruch, Betrug und Selbstbetrug? Darauf wird sich jede Zuschauerin, jeder Zuschauer einen eigenen Reim machen. Und: Die Hauptpersonen sind zwar im Vor-Rentneralter, doch Reponds Film richtet sich an Erwachsene jeden Alters. Warum? Weil in diesem facettenreichen Werk weder Klischees bedient noch lauwarme Botschaften oder gar eine versöhnliche Deus-ex-Machina-Auflösung präsentiert werden. Eigentlich geht es im Kern um das, was die wunderbare Meredith sinngemäss so sagt: Vielleicht ist das unser Problem, dass wir immer noch alles so haben wollen, wie es war. Und nun merken, wie die Zeit verrinnt.

„Vakuum“ ist ein atmosphärisch dichter, sinnhaltiger, kluger Film, der abrupt endet. Auch das passt, weil Geschichten wie diese im wahren Leben weitergesponnen werden.

(Vor-)Premieren

Mi, 6.06., 20:00, Kosmos, Zürich. Mit Christine Repond, Barbara Auer, Robert Hunger-Bühler

Do, 7.06., 19.45, Kino Rex, Biel. Mit Christine Repond, Barbara Auer

Do, 7.06., 20.30, CineMovie, Bern. Mit Christine Repond, Barbara Auer

Sa, 9.06., 20:00, Cameo, Winterthur. Mit Christine Repond

Kinostart Deutschschweiz: 7. Juni 2018.

Trailer:

 

 

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