Wenn der Amtsschimmel kräftig wiehert

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Wenn der Amtsschimmel kräftig wiehert

Von Michael Lang, 01.12.2016

Der Film, „I, Daniel Blake“, nimmt die Bürokratie aufs Korn. Er schildert Abgehängte in ihrem Kampf mit zahllosen Amtsschimmeln. Das ist auch witzig.

Daniel Blake, ein verwitweter Schreiner im englischen Newcastle, gerät in die Mühlen des Sozialsystems. Er ist kein Gutmensch, aber empathisch. Und ein Kerl mit Gerechtigkeitssinn, der sich nicht alles gefallen lässt. Damit passt er punktgenau in einen Film von Ken Loach. Denn der Achtzigjährige Brite weiss, wie man Geschichten von Menschen verbildlicht, die mit den Normen von verbürokratisierten staatlichen Institutionen nicht zu Rande kommen.

Die Endlosschleife

Alles beginnt mit einem Telefongespräch zwischen einer roboterhaften Dame der Gesundheitsbehörde und dem 59-jährigen Blake. Der hat einen Herzinfarkt erlitten und möchte nun beim Amt für „Employment and Support Allowance“ Krankengeld beantragen. Doch schon wiehert der Amtsschimmel kräftig: Blake muss stupide Fragen seine Fitness betreffend beantworten und wird als arbeitsfähig eingestuft.

Obwohl ihm ärztlich bestätigt worden ist, dass er keinesfalls arbeiten darf. Hält man ihn also für einen Simulanten und Drückeberger? Jedenfalls wird er genötigt, sich pro forma um Jobs zu bewerben, für die er nicht geeignet ist, um überhaupt Aussicht auf Arbeitslosengeld zu haben

Ein administrativer Leerlauf folgt dem nächsten. Und bald landet Blake in der Endlosschleife eines entmenschlichten, seelenlosen Sozialsystems. Dass der Bittsteller alle Abläufe online abwickeln muss, bringt ihn vollends in Rage: von Computern, Internet, Social-Media-Gedöns hat er nämlich null Ahnung.

In der Bruchbude

Blake stinkt es gewaltig. Aber er behält seine Sozialkompetenz. Auf dem Amt lernt er die Leidensgenossin Katie Morgan (Hayley Squires, ganz famos) kennen, eine junge Mutter von zwei Kindern. Die drei sind von den Behörden in London nach Newcastle abgeschoben worden und fast mittellos. Als Bleibe hat man ihnen zwar eine Wohnung zugewiesen. Doch sie ist eine Bruchbude: Es gibt keinen Strom, dafür eine defekte Toilette.

Um wenigstens etwas zu verdienen, ist Katie – eine couragierte, warmherzige Person – bereit, sich zu prostituieren. Gut, dass da einer uneigennützig seine Flügel ausbreitet: Blake, der weiss, wie praktisch angewandte Mitmenschlichkeit geht. Er bringt Katies Wohnung auf Vordermann und kümmert sich – so gut es eben geht – um die Kids. Doch wo soll das alles hinführen?

Authentizität

Ken Loach war und bleibt im Kinobereich einer der streitbarsten Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. Wie meistens arbeitet er wieder mit seinem Hausautor Paul Laverty zusammen, schart exzellente Schauspieler um sich. Etwas aber ist in „I, Daniel Blake“ neu: Loach drosselt die bestbekannte bissige, schwarz-humorige, offensive Tonalität seiner Protagonisten. Also das, was seinen besten Werken jeweils einen besonderen ironischen Schwung verliehen hat.

Der „Büezer“ Daniel Blake – grossartig interpretiert vom Stand-Up-Comedian Dave Johns – bleibt also auch im Stress bei aller Sturheit auffallend kontrolliert, verstrahlt unaufgesetzte Gelassenheit. Man mag diesen Mann, weil er bis ins Mark authentisch ist und Verantwortung übernimmt.

Reduktion auf das Wesentliche

Nach der Premiere am Filmfestival Cannes im Mai 2016 notierten einige Kritiker, Loach habe in Bezug auf ironische Schärfe und anarchistische Energie nachgelassen; der Film sei eben ein typisches Alterswerk. Ein lauwarmer Aufguss der früher gefeierten Plädoyers für proletarische Underdogs, nicht nur im abgewirtschafteten Britannien.

Das kann man auch ganz anders sehen: „I Daniel Blake“ ist – noch mehr als Loach-Werke sonst – in einem Dokumentarfilm-ähnlichen Raster verankert, Reportageartig geschnitten, etwas distanziert und karg erzählt. Warum das? Vielleicht, weil der erfahrene Loach früher als andere begriffen hat, dass man auf den permanent wabernden High-Tech-Informations-Aktionismus im Hier und Jetzt kontrapunktierend reagieren muss: mit einer filmisch-narrativen Reduktion auf das Wesentliche, formal wie in den Dialogen. Wobei dieses ja Qualitäten sind, die notabene das urbane Autorenkino einst sinnhaltig gemacht haben.

„Goldene Palme“ in Cannes 2016

Lässt man sich auf „I, Daniel Blake“ ein, wird klar: Ken Loach schafft es weiterhin, seinen Zuschauern – durchaus mit einem gewissen missionarischem Eifer und fernab von Altersweisheit – den Spiegel vorzuhalten. Intellektuell hellwach stellt er die Frage: Wie geht die globalisierte Gesellschaft mit ihren verbürokratisierten Sozial-Institutionen eigentlich mit den Daniel Blakes und Katie Morgans um? Also mit den sogenannten “Abgehängten“, den Alleingelassenen, den resignierten Älteren, den perspektivlosen Jungen?

Loach hat für „I, Daniel Blake“ in Cannes 2016 die „Goldene Palme“ erhalten, zum zweiten Mal in seiner Karriere. Wer offenen Herzens über diesen Film nachdenkt, erkennt: Die Wahl macht Sinn.

Starttermin des Films in den Kinos der deutschen Schweiz ist der 8. Dezember.

Kommentare

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Zu Bedeutung und Auswirkung von Institutionalisierung einer guten Idee (wie z.B. die "Idee von Gott" im Rahmen der Kirche, oder die "Idee des Sozialen" im Rahmen der Staatsbürokratie) liest man am besten die eindringlichen Überlegungen von Ivan Illich, beispielsweise in seinem Buch "An den Flüssen nördlich der Zukunft" (2006). Quintessenz: Das Verderbnis des Besten ist das Schlimmste (corruption optimi quae est pessima). Und dass "... die Institutionalisierung die Wurzel von etwas Bösem ist, das tiefer geht als alles Böse, das ich mit unbewaffnetem Auge und Geist erkennen könnte."

Die Bürokratie und Verwaltung in der Sozialindustrie hat auch bei uns beängstigende Züge angenommen. Sowohl bei den Arbeitslosen, IV-Bezügern, Sozialhilfeempfängern wie auch bei den Ergänzungsleistungen hat der Fragenkatalog in einem Umfang zugenommen, dass einem Angst und Bange darüber wird, wie ein (gläserner) Bürger heutzutage verwaltet oder gemanagt wird. Als Grund für diese enorme Zunahme von Datenerhebungen wird von der Sozialindustrie geltend gemacht, dass gespart werden muss und es gilt, unrechtmässige Bezüge aufzudecken. Eine Wahrheit, die nicht per se von der Hand zu weisen ist. Eine andere Wahrheit ist, dass die Bürokratie - gerade bei Sozialhilfeempfängern oder Arbeitslosen - eine Abschreckungsstrategie darstellt, die Wirkung zeigt. Es gibt vermehrt Menschen, die darob resignieren und ihre gesetzlich verankerten Ansprüche nicht einfordern - einfach weil sie, die Menschen, keine Kraft dazu haben, die Bürokratie für die Anspruchsvoraussetzungen zu erfüllen. Kommt hinzu, dass ein "Bittsteller" immer wieder die Erfahrung macht, dass er kein Vertrauensverhältnis zu einer Verwaltungsperson aufbauen kann, weil solch eine Person ständig ausgewechselt wird. Das hat natürlich System, weil es gar keine Vertrauensverhältnisse mehr geben darf. Im Gegensatz dazu wird einer Person, die Sozialhilfe beantragt, auferlegt, dass sie Ausgabenbelege für das letzte halbe Jahr beibringen muss, bevor ein Antrag auf Sozialhilfe geprüft werden kann (Anordnung einer Gemeinde im Kanton Aargau). Ken Loach hat in seinem Film ein brandaktuelles Problem aufgegriffen. Es wäre auch bei uns ein Thema, sofern sich einer der hiesigen Filmemacher daran machen würde, es auszuleuchten. Doch hierzulande werden vornehmlich Filme über die letzten Bergbauern oder das Alpenglühen gemacht, in weiser Voraussicht, dass es dafür Geld von der UBS oder Migros gibt. David Grebner, ein gescheiter Kopf der Occupy-Bewegung, hat ein gescheites Buch über die Auswüchse einer Bürokratie geschrieben, die nicht den Menschen dient sondern sie krank macht.

Aber, aber Herr Hofstetter, uns ging es noch nie so gut wie heute!

Ausgenommen den Afrikanern, den Arabern im Nahen Osten, den Fünfhundertmillionen Indern, ausgenommen den Randständigen, den Verlierern im Westen. Von Detroit über Griechenland bis Portugal. Die Babyboomer kommen nun ins Arthrose-Alter, kämpfen sich mit künstlichen Hüftgelenken durchs Pensionsleben. Hinterlassen eine verängstigte, überall bedrohte Nachkommenschaft, oft durch egoistische Lebenskonzepte selbst zeugungsunfähig. Und eine gut alimentierte Polit-Elite unterwirft sich dazu ständig selbstüberbietend, jenen Dunkelkammern, die der Finanzelite. Produziert Populismus durch Volksentfremdung, staunt über all die Bildungsfernen und lästert ungehindert über das dumme Volk in all den Demokratien. Man fragt sich, wo sind die Sozialisten geblieben, ah ja, sie kämpfen um oder gegen Windräder. Don Quijote lässt grüssen! Vielleicht wäre „ Back to the Roots“, eine Art Auszeit wie Sabbatical von Nöten. Denn der Weg zu Revolutionen führte meist über das Sklaventum. Man sollte die Weichen stellen bevor der ganze Zug entgleist. Die Chancen für Marine le Pen, die Hofers, die Grillen, die AfD steigen dadurch täglich, denn die Leute wissen was sie nicht wollen, keinesfalls wollen. Täglich neuer Entzug von Freiheiten, die totale bereits existierende Überwachung und überall ausgenommen werden wie die Weihnachtsgänse. So werden sie eben leichter verführbar, verführbar durch sogenannte Populisten. Herzlichen Gruss und ein Dankeschön für Ihren Kommentar… cathari

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