Welttheater auf dem Julierpass

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Welttheater auf dem Julierpass

Von Andreas Doepfner, 23.04.2017

Ein dreissig Meter hoher Turm entsteht als Zeichen für die innovative Schweiz.

Das Team um den initiativen Bündner Theaterdirektor Giovanni Netzer hat in Zürich das baureife Projekt eines hölzernen Theaterturms auf der Julierpasshöhe vorgestellt.

Es ist kein Turmbau zu Babel, weil da oben zwischen Engadin und Lenzerheide drei Landessprachen heimisch und auf den Turm- und Kulturbauplätzen weitere Arbeitssprachen üblich sind. Innert fünf Wochen muss der hölzerne Koloss im Frühsommer entstehen, nachdem er von 14 Ämtern und Institutionen begutachtet und innert relativ kurzer Zeit bewilligt worden ist. Die Finanzierung durch die öffentlichen Hände und vor allem durch private Kulturstiftungen ist noch im Gang. Deshalb wird vorläufig das Sternenzelt der Hochalpen das Dach bilden.

Roter Turm mit 300 Sitzplätzen

Der mehrstöckige rote Bau mit 300 Sitzplätzen wird für einige Jahre auf dem Julier sommers wie winters bespielt werden. Er muss Orkanen von bis zu 250 Stundenkilometern Heftigkeit widerstehen, Schnee- und Staublawinen aushalten, dicht sein für Regengüsse. Ein solcher Wind weht nach heutigen Erkenntnissen alle fünfzig Jahre – also könnte er im ersten Winter losheulen.

Doch der Bonaduzer Bauingenieur Walter Bieler spricht auch respektvoll von dem „sozialen Verhalten des Tragwerks durch die Verbindung von zehn fünfeckigen Einzeltürmen aus leichten Holzelementen zum einen, starken“. Der Savogniner Holzbauunternehmer Enrico Uffer sichert regionale Arbeitsplätze durch den Auftrag. Der Theaterbetrieb Origen insgesamt ist seit langem kultureller Initiant und Leistungsträger im sonst serbelnden Tourismus.

Eröffnung Ende Juli mit Bundesrat Berset

Eröffnet wird das neue Welttheater am 31. Juli durch den Schweizer Kulturminister, Bundesrat Alain Berset. Gegeben wird Netzers mehrsprachige „Apokalypse“, vertont von Gion Antoni Derungs, dem bedeutenden Rätoromanen, der zahlreiche Werke für Origen geschaffen hat. Im Oktober folgt eine Herodes-Oper. (Karten ab Mai auf origen.ch)

Origen heisst rätoromanisch Ursprung, Herkunft, Schöpfung. Mit diesem knappen Programm ist das Graubündner Kulturfestival Origen innert zwölf Jahren vom kleinen Sommerfestspiel in Savognin-Riom zur internationalen Kulturinstitution herangewachsen. Die Auftritte reichen von St. Moritz bis Zürich mit Gastspielen in Luzern und München, bis hin zu der jeden Sommer tingelnden Commedia-dell'Arte-Truppe. Origen zieht immer mehr Publikum an, das von der unmittelbaren Kunst ohne Guckkastenbühne berührt wird und die Kunde darüber ins Land hinaus trägt: Dort oben werden musikalisch, tänzerisch, räumlich neue Theatersprachen experimentell gesucht, gefunden, entwickelt. Da ist professionell gestaltete Kultur: kraftvoll perfekte Inszenierung menschlicher Ausdrucksformen.

Giovanni Netzer – das Herz von Origen

Das Wesen der Kulturinstitution Origen wird fassbar in den beinah unendlich vielen kreativen Räumen und Arbeitsfeldern des Intendanten Giovanni Netzer. Er bündelt Ideen, gibt Musik dazu in Auftrag, schreibt Libretti, Stücke, Programme. Er entwirft und modelliert Bühnenbilder, er unterlegt Bewegungstheater mit Klang und ergänzt Musik mit Körpersprache.

Helle Köpfe haben früh erkannt, dass Origen nicht nur in der Ursprungsidee von Netzer stammt, sondern dass die Institution Origen mit dem Gründer und Leiter, dem Fundraiser und Organisator identisch ist. Substanz entsteht in einer seltenen Symbiose der professionell performenden Künstler mit Netzer, in gemeinsamer kreativer Arbeit.

„Souvenirs“ – Origens erste Jahre

Visionäres Schaffen dominiert denn auch den schriftstellerischen Rückblick auf die ersten zwölf Jahre Origens. Diese bisherigen Leistungen Origens sind dokumentiert im grossformatigen Band „Souvenirs. Origens erste Jahre. Erinnerungen an eine bemerkenswerte Entwicklung“ von Andreas Doepfner, erschienen Ende 2016 in Riom/Chur bei Origen/Desertina, gestaltet und mit Bildern versehen von Giovanni Netzer. Doepfner, langjähriger NZZ-Redaktor, hat Origen von Anfang an als intensivster Beobachter begleitet. Die Texte und Bilder belegen den zukunftsträchtigen Umgang Origens mit unserer Kultur.

 

Ein morgenländisch-abendländischer Kreis rundet sich bei Origen: Erzählungen des Alten Testaments, Mythologie der Antike, Offenbarungen des Untergangs: Das verschmilzt zum freien Gestalten von Mythen in der Moderne, Erzählen für das Hier und Heute. Tanz, Ballett hat den heutigen Intendanten in seiner Münchner Studienzeit gepackt. Seit ersten gelungenen Experimenten der Sprachlosigkeit im sommerlichen Hochgebirge – auf dem Julierpass, dann auf dem Staudamm von Marmorera sowie im März 2014 auf dem gefrorenen Silvaplaner See – überwindet Origen die Schwäche menschlichen Sprachausdrucks am überzeugendsten in der Bewegungssprache.

Heilung in der Kunst

Diese Körpersprache hat Netzer mit Spitzenkönnern des Tanzes aus der weiten Welt in Kirchen, in der Burg, im Wintertheater zu Riom, in Bahnhofshallen entwickelt, sie zum Bewegungstheater werden lassen. Von jungen Choreographen im Teamwork erarbeitet, ist der bewegte und bewegende Ausdruck für Tänzer, Schauspieler, Sänger zu einer neuen Kunstform geworden.

In Experimenten, dann immer zielbewusster dient Origen einer neuen Freiheit der Kunst, einer Freiheit in Verantwortung den Menschen gegenüber. Der Leitspruch könnte heissen: Einem selbstbewusst suchenden Publikum dienen, das in heilloser Welt Heilung in der Kunst sucht.

Kommentare

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Amun-Re
„Vollzieher der Schöpfung-Aha!
Oktogon, Spirit of Math.
Heiliges Bekenntnis zu einer unheiligen Welt. Und wenn die Sonne untergeht, in die Unterwelt reist beginnt Theater und was für eins. Da freuen wir uns. Geist hinter Materie, jenseits der Quarks, hinter allen Dingen ständig bemüht Ordnung ins Chaos zu bringen, wirkt auch im Turm. Dieser geheimnisvolle Geist den wir alle erahnen und trotz aller Wissenschaft nicht in den Griff kriegen und wir wissen nicht warum, aber Gott weiss es. Eben, es gibt noch etwas jenseits der Naturgesetze, jenseits des Rechts des Stärkeren, darum. Ich wünsche diesem genialen Projekt viel Erfolg… cathari

Dieser Turm besticht insofern, als er nach einigen Jahren wieder entfernt wird. Was leider bei jenem auf dem Monte Ceneri nicht der Fall sein wird. Beide Türme kommen mir vor wie Abschlüsse von Tunnelentlüftungen. Respekt vor der Berglandschaft habe ich mir anders vorgestellt.

Ich auch.
Zum Glück: Kunst kann auch vergänglich sein.

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