Wasserwelten

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Wasserwelten

Von Dieter Imboden, 19.05.2021

Unter den drei Sphären, welche die Erde dem Leben zur Verfügung stellt – Wasser, Land, Atmosphäre –, ist das Wasser die idealste. Doch der Mensch ist ein Landbewohner.

Nicht ohne Grund ist das Leben im Wasser entstanden, in jenem Milieu, wo die notwendigen Lebenselixiere reichlich und gerecht zur Verfügung stehen. Im Wasser haben auch die Kleinsten eine Chance, die Einzeller zum Beispiel, sich frei schwebend in die optimale Lichtposition zu bringen. 

Das „Projekt Leben im Wasser“ wurde so sehr zum Erfolg, dass sich einige Arten – vielleicht weil ihnen der Platz im Wasser zu eng wurde – daran machten, das Land zu erobern. Doch dort stellten sich neue Herausforderungen, der Umgang mit der Schwerkraft zum Beispiel, die grossen Temperaturschwankungen sowie die unzuverlässige Verfügbarkeit von Nährstoffen und Wasser. Das Leben musste, bildlich gesprochen, in eine neuartige Infrastruktur investieren, in turmhohe Baumstämme, mittels derer die essentiellen „Produktionseinheiten“ des Lebens, die grünen Blätter, welche die Energie des Sonnenlichtes zu speichern im Stande sind, besser als die Konkurrenz ans Licht gebracht werden können. 

Das Leben auf dem Land ist hart, so hart, dass sich gewisse Tierarten Jahrmillionen nach der Landnahme entschieden haben, in ihr angestammtes Milieu, das Wasser, zurückzukehren, Wale zum Beispiel, Delphine oder Robben. Andern Arten – so Insekten und Vögeln – ist es gelungen, ihren vom Wasser ererbten Traum von der Schwerelosigkeit in anderer Form zu erfüllen; sie haben fliegen gelernt.

In allen Sphären beheimatet: Wasser, Land, Luft
In allen Sphären beheimatet: Wasser, Land, Luft

Die Vorfahren des Menschen haben sich weder für das eine noch das andere entschieden; sie blieben Erdlebewesen. So hatte auch der Mensch keine Wahl; er wurde gleichsam in eine zweidimensionale Welt hineingeboren. Doch der Traum von der dritten Dimension hat den Menschen, das wasseruntaugliche und flugunfähige Säugetier, nie verlassen, sondern seit jeher seine Fantasie und sein Denken beflügelt. Insbesondere das Wasser hat ihn schon immer zum Experimentieren, zum Verändern und Gestalten verführt. Man muss nur Kindern zuschauen: Jeder Tümpel weckt das Verlangen, darin mit blossen Füssen herumzustapfen, jeder Teich den unweigerlichen Impuls, Steine hineinzuwerfen, um die kreisförmigen Wellen zu bestaunen, jedes Bächlein verlockt dazu, ihm schwimmende Gegenstände anzuvertrauen und sie in der Ferne verschwinden zu sehen. 

Vom passiven Zuschauen ist es nur ein kleiner Schritt zur aktiven Einflussnahme, zum Bau von Schiffen, von künstlichen Wasserwegen oder von Dämmen, mittels derer Wasser gespeichert werden kann. Am Wasser wurde der Mensch zum Homo Faber.

Am Wasser über das Leben nachdenken ... Kürzlich bot uns eine Freundin für ein paar Tage ihr Haus, die Espe, für „Nah-Ferien“ an, während sie sich in einer Klinik von einer Operation erholte. Das gemütliche, im nordischen Stil erbaute Holzhaus liegt in der deutschen Exklave Büsingen oberhalb von Schaffhausen unmittelbar am Rhein, nur eine Fahrstunde von unserem Zuhause, und doch in einer so anderen Welt.

Am Rhein bei Büsingen, Blick stromaufwärts
Am Rhein bei Büsingen, Blick stromaufwärts
 

Als wir am Abend unseres ersten Tages bei einem Glas Wein auf der schmalen Terrasse zwischen dem Haus und der kleinen Mauer sassen, welche hier das Flussufer bildet, dem träge dahinfliessenden Strom zuschauten, den Blesshühnern und Schwänen, welche – für den Zuschauer nur halb verständlich – ihre Rituale um Macht und Partnerschaft ausfochten, fühlten wir uns zurückversetzt in jene seligen Momente an Deck unseres ehemaliges Schiffes, der Solveig, wenn wir nach getanem Tagwerk am Ufer eines Flusses das kontemplative Sitzen und Schauen genossen. 

Plötzlich hörten wir ein eigentümliches Geräusch, wie wenn – im Abstand von zwei oder drei Sekunden – sachte zwei Steine aufeinandergeschlagen würden. Begleitet von einem leisen Plätschern kam das Klopfen langsam näher, bis sich zwischen die Ufermauer und die beiden Pfähle, an denen ein Schiff festgemacht war, sachte der Bug eines Weidlings in unser Blickfeld schob. Dort sass, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, eine Frau und lächelte einer unsichtbaren Person zu, die erst Sekunden später in unser Blickfeld geriet, ein junger Mann, der – göttergleich – mit einem Stachel sein Schiff mit kräftigen Stössen gegen den Strom lenkte. Michelangelo hätte sich gefreut!

Dieses leise, fast archaische Schauspiel sollte sich im Laufe der kommenden Tage mehrmals wiederholen, oft gegen Abend und mit wechselnden Darstellern, Jüngeren und Älteren, Frauen und Männern, zu zweit oder auch allein. Ein, zwei Stunden später liessen sich die Schiffersleute dann in ihren Kähnen am gegenüberliegenden Ufer, wo die Strömung kräftiger ist, wieder Schaffhausen zutreiben. 

Auch andere Wasserfahrer und -fahrerinnen lernten wir im Laufe unseres Aufenthaltes an ihren spezifischen Geräuschen erkennen, die Sportruderer zum Beispiel, welche in unterschiedlichsten Formationen der Strömung trotzten, in langen Achtern oder auch in wendigen Einern. Sie meldeten sich akustisch durch das rhythmische Geräusch der Rollsitze an. Manchmal folgte ihnen das Motorboot des Clubtrainers, dessen über ein Megaphon erteilte Anweisungen weit übers Wasser hallten. 

Am geräuschlosesten waren die Paddelboote, ausser wenn sie in Gruppen kamen. Dann schallten ihre Stimmen und ihr Lachen von weither bis in unser kleines Gärtchen. Dort waren wir überdies nie allein. Spatzen lärmten, Amseln und Mönchsgrasmücken sangen, eine Bachstelze wippte ihren langen Schwanz in der Sonne, und morgens und abends besuchten uns zwei Kolkraben, welche in den Gärten entlang des Wassers ihr festes Revier aufgeschlagen hatten und andere Angehörige ihrer näheren Verwandtschaft, Elstern und Krähen zum Beispiel, auf Distanz hielten. Majestätisch hüpften sie in langen sanften Sprüngen auf dem Mäuerchen auf und ab, wetzten ihre Schnäbel am Eisenpfosten des Zauns oder suchten im Gras nach Essbarem. Jemand in der Nachbarschaft fütterte sie offenbar mit altem Brot. Mehrmals beobachteten wir, wie die beiden mit ihren Brocken auf das vor unserem Garten festgemachte Schiff flogen, wo sich auf der Abdeckblache ein kleiner Tümpel gebildet hatte. Hier legten sie das Brot hin, drehten es ein paar Mal mit dem Schnabel, wie wir es als Kinder mit unseren Milchmocken getan hatten, und flogen dann mit ihren aufgeweichten Leckerbissen auf einen nahen Baum.

Am dritten Tag – es hatte unterdessen geregnet und die Wolken hingen tief über dem Land – waren plötzlich die Schwalben da. Wild flitzten sie während Stunden kreuz und quer über den Rhein, knapp über dem Wasser die Rauchschwalben, erkennbar an ihrem doppelten Schwanzstiel, einige Meter höher die Mehlschwalben. Wenn die Schwalben den Himmel beherrschten, so schien es uns, wagten sich andere Vögel kaum mehr in die Luft oder aufs Wasser hinaus, sondern duckten sich am Ufer und warteten auf bessere Zeiten.

Doch so sehr uns die temporäre Rückkehr in die Wasserwelt erfüllte, zum Homo Faber konnten wir dort nicht werden. Den Rhein zu stauen und umzuleiten hätte unsere Kräfte überstiegen, und zum Bau von Strandburgen eignete sich das Rheinufer schlecht. Aber wir hatten vorgesorgt und in unserem Gepäck die Adresse professioneller Wasserbauer mitgebracht. Eines Tages zogen wir aus, sie zu besuchen.

Das GPS leitete uns sicher über den Rhein ins Zürcher Weinland. In Marthalen hätten wir die Strasse nach Ellikon am Rhein fast verpasst. Überall standen Wegweiser der „Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle“, aber unser Interesse galt nicht der Tiefbohrung der Nagra. Die Ingenieure, welche uns interessierten, waren weiter südlich tätig, dort wo der Mederbach unterhalb Marthalen ins Niderholz und später in die Thur fliesst. Wir liessen das Auto am Waldrand stehen und wanderten auf einer Waldstrasse, welche auf der rechten Seite des Baches in den Wald führt, südwärts. 

Hätten wir ohne vorherige Information gemerkt, dass hier mit dem Wald etwas geschehen ist? – Links vom Weg ragten die kahlen Stämme abgestorbener Fichten in den Himmel. Viele Bäume waren umgestürzt und lagen kreuz und quer auf dem Boden. Doch halt, da war ja gar kein Waldboden, hier breitete sich entlang des Mederbaches über mehrere hundert Meter ein See aus, gestaut von einem Damm, der wasserbauliche Erfahrung verriet, nur dass der Erbauer nicht an der ETH studiert hatte, sondern sein Wissen in seinen Genen mit sich trug.

Bibersee bei Marthalen: Am richtigen Ort den Damm gebaut.
Bibersee bei Marthalen: Am richtigen Ort den Damm gebaut.

Der Bibersee, so hatten wir aus einer früheren Sendung des Schweizer Fernsehens gelernt, sei vor knapp fünfzehn Jahren entstanden, als hier eine Biberfamilie ihre Heimat fand. Die Biber hätten, so der Kommentar des Fachmanns, mit unglaublicher Instinktsicherheit genau jenen Ort ausgewählt, wo ein Damm ein grosses Stück des Waldes in einen See verwandeln würde. Dort hätten die Biber ihr Werk begonnen. Aber damit nicht genug. Weil grosse Bäume das Wachstum von Büschen, von deren Blättern sich Biber ernähren, behindern, gingen sie später daran, die Bäume in und um den See systematisch zu fällen und so Licht für ihre Büsche zu schaffen.

Eigentlich stünde ein See nicht im Programm einer üblichen Förster-Ausbildung. Doch zum Glück haben sich vor ein paar Jahren angesichts der Einzigartigkeit des Biber-Experimentes Förster und Naturschützer in Güte gefunden. Der Kanton Zürich hat der Gemeinde Marthalen quasi im Namen der Biberfamilie die Nutzung von mehreren Hektaren Wald abgekauft. Das freut nicht nur die Biber – sie, die Schöpfer der neuen Landschaft, bekommt man höchstens mit ein bisschen Glück zu Gesicht –, sondern zahlreiche Pflanzen und Tiere, welche sonst in einem typischen, etwas eintönigen Fichtenwald nichts verloren hätten. Ich zitiere von der Webseite von Pro Natura: „Binsenjungfer, Pirol, Gelbbauchunke, Grauspecht und Dornschrecke: Dies sind einige Beispiele der Tierarten, die sich alleine in den vergangenen Jahren im und am neuen Bibersee bei Marthalen wieder zeigten."“

Auf der Rückfahrt in unser Refugium am Rhein begleitete uns ein ganz besonderes Glücksgefühl, verbunden mit einer gewissen Gelassenheit: So wichtig und mächtig sind wir Menschen eigentlich nicht, wie wir das manchmal glauben, weder im Zerstören der Natur, noch wenn wir glauben, diese (vor uns) retten zu müssen. Sie ist lange vor uns zurechtgekommen und wird es auch nach uns tun, wie es Franz Hohler in der „Rückeroberung“ (1) beschrieben hat. Der Homo Faber ist nur eine Variante gestaltender (und verunstaltender) Kräfte; es gibt noch unzählige andere. Dem Castor Faber, dem schaffenden Biber, sei für seine Lektion gedankt. 

(1) Franz Hohler: Die Rückeroberung, Erzählungen. Luchterhand, 1982

Alle Bilder: © Dieter Imboden

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