Was nicht im Stundenplan steht

Carl Bossard's picture

Was nicht im Stundenplan steht

Von Carl Bossard, 13.11.2018

Ein Bundesgerichtsentscheid hat Folgen. Da und dort werden Schulreisen gestrichen. Das ist mehr als nur der Wegfall eines Ausflugs; ein Stück Schulkultur bricht weg. Eine Erinnerung.

Für obligatorische Anlässe wie Schulreisen und Skitage, Schullager und Exkursionen dürfen in Zukunft nicht mehr die Eltern aufkommen. Finanzverantwortlich zeichnet die Schule; von den Eltern kann sie nur noch die Essenskosten verlangen. Mehr nicht. So hat das Bundesgericht im Dezember 2017 entschieden. Als Folge streichen einzelne Gemeinden solche speziellen Intermezzi. Das Geld fehlt. „Eine Bankrotterklärung für die Schweiz“ sei das, erklärte der oberste Schweizer Lehrer, Beat W. Zemp.

Bildung: Vorgang aus vielen Quellen

Spiel und Sport, Theater und Konzerte, Ausflüge und Lagertage gehören zu jenem Bereich, der nicht im Stundenplan steht und nicht im Fächerkanon figuriert. Doch er hat seinen unverzichtbaren Wert. Die Pädagogik umschreibt diesen Bereich mit den Begriffen „Schulleben und Schulkultur“. Sie prägen die Atmosphäre einer Schule nachhaltig.

Die Schulkultur schafft Zwischenzeiten – und damit pädagogisch wichtige Momente. Projekte, Lagerwochen und Exkursionen führen über das Korsett des Stundenplans hinaus und kreieren komplementäre Arbeits- und Lernformen. So entstehen zusätzliche Zeiträume und neue Lernchancen. Bildung wird zum Vorgang aus vielen Quellen. Eine davon sind Schulreisen. Mich persönlich haben sie geprägt. Und viele andere auch.

Schule als Türöffner zu Natur und Kultur

Unser Fünft- und Sechstklasslehrer kannte vermutlich nur zwei Ziele für Schulreisen. Beide führten ins Urnerland, die eine aufs Rütli, die andere ins kahle Urserental. Keine spektakulären Ausflüge, keine Actions, keine Events. Einfach eine kleine Reise – aber mit grosser Wirkkraft. Noch heute schaue ich hinauf zum trutzigen Turm der Herren von Hospental, wenn ich mit der Matterhorn-Gotthard-Bahn am Dorf vorbeifahre.

Lange und langsam waren wir unterwegs auf der Wanderung von Hospental nach Andermatt. Zuerst verweilten wir beim Turm, diesem imposanten Zeugen aus alter Zeit. Dann tauchten wir in den dunklen Schutzwald ein. Unser Lehrer zeigte uns, wie wichtig und bedeutsam dieser Bannwald für das Dorf war und gehütet wurde wie ein Schatz. Die Natur als Teil der Kultur.

Prägender Wert einer bescheidenen Reise

Ich erlebte den strengen, starken Mann, wie er sich liebevoll den Details zuwandte, spürte seine elegisch-lyrische Ader. Unser Lehrer – Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur in Personalunion! Wir, eine wilde Bande von über 50 Knaben, waren gefangen vom Augenblick und aufmerksam, achtsam. Darum war es einprägsam und wirksam, was er uns erzählte. Noch immer weiss ich, wie er uns die barocke Kapelle St. Karl (Borromäus) von Hospental erklärte und die Kircheninschrift deutete. Sie wurde zur Allegorie meines Lebens und blieb unauslöschlich im Gedächtnis.

Hier trennt der Weg, o Freund, wo gehst du hin?
Willst du zum ew’gen Rom hinunterziehn?
Hinab zum heil’gen Köln, zum deutschen Rhein.
Nach Westen weit ins Frankenland hinein?

Mit grosser Leidenschaft eine kleine Welt erklärt

Auf dieser Schulreise zählte nicht das Besondere; bedeutungsvoll war das Naheliegende. Unser Sechstklasslehrer hatte ein Auge für das Bedeutsame im Kleinen, ein Gespür für das Wichtige im engen Lebensraum zwischen Andermatt und Realp. Ein Lehrer mit einem achtsamen Auge für das Grosse im Kleinen, leidenschaftlich verliebt in die Geheimnisse dieser Landschaft, vertraut mit den unscheinbaren Phänomenen dieses rauen Gebirgstals. Was er uns über sein Heimattal Urseren erzählte, berührte unsere Sinne, gab Sinn und Bewusstsein und wurde wirksam. Noch heute bin ich ihm dafür dankbar.

Nicht das ohnehin Sichtbare wollte er wiedergeben, sondern Unscheinbares sichtbar machen – formuliert auf Augenhöhe von uns Schülern, skizziert als einprägsames Erlebnis. Was prägen und bleiben soll, muss zum Erlebnis werden. Dazu ist Entdecken nötig und Verweilen. Schulreisen waren für unsern Lehrer solche Gelegenheiten.

Wie wird aus Informationen Bildung?

Diese Exkursionen sind heute anspruchsvoller geworden. Das sei zugegeben. Die Zeiten haben sich geändert. Geblieben aber ist die grundlegende pädagogische Kernfrage: Wie wird der tägliche Schulweg zum persönlichen Bildungsweg, wie der tägliche Schulstoff zur Bildung? Niemand weiss es letztlich ganz genau, weil Bildung nicht quantifizierbar ist. Doch eines zeigt sich deutlich: Bildung ist in weiten Teilen ein gemeinsamer Weg; vieles prägt und wirkt. Und Bildung ist an Menschen gebunden. Sie ereignet sich, wie Pestalozzi sagte, von Angesicht zu Angesicht. Bildung als kreatives Tun zwischen Menschen, zwischen Lehrpersonen und Jugendlichen.

Einen solchen Primarlehrer hatten wir. Zu Phänomenen hat er uns geführt – mit seiner Leidenschaft für die Welt. Auch auf der kleinen Schulreise. Nichts Spektakuläres, doch für den persönlichen Lernprozess etwas Singuläres und Wirksames. Der Lehrer hat uns hellhörig gemacht für das Grosse im begrenzten Mikrokosmos des Urserentals. Er half uns, eine kleine Welt zu erschliessen und zu verstehen. Exemplarisches Lernen.

Vom Wert der Schulreisen

Nicht alles, was sich empirisch messen lässt, ist bedeutsam, und nicht alles, was für wichtig erachtet wird, ist relevant. (1) Das ist eine schlichte Tatsache. Auch der Wert der Schulreisen lässt sich kaum quantifizieren. Doch eines wissen wir: Unzählige Schülerinnen und Schüler erinnern sich daran. Ein Leben lang. Ungewohntes und Aussergewöhnliches bleiben im persönlichen Langzeitgedächtnis haften. Gleichzeitig verleihen sie dem Schuljahr die charakteristischen Farbtöne. Ein Farbtupfer mit besonderem Glanz ist und bleibt die Schulreise.

(1) Vgl. Julian Nida-Rümelin, Klaus Zierer: Bildung in Deutschland vor neuen Herausforderungen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2017, S. 9.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Guten Tag
Ich stimme mit dem Verfasser überein, dass die Schulreise oder ein Klassenlager sehr viel mehr Eindrücke beiden Kindern hinterlässt als der Schulstoff mit den Kompetenzen die sie neu beherschen müssen. Zusammenleben, Rücksicht nehmen und helfen wenn der Mitschüler nicht mehr mag. Es ist eine Schande, dass für unsere Jugend kein Gel mehr vorhanden ist weil die Gemeinden gezwungen sind zuviel für sogenannte Flüchlinge in Mlliarden Höhe ausgeben müssen! Schweiz wohin gehst du? Für die Jugend und die Alten Leute die ja weiterhin Steuern bezahlen bleibt nichts mehr übrig.

Kontemplation.
Das höchste Glück, jene geistige Betrachtung und intuitives Erfassen, diese Fähigkeit der Menschen, daher kommt auch der Wunsch zum Erforschen. Den Blick aufs Ursprüngliche richten, dem Zeitlichen, dem alles Werden zu Grunde liegt. Es war ein Junge aus unserer Klasse der mich an der Hand nahm, damals auf dem Schiff. Komm mit ich zeig dir was und er führte mich zu einer Treppe, wo man hinabschauen konnte auf das stampfende Ungeheuer im Bauch. Den zentralen Punkt, Antrieb eines von uns noch nie gesehenen Dampfschiffs! Diese Schülerreise zum Rütli, so wie viele andere es damals auch machten, wurde schon zu Beginn demütiges Staunen. Da kam mir mein Vater in den Sinn, auch er versuchte unserer Mutter ständig die Welt zu erklären. Schön wenn man jemanden hat oder kennt der einem die sonst unfassbaren, die versteckten Dinge der Welt aufzeigt, nicht belehrend, nur ich zeig dir was. Zusammen dann und auf Deck in föhnig aufgewühlten Wassern die mystisch anmutenden Landschaft betrachtend, die wuchtige und eindrucksvolle Zentral-Innerschweiz kontemplativ begreifend. Schauen und das Unfassbare versuchen zu ordnen. Auf dem Rütli beinahe eine Erleuchtung, hier wurde dieser einzigartige Fels gegründet, jener der die Mächtigen von damals in Schranken wies. Nach langen intensiven Wehen und durch evolutionäre Entwicklungen in Metamorphosen zur heutig erlebbaren Demokratie Schweiz geworden. Schülerreisen über den Zaun der Regionen hinweg werden zu Türen und Fenstern, nimm ds Ginschet, mach Porto üf, lasst Luft rein in die trockenen Säle der Schulstuben. Unser Land, ein Erlebnispark der anderen Art. Schiller hat geträumt, sein und auch unser Traum wurde Wirklichkeit. Zu Traditionen gehören Schülerreisen, ein nicht wegzudenkendes Element im Universum unserer Lernfähigkeit. …cathari

Warum sind immer mehr Schüler (undeutsch: Lernende) nicht mehr schulreisetauglich? es ist eine Minderheit, die das schweizerische Wandern von ihren Eltern nicht vorgelebt kriegen. Auf diese Minderheit muss Rücksicht genommen werden. Ich weiss, dieser Befund ist politisch nicht korrekt und kann deswegen wohl kaum publiziert werden.

Ja genau und noch etwas anders glaube ich auch, dass es wesentlich für Bildung und gelingendes Erwachsenwerden ist und nicht im Klasseinraum unterrichtet werden kann. Hngegen auf besagten Schulreisen, Exkursionen, Klassenlagern und geminsamen Veranstaltungen, in Kunst- Theater- und Sportvereinen wird es in der Praxis, im richtigen Leben und später vielleicht sogar auch im Militär, aber sicher dann im Beruf ganz erlernt. Es fängt mit der ersten Packliste für die geminsame Schülerreise an und dem Vertrauen und Loslassen der Eltern, dass das Kind ein unabhängiges, selbstständiges Mitglied der Gesellschaft werden und Disziplin entwickeln wird, die Kunst sich selber zu führen, ein Teil eines größeren Ganzen zu sein, sich darin an- und abzugleichen und aus der Schwarmintelligenz des Kollektivs heraus auch selber Führung und Verantwortung übernehmen zu können. Eine Ur- eidgenössische Qualität und ein Paradoxum des Lebens.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren