Warum nerven Rechtschreibfehler?

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Warum nerven Rechtschreibfehler?

Von Stephan Wehowsky, 17.04.2020

Diverse Rechtschreibreformen haben eines nicht zerstören können: das Grundgefühl für richtige und falsche Schreibweisen.

Dieses Grundgefühl ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Nicht jeder verfügt darüber in gleichem Masse, aber es gibt erfreulich viele, die grosse Sorgfalt in ihren Ausdruck legen. Und natürlich wollen sie richtig schreiben und stören sich an Schreibfehlern anderer.

Ist das Besserwisserei? Oder laufen zu viele Oberlehrer herum? Das mag eine Rolle spielen und denjenigen als Erklärung völlig ausreichen, die noch nie unter schlechter Sprache gelitten haben. Die Sensibleren aber wissen, dass sprachliche Fehler ebenso Schmerzen bereiten können wie Misstöne in der Musik. Sprache ist eben mehr als ein beliebiges Transportmittel für Informationen.

Als Medium enthält die Sprache eine Vielzahl von Botschaften, die über den reinen Informationsgehalt hinausgehen. „Der Ton macht die Musik“, sagt man, um klarzumachen, dass ein- und derselbe Satz sehr unterschiedlich aufgefasst werden kann, je nachdem, wie er vorgebracht wird. Und wenn jemand eine E-Mail ohne Punkt und Komma und ohne alle Rechtschreibregeln verschickt, dann ist das so, wie wenn er auch zu gehobenen Anlässen grundsätzlich nur in kurzen Hosen erscheint. Man nennt so etwas stillos.

Wer sich für seine Mitteilung keine Mühe gibt, sendet damit das Signal der Wurschtigkeit aus. Der dafür empfindliche Empfänger fragt sich, was dem Sender denn überhaupt wichtig ist, wenn ihm die Form seiner Nachricht offensichtlich so gar nichts bedeutet.

Nun fallen auch bei relativ sorgfältig formulierten Texten immer wieder Schreib- und Kommafehler auf. Sie wirken wie Kratzer auf einer blank polierten Oberfläche. Die Fläche kann noch so gross sein und der Kratzer noch so klein: Man muss immer wieder auf den Kratzer gucken.

Dabei spielt mehr als ein rein ästhetisches Empfinden eine Rolle. Denn Kognitionspsychologen haben herausgefunden, dass wir bei Texten zuallererst die Grammatik verstehen müssen. Wir müssen also wissen, was das handelnde Subjekt ist, was die Handlung, wen sie betrifft, und so weiter. Fehler erschweren dieses Verständnis. Das merkt man sofort, wenn zum Beispiel Adjektive gross und Substantive klein geschrieben werden.

Überlegungen dieser Art können im Zeitalter der Kurzmitteilungen etwas altbacken wirken. Die meisten Kurzmitteilungen aber sind eher mit einem Grunzen zu vergleichen, weit unterhalb der üblichen sprachlichen Komplexität.

Kommentare

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So ist es, ich werde das Gefühl nicht los, dass 3-4 nun wirklich zu wenig ist. Deutsche Sprache, schwere Sprache und wenn die Aussagen dadurch leiden? Üben halt, aber das kann dauern. Ich denke seit geraumer Zeit auch an eine längere Pause um all diese Regelsysteme zu kapieren. …cathari

Mag sein, dass man/frau mal etwas fälschlicherweise gross statt klein schreibt, oder umgekehrt. Mehr stört mich, wenn professionelle Journalisten auflagenstärksten Zeitungen Situationen beschreiben wie, als das Flugzeug den Luftraum betrat oder, der Pilot bekam überall freie Durchfahrt. Ebenso stören mich die immer mehr verwendeten Anglizismen wo es gute, starke Worte in Deutsch dafür gäbe.

Danke, wir wissen um den Wert der Gross- und Kleinschreibung. Siehe: Helft den armen Vögeln, helft den Armen vögeln.

Ja, so harmlose Rechtschreibfehler passieren auch den Profis dann und wann. Meist geschieht dies aus Flüchtigkeit.
Anders sieht es bei freudianischen Versprechern aus, die man in schriftlicher Form festhält...Ich sehe von Beispielen ab.

Sie nerven sich bloss, weil sie in Deutsch wie ich zu den guten Schülern gehört haben und nicht akzeptieren können, dass die "gab-sich-Mühe;-Note-3-4"-Schüler-_innen es als Erwachsene immer noch nicht besser können und mit ihrer schluddrigen Schreibweise signalisieren, das sie sich trotzdem mitteilen wollen oder müssen. Sie sind dadurch keine schlechteren Menschen. Arzt-Rezepte kann auch nur der Apotheker lesen.

"Gab-sich-Mühe;-Note-3-4"-Schüler tun gut daran, ihren Text dem MS Word syntax checker oder einem äquivalenten Programm zu unterbreiten. Ich denke, dass dies auch die Textverfasser tun, die in Deutsch zu den guten Schülern gehörten. In meinen Fall bringt es wenig, wenn ich meinen eigenen Text zu korrigieren suche, lese ich doch das, was da stehen sollte, und nicht das, was da tatsächlich steht. Dabei überraschen mich die Fähigkeiten des syntax checkers (German) immer wieder, speziell, wenn ein korrektes Konstrukt in Frage gestellt wird, gibt dies doch Anlass sich zu fragen, ob möglicherweise auch der Leser mit diesem Konstrukt Mühe haben könnte.

Digitale Kommunikation, für welche offensichtlich kein syntax checker bemüht wurde, empfinde ich als persönliche Beleidigung. – 45 Jahre lang habe ich Computer Programme geschrieben und weiss deshalb, was ein lesbares Programm ist. Leider bekommt man solche kaum je zu Gesicht, da sie korrekt funktionieren, deshalb nicht „gewartet“ werden müssen.

Selbstverständlich behalte ich mir abweichende Schreibweisen vor: Gräuel ist mir ein Greuel, und bei aufwändig habe ich die Assoziation von Aufwand und nicht von Wendehals, ausserdem schreibe ich im allgmeinen und im wesentlichen, unterscheide zwischen im dunkeln und im Dunkeln ist gut munkeln.

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