Warum mich wecken?

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Warum mich wecken?

Von Iso Camartin, 16.05.2017

Geträumt wird in vielen Opern. Aber so traumverliebt und traumverloren wie Massenets „Werther“ ist wohl kaum eine andere Opernfigur.

Es ist nicht klug, in einem Opernlibretto alle Details eines umfangreichen Briefromans der Sturm-und-Drang-Epoche suchen zu wollen. Genau so wenig wird man in einer französischen Oper, die „Faust“ heisst, den ganzen Goethe’schen „Faust“ vorfinden. Librettisten kürzen, straffen, spitzen Figuren und Ereignisse dramatisch zu. Nicht nur Details, ganze Dimensionen des Originals können ihrem Zugriff zum Opfer fallen. Denn sie müssen Raum schaffen, neuen Raum, der von der Musik ausgefüllt werden muss. Ein guter Librettist weiss: Er muss verzichten, wenn am Ende der Komponist – und auch das Publikum – gewinnen soll.

Goethes Werther und Massenets Werther

Als Goethe 1774 „Die Leiden des jungen Werthers“ publizierte, wurde das Werk rasch ein deutscher, ja ein europäischer Erfolg. Goethe überarbeitete den Briefroman 1787, aber auch danach versetzte diese Schrift die Leserschaft durch Goethes raffiniertes Spiel um Fiktion und Fakten, um Einbildung und Authentizität in unheilvolle Verwirrung. Bekanntlich erschossen sich über ein Dutzend von ähnlich unglücklich Liebenden wie Werther als „Nachfolgetäter“. Napoleon soll das Buch sieben Mal gelesen und stets bei sich getragen haben. Die Wirkungsgeschichte dieses Buchs, das reich an Verteidigern wie an Anklägern war, ist beinah so beachtlich wie das Werk selbst.

Als Massenet sich gut 100 Jahre später – zwischen 1885 und 1887 – an den Stoff machte, stellten suizidal veranlagte Imitationstäter kein gesellschaftliches Problem mehr dar. Der selbstgebastelten Legende nach soll Massenet auf Goethes Werther gestossen sein, als er nach einem Besuch einer „Parsifal“-Aufführung im Jahr 1886 in Bayreuth die Stadt Wetzlar und dort „Lottes Haus“ besuchte. Man weiss jedoch, dass Massenet bereits früher an diesem Stoff laborierte. Zur Uraufführung des Werkes kam es allerdings erst 1892, und zwar in Wien, wo im Jahr 1890 Massenets „Manon“ ein Riesenerfolg geworden war. Die Verantwortlichen der Pariser Opernhäuser hielten das Werk offenbar für „zu deprimierend“. Das „triste Thema“ hatte vor allem in einer „Opéra comique“ nichts zu suchen!

Heute gilt Massenets „Werther“ als eines seiner allerbesten Werke. Massenet vollendete nicht weniger als 26 Opern – neben vielen weiteren von ihm komponierten Opernfragmenten, Ballets, Zwischenaktmusiken und dergleichen. Vermutlich ist sein „Werther“ so besonders, weil es dem Komponisten und seinen insgesamt drei Librettisten gelang, durch die Handlung hindurch für die Musik einen unaufhörlich sich weitenden lyrischen Raum zu eröffnen. Und weil es Massenet in seinem „Werther“ fertig brachte, vom ersten bis zum letzten Takt – trotz der volkstümlichen Elemente, die nebenher eine unterhaltende Rolle spielen – einen tragisch anhaltenden Grundton schicksalhafter Chancenlosigkeit für leidenschaftlich Liebende hörbar zu machen.

Der Traum als Zufluchtsort

Auch schon am Text des Librettos kann man leicht entschlüsseln, dass dieser Werther wie ein Träumer durch die Welt geht, dass ihm die Wirklichkeit weder behagt noch genügt. Einer der Freunde des Amtsmannes, in dessen Familie sich das Drama ereignet, stellt bereits im 1. Akt fest, ihm scheine dieser Werther heute zwar „moins rêveur – etwas weniger verträumt als sonst“. Dennoch ein Träumer, nicht einem am alltäglichen Leben Orientierten. Wie Werther das Haus des Amtsmannes betritt, ist seine erste Bemerkung: Er wisse nicht, ob er wache oder träume. Im Erscheinungsglanz von Charlottes Schönheit wird für Werther die gesamte Welt zum Traumgebilde: „Das ganze Leben umgeben von ihren Blicken und ihrer Stimme: welcher Traum!“

Aber die Wirklichkeit ist anders, denn Charlotte, die älteste Tochter des verwitweten Amtsmannes, die nun an Mutterstelle für die jüngeren Geschwister sorgt, ist einem anderen versprochen. Sie, eine so schöne wie fromme junge Frau, kennt die Erwartungen der Familie und der Welt. Und schlittert, die Stimme des eigenen Herzens überhörend, hinein in die Pflichtschuldigkeit einer braven Tochter und damit ins Unglück.

Freilich spürt auch sie, dass es neben der Pflicht noch etwas anderes gibt: „Traum! Extase! Glück!“ Doch je mehr Werther gerade diese Lebensinhalte ihr gegenüber beschwört, wird ihr bewusst, dass wahre Liebe die Flucht vor der eigenen Wirklichkeit bedeuten könnte. Nach einer aufwühlenden Begegnung mit Werther empfindet sie: „Wir sind verrückt! Kehren wir zurück!“ Es ist der Biedermann Albert, inzwischen Charlottes Ehemann, welcher Werther daran erinnert, auf die ihm gehörige Frau bestehen zu wollen, sei ein Traum, „envolé sans retour – unwiederbringlich verflogen“. Charlotte will in diesem Dreieck zunächst nur Werthers Freundschaft, nicht seine Leidenschaft und Liebe. Aber kann jemand, der nur Letztere für ein richtiges Leben hält, sich damit abfinden?

Auf den Flügeln von Versen

Niemals. Und so flüchtet Werther geradezu in eine Traumwelt der Liebe, aus der er nicht wieder erwachen will. Es ist gefährlich, wenn Liebende gemeinsam Liebesgedichte lesen. Wir wissen es seit Dante. Das tun sie aber auch hier. Sie werden es immer wieder tun, weil Liebesgedichte inspirieren und anstecken. Werther hat einige Ossian-Verse übersetzt. Er liest sie jetzt vor in Gegenwart von Charlotte. Sogleich brechen die Dämme. Man liegt sich bald in den Armen, es folgen die Küsse. Jetzt ist es für Werther klar: „Ah, ce premier baiser, mon rêve et mon envie – dieser erste Kuss, mein Traum und mein Verlangen.“

Die Arie, um die es hier geht, ist der Auftakt zu dieser ersten Liebesszene. Sie basiert auf den Ossian-Versen, die Werther übersetzt hat. „Pourquoi me réveiller, ô souffle du printemps – Warum erwachen, oh Frühlingshauch?“ Wer möchte je aus einem Glückstraum erwachen, wenn er weiss, dass es ausserhalb des Traumes nur Trauer und Elend, Verlust und Entsagen gibt? Man soll die Seligen der Liebe doch träumen lassen und sie nie aufwecken. Werther ahnt, dass es für ihn ausserhalb dieses Traumes kein Leben mehr geben kann. Er wird sich, einmal aufgewacht, gleich die Pistole aushändigen lassen, mit welcher er seinem Leben ein Ende setzt.

Die Arie dieses Nicht-wach-werden-Wollens ist für jeden Tenor eine gewaltige Herausforderung. Die Musik, die Massenet dafür komponiert hat, gehört zum gestalterisch Heikelsten, weil der Komponist das leise Leiden und das laute Aufschreien, die unhörbare Not und den Sturm der Rebellion gegen die Zumutung des Schicksals von viel Harfenklang umflossen so innig ineinander verwoben hat. Nur zwei kurze Strophen, die es aber in sich haben! Denn wer möchte aus einmal erahntem Glück je zu einem verpassten einsamen Leben erwachen?

Alfredo Kraus, der hier zu hören ist, war einer der grossen Werther-Darsteller auf den Opernbühnen des 20. Jahrhunderts. Heute gehören Jonas Kaufmann und Juan Diego Florez zu den uns nicht weniger beeindruckenden Sängern dieser Partie.

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