Warum Berta Cáceres sterben musste

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Warum Berta Cáceres sterben musste

Von Armin Wertz, 18.03.2016

Umweltschützer, Menschenrechtsaktivisten und Ureinwohner leben gefährlich in Honduras.

Die Angreifer warteten, bis ihr Opfer zu Bett ging. In den frühen Morgenstunden des 3. März, um ein Uhr, drangen sie in das Haus ein und erschossen Berta Cáceres. Ihr Bruder wurde bei dem Überfall verwundet.

Berta Cáceres vom Volk der Lenca, die Gründerin des „Nationalen Rats der Öffentlichen und Indigenen Organisationen von Honduras“ (COPINH), war 47 Jahre alt geworden. Sie hatte sich ihr Leben lang für die Rechte der indigenen Bevölkerung eingesetzt und führte den Kampf der Lenca gegen den Bau des Agua Zarca Dammes in Río Blanco an.

Seit dem US-gestützten Staatsstreich von 2009 (siehe: Journal21 „An jeder Ecke ein Soldat“ https://www.journal21.ch/an-jeder-ecke-ein-soldat) entstehen in Honduras ohne Rücksicht auf mögliche ökologische Folgen industrielle Megaprojekte, denen ganze Dörfer weichen müssen. Zu den ersten Massnahmen der neuen Regierung zählten die Reduzierung der Steuern und die Abschaffung zahlreicher Arbeits- und Umweltregulierungen. Für beinahe dreissig Prozent des Landes vergab die Regierung in 872 Verträgen Konzessionen an internationale Minengesellschaften, die den Energiebedarf im Land in die Höhe schnellen liessen. Darum genehmigte sie den Bau von mehr als 300 hydroelektrischen Dämmen, wozu sie Flüsse und Land privatisierte. Sie schloss zahlreiche weitere Verträge für Tourismus- und Windenergieprojekte.

Die meisten dieser Abkommen berühren das Siedlungsgebiet der Lenca, und alle verstossen gegen das „Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern“ der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Dieses sogenannte „ILO 169“, das Honduras ratifiziert hat, ist die einzige internationale Norm, die den indigenen Völkern in aller Welt rechtsverbindlichen Schutz und Anspruch auf eine Vielzahl von Grundrechten garantiert.

Der Bau des Agua Zarca-Dammes am heiligen Río Gualcarque – ein gemeinsames Projekt der international finanzierten honduranischen Desarrollos Energéticos SA (DESA) sowie des weltweit grössten Erbauers von Staudämmen, der chinesischen Sinohydro, und der Weltbank –  wurde in Missachtung von ILO 169 ohne Konsultationen mit den einheimischen Lenca beschlossen. Einmal fertiggestellt, hätte der Damm Hunderte Lenca ihrer landwirtschaftlichen Anbaugebiete und Wasserquellen beraubt, ihnen somit die Lebensgrundlage entzogen.

Die Lenca

Mit den Maya- und später auch Aztekenvölkern wie den Chorti oder den Pipiles schienen die Lenca , die bereits vor rund 3000 Jahren vermutlich aus Südamerika kommend in Teilen von Honduras und El Salvador siedelten, keine Probleme zu haben. Sie trieben Handel mit den Neuankömmlingen und übernahmen teilweise deren überlegene Techniken. Doch mit der Ankunft der Weissen begannen auch ihre Probleme. Damals lebten etwa eine halbe Million Lenca in der Region. Nachdem sie 1524 von Pedro de Alvarado in zwei Schlachten beim heutigen Acajutla (El Salvador) vernichtend geschlagen worden waren, führten sie unter ihrem König Atlacatl und seinem Sohn, Prinz Atonal (nach beiden benannte die Armeeführung El Salvadors in den achtziger Jahren zwei ihrer berüchtigten Elitebataillone) noch einige Jahre lang einen erbitterten Guerillakrieg.

Später versuchte ein Kriegshäuptling, Lempira, der unter einer Lenca-Prinzessin diente, noch einmal in einem zehn Jahre dauernden Guerillakrieg das spanische Joch abzuschütteln. (Heute heissen eine Provinz und die Währung in Honduras Lempira.) Als die Kämpfe beendet waren, zählten die Lenca nur noch 26’000 Stammesangehörige. Heute leben circa 37’000 Lenca im Westen El Salvadors und 100’000 im Südosten von Honduras. Nun stehen sie dem sogenannten Fortschritt im Weg.

Berta Cáceres war in den achtziger Jahren aufgewachsen, als blutige Diktaturen die Maya in Guatemala verfolgten, als Tausende vor dem Bürgerkrieg in El Salvador nach Honduras flüchteten und ihr eigenes Land Basis für die US-geführten Operationen der antisandinistischen Contras gegen die Regierung in Nicaragua war. Ihre Mutter, eine Hebamme, sorgte in jenen Jahren für Flüchtlinge aus El Salvador und lehrte ihre Kinder, sich für die Benachteiligten der Gesellschaft einzusetzen. Als Studentin gründete Berta Cáceres 1993 gemeinsam mit Gleichgesinnten COPINH, um den Kampf gegen illegale Holzfäller und für die territorialen Rechte und die Verbesserung der Lebensbedingungen ihres Volkes führen zu können.

Die Vertreibung der Lenca

2006 suchten die Dorfbewohner von Río Blanco bei COPINH Hilfe. Sie hatten keine Ahnung, wozu dort gebaut wurde und wer das Projekt betrieb. Sie wussten nur, dass diese Verletzung ihres heiligen Flusses ihre Gemeinschaft und ihre Autonomie gefährdete. Über eineinhalb Jahre lang kämpften die Bauern von Río Blanco nur mit einem schmalen Graben und einem Zaun über die Strasse, die zum Fluss führte, und ihrem Mut gegen die Übermacht der Politiker, Finanziers und des chinesischen Staatskonzerns. Gleichzeitig brachte Berta Cáceres den Fall an die Weltöffentlichkeit und baute internationalen Druck gegen das Projekt auf. 2015 erhielt sie für ihr Engagement den Goldman Prize, die bedeutendste internationale Auszeichnung für Umweltschützer.

Am 25. Februar wurden ein Lenca-Dorf gewaltsam zerstört und die Bewohner vertrieben. Berta Cáceres stand den Bewohnern ebenso bei wie den anderen Lenca-Gemeinschaften im Westen des Landes, die COPINH bei ihren Konflikten um Landrechte beriet. Sie hatte schon viele Morddrohungen, Entführungsversuche, Beschuldigungen wegen angeblicher Volksverhetzung und andere Vorwürfe überstanden. Doch „in den letzten Wochen eskalierten die Gewalt und Repression gegen Berta, COPINH und die indigenen Gemeinschaften, denen sie halfen,“ heisst es in einer Email, die in Honduras zirkuliert. „Berta erhielt serienweise Morddrohungen.“

Darum traf die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte Vorkehrungen. Hinter den Drohungen standen die Sicherheitskräfte des Landes und die Firma, die den Dammbau vorantrieb, berichteten Zeitungen. Sogar von geheuerten Profikillern war die Rede. Sie ist nicht die einzige, die sterben musste, weil sie den Plänen der Regierung und den Investitionen internationaler Konsortien im Weg stand.

Reihenweise politische Morde

Schon 2013 war Tomás García, ein Kollege aus der COPINH-Führung, während eines friedlichen Protestmarsches erschossen worden. Zwischen 2010 und 2014 fielen nicht weniger als 101 Umweltaktivisten in Honduras Mordanschlägen zum Opfer. Am 15. März wurde ein weiteres COPINH-Mitglied, Nelson García, in seinem Haus umgebracht. Er hatte den Lenca am Río Lindo geholfen. Am Tag seiner Ermordung wurden sie gewaltsam vom Río Lindo vertrieben. Am selben Tag verhaftete ein Polizeiaufgebot den Vorsitzenden der Vereinigten Bauernbewegung von Aguan (MUCA), José Angel Flores, zusammen mit sechs weiteren MUCA-Mitgliedern. Und nach Sotero Echeverría vom COPINH-Koordinationskomitee fahnden die Polizeibehörden. Er ist einer von drei Mitgliedern der Organisation, denen die Polizei den Mord an Berta Cáceres anhängen will.

Sie war eine „Powerfrau, die nie aufhörte, zu kämpfen“, rühmte Adrienne Pine, eine Freundin und Anthropologie-Professorin an der Amerikanischen Universität in Washington, die Ermordete. „Sogar als sie 2009 vor den Verfolgungen der Putschisten und zahlreichen Morddrohungen abtauchen musste, kämpfte sie weiter.“ 

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