War früher alles besser?

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War früher alles besser?

Von Dieter Imboden, 13.05.2018

Die Idylle an unserem Anlegeplatz in Mecklenburg trügt. In Gesprächen schwingen Klagen und Sorgen mit.

Die mecklenburgische Stadt Grabow an der Elde, deren erste Erwähnung ins 12. Jahrhundert zurückgeht, hat sich nach der Wende an ihre langjährige Geschichte erinnert, ihre schmucken Fachwerkbauten renoviert, darunter das stattliche Rathaus, und alte Industrieareale für den Bau von Wohnungen genutzt. Die auf dem Wasser Reisenden freut ganz besonders, dass der lange Quai entlang der Elde im nicht mehr genutzten Hafen für den Wassertourismus hergerichtet und mit Münzautomaten für den Bezug von Strom ausgestattet worden ist. Das Übernachten am alten Hafen ist gratis. Der Platz wird aber ganz offensichtlich von der Stadt gepflegt und sauber gehalten.

Die alte Bäckerei

Andere Städte und Gemeinden entlang von Wasserwegen müssten dieses kluge touristische Konzept noch entdecken, insbesondere in Frankreich, dem Mekka des Wassertourismus: Wo Schiffe anlegen, profitiert das lokale Gewerbe, vor allem die Gaststätten und die Geschäfte.

Die Solveig VII legt an. Am nächsten Morgen, auf der Suche nach frischen Brötchen, finde ich am nahen Marktplatz in einem Fachwerkhaus, das kurz nach dem grossen Stadtbrand vom 3. Juni 1725 wieder aufgebaut worden ist, die Stadtbäckerei. Die alte Schrift über der Eingangstür und das Fehlen von Schaufenstern und moderner Neonbeleuchtung lassen den fremden Stadtbesucher zweimal hinschauen, ob hier tatsächlich ein funktionierender Laden existiert oder lediglich eine alte, museal wirkende Inschrift überlebt hat.

Die Bäckerei ist echt: Hinter der Theke warten zwei ältere Frauen auf Kundschaft. Als ich eintrete, zieht sich die eine nach einem kurzen Gruss in die Backstube zurück. Im Laufe des Verkaufsgespräches mit der andern – was sind die lokalen Spezialitäten, welches Brot bleibt am längsten frisch? – steuert meine Neugierde unsere Unterhaltung bald in eine andere, plötzlich sehr persönliche Richtung. Ich erfahre, dass die Bäckerei seit dem Jahre 1911 ununterbrochen durch Angehörige der gleichen Familie geführt worden ist.

Verödete Innenstadt

Wenn ich mir vorstelle, sage ich zur Bäckerin, was in diesen etwas mehr als einhundert Jahren deutscher Geschichte alles passiert ist – ein erster Weltkrieg, ein tausendjähriges Reich mit einem zweiten Weltkrieg, die Besetzung durch die Russen, die Gründung der DDR und zuletzt die Wiedervereinigung –, müsste ihre Familie sicher einiges an Erfahrung zum Überleben in schwierigen Zeiten gesammelt haben. Sie gibt mir mit einem halb stolzen, halb resignierten Lächeln recht und fügt dann als eine Art Postskriptum bei, man würde schliesslich auch diese Krise überstehen. – „Krise?“ fragte ich nach, ob denn Mecklenburg-Vorpommern oder gar ganz Deutschland in einer Krise stecke. – „Schauen Sie sich doch in unserem schmucken Städtchen um, was es noch gibt an echtem Leben. Wenn die Leute schon im Auto zum Aldi vor der Stadt fahren, kaufen sie dort auch gleich das Brot“, meinte sie trocken.

Tatsächlich, als ich später mit meiner Frau im alten Stadtzentrum auf Einkaufsbummel gehe, finden wir zwar billige Modegeschäfte, Banken und Liegenschaftsmakler, aber weder eine Metzgerei noch ein Lebensmittelgeschäft. Der hoffnungsvolle Pfeil ‚Minimarkt’ weist auf ein verwahrlosten Gebäude in einer Seitengasse hin, Fenster und Türen verbarrikadiert. Schliesslich enden auch wir ernüchtert bei Edeka, am Brunnen vor den Toren bzw. an der Tankstelle hinter der Umfahrungsstrasse.

Gespräch an der Schleuse

Mit aufgestockten Vorräten verlassen wir gegen Mittag den alten Hafen von Grabow. Unsere Solveig passt gerade ganz knapp unter der Ziehbrücke durch, so dass wir nicht bei der Wasserschutzbehörde anrufen und um Assistenz bitten müssen. Hinter der Brücke leuchten uns die beiden roten Signallichter der Stadtschleuse entgegen. Mittels eines blauen Hebels, der am Ufer aufgestellt ist, aktivieren wir die Schleuse. Bald beginnt das Wasser am unteren Schleusentor zu strudeln, das Zeichen, dass sich das Schleusenbecken für unsere Bergfahrt entleert.

Ich lasse die Solveig sehr gemächlich gegen die Schleuse treiben, vorbei an einem Arbeiter, der mit einem Motormäher am Kanalbord auf- und abgeht. Als er die Solveig erblickt, stellt er den Mäher ab, streift sich die Hörschutzmuscheln vom Kopf und starrt zu uns hinüber. Ich grüsse ihn. Einen Moment bleibt er stehen, dann geht er entschlossen ein paar Schritte auf die Solveig zu und ruft dann, ob wir wüssten, dass die Geschwindigkeit auf der gesamten Müritz-Elde Wasserstrasse beschränkt sei. Mir ist nicht ganz klar, was diese Frage soll, denn das langsame Dahintreiben der Solveig wird kaum Anlass dafür geboten haben. Irgend etwas muss den Mann frustriert haben, da hilft Freundlichkeit sicher am besten. Selbstverständlich wisse ich das, rufe ich zurück, die maximal erlaubte Geschwindigkeit betrage 6 km/h.

Meine Antwort muss ihn positiv überrascht haben, denn jetzt sprudelt es aus ihm heraus wie ein lange aufgestauter Bach. Es werde jedes Jahr schlimmer mit den ignoranten Touristenbooten. Niemand würde sich an die Geschwindigkeitsbeschränkung halten, es gäbe Motorboote, die wären mit 30 km/h und mehr unterwegs, mit fatalen Folgen für die Tiere, welche vor den schnellen Booten nicht rechtzeitig fliehen könnten. Er kenne seinen Fluss, die Elde, seit seiner Kindheit. Der Fischbestand gehe ständig zurück, das Wasser sei zunehmend verschmutzt, und er müsse jedes Jahr unzählige Kadaver von Tieren entsorgen, von Rehen und Rehkitzen, Hasen und Füchsen, welche verletzt im Fluss ertrunken seien.

Nostalgie

Ich lasse ihn reden, nicke von Zeit zu Zeit mit dem Kopf, aber nichts vermag seinen Frustrationsausbruch zu stoppen. Auch sein Arbeitgeber, die Wasserschutzbehörde, erhält ihre Portion an Kritik. Und dann kommt es: Zu DDR-Zeiten sei das alles besser gewesen, meint er, der Fluss sauberer, voller Leben, und die Menschen hätten Respekt vor der Natur gehabt.

Ich kann mich einerseits in die frustrierte und gequälte Seele hineindenken, ärgere mich aber gleichzeitig über die politische Naivität. Sollte ich ihm als verwöhnter Schweizer zu bedenken geben, der Respekt vor der Natur sei ja schön, aber wie es denn mit dem Respekt vor den Menschen gewesen sei. Ich beisse mir auf die Zunge und werfe lediglich ein, es hätte ja durchaus auch Schattenseiten gegeben in der DDR, zum Beispiel bei der Chancengleichheit in Ausbildung und Beruf. „Ja, ja“, höre ich ihn antworten, er hätte ja selber auch darunter gelitten, weil er nie Parteimitglied gewesen sei, aber ...

Fremd gewordene Welt

Das grüne Einfahrtssignal der Schleuse erübrigt ein Nachfragen meinerseits. Ich wünsche ihm einen guten Tag, verspreche ihm, vorsichtig zu fahren und allen den Fluss überquerenden Tieren, insbesondere den Rehen, den Vortritt zu lassen – ein Versuch meinerseits, dem abrupt abgebrochenen Gespräch ein versöhnliches Ende zu gaben. Durch den kleiner werdenden Spalt der sich schliessenden Schleusentore sehe ich meinen Gesprächspartner, wie er seine mit Gras gefüllte Schubkarre zum Strässchen hinauf stösst. Er wirkt traurig und irgendwie einsam in dieser ihm fremd gewordenen Welt, durch welche teure Yachten mit Menschen aus einer andern Welt fahren, die kaum Notiz nehmen von jener Welt, die ihn bewegt.

Als ob es von meinem Gesprächspartner geschickt worden wäre, erblicke ich eine gute Stunde später tatsächlich ein Reh, das mit hoch aufgerecktem Kopf und gespitzten Ohren über den Fluss schwimmt, mit einem eleganten Sprung an Land übersetzt und im Birkenwäldchen verschwindet. Kurz danach taucht tief zwischen den Bäumen ein grosser Vogel mit mächtigen, dunklen Flügeln und weissen Schwanzfedern auf. Für einen kurzen Moment fliegt er entlang des Flusses, dreht dann nach rechts und verschwindet im Wald am andern Ufer. Mit Hilfe unserer Bordbibliothek identifizieren wir ihn als Seeadler. Er hätte im Norden Deutschlands zaghaft wieder Fuss gefasst, lesen wir später in unserem Vogelbuch.

Schweigende Mehrheit?

Eine tapfere Bäckersfrau, ein frustrierter Angestellter der Wasserbehörde – so verschieden diese beiden Begegnungen waren, drücken sie doch eine gemeinsame Stimmung aus. In ihren Augen sehen Staat und Gesellschaft nicht, wohin wir steuern; sie fühlen sich allein gelassen in ihrem Kampf gegen eine immer fremder werdende Welt, vergessen von ihren Mitmenschen, welche zu Aldi zum Einkaufen rennen oder mit ihren grossen Booten die Flüsse durchpflügen, so dass die Natur darob zugrunde geht. – Bilden diese Menschen die schweigende Mehrheit, welche in Mecklenburg-Vorpommern und anderswo die AfD wählt?

Irgendwie fahren wir an diesem Tag mit andern Augen übers Wasser. Selbstverständlich kommen jedem Menschen Dinge in den Sinn, welche früher besser waren als heute – nur: besser für wen und um welchen Preis? Es liegt auch an uns selber – diese Botschaft habe ich in der Bäckerei von Grabow ebenfalls gehört – neben aller Nostalgie. Wie als Antwort auf Grabow kommt mir der gestrige Abend im Ziegelhof in Zehdenick vor, wo Joachim Scheffler für seine Gäste ein spezielles Spargelmenü kochte und Michael Müller-Scheffler zwischen den Gängen Texte über das Reisen las, darunter auch solche von Annemarie Schwarzenbach.

Wenn es eine Lehre gibt, dann diese: Jammern nützt kaum, man kann nur selber dazu betragen, dem Guten aus der Vergangenheit auch in der Gegenwart seinen Platz zu schaffen.

PS: Die Frühlingsreise der Solveig ist in diesem Jahr etwas kürzer als sonst. Mit diesem Artikel verabschiede ich mich von meinen Leserinnen und Lesern. Im August geht die Reise weiter.

Teil 1: Zwichen Vertrautem und Unbekannten
Teil 2: Annäherung an die Elbe

Kommentare

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Sehr geehrter Herr Imboden
Sie schreiben: "Bilden diese Menschen die schweigende Mehrheit, welche in Mecklenburg-Vorpommern und anderswo die AfD wählt?" Eine schweigende Mehrheit, die wählt, ist wohl nicht mehr schweigend. Und von einer Mehrheit ist die AfD zum Glück weit entfernt. Der Stimmenanteil in Mecklenburg-Vorpommern betrug gut 18%, also sehr viel weniger als die SVP in der Schweiz, die seit Jahren dieselben Themen beackert, im Ton gemässigter, in der Sache kaum. Mit diesem Hinweis sollen die Probleme in Mecklenburg, wo ich seit fast drei Jahren wohne, natürlich nicht geleugnet werden - es sind weitgehend dieselben, die man überall auf dem Land antrifft (das Ladensterben durch Supermärkte und den Internethandel z.B.), akzentuiert allerdings durch das schwierige Erbe der DDR.

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