War Er da? Er war!

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War Er da? Er war!

Von Peter Achten, 28.03.2018

Kim Jong-un in Peking. Klammheimlich. Eine Überraschung?

Tagelang spekulierten Nordkorea-Experten, ob Nordkoreas junger Marschall Kim denn im dunkelgrünen, gepanzerten Sonderzug in Richtung der chinesischen Hauptstadt unterwegs war. Japanische Medien zeigten gar Videos und Fotos, auf denen der Zug auf der sino-nordkoreanischen Freundschaftsbrücke zwischen dem nordkoreanischen Sinuiju und dem chinesischen Dandong hinter Abschirm-Wänden knapp zu sehen war.

Später wurden Fotos weltweit publiziert, auf denen eine Ehrengarde am Pekinger Bahnhof sowie eine aussergewöhnlich grosse Polizeieskorte mit einer Kolonne von schwarzen Luxuslimousinen Richtung Staatsgästehaus Diaoyutai im Westen von Peking zu sehen waren.

Teeblätter

Die Nordkorea-Pundits blickten tief in ihre Teeblätter und schlossen haarscharf, dass Kim in Peking weilte. Dem Durchschnitts-Pekinger jedenfalls ist – nach den Beobachtungen Ihres Korrespondenten – sofort aufgefallen, dass wohl wegen der extremen Sicherheitsvorkehrungen ein Staatsbesuch unterwegs war. Normalerweise aber sind bei solchen Gelegenheiten die Hauptstrassen mit den Flaggen des Besucherstaates geschmückt. Doch diesmal fehlte der Flaggenschmuck.

Flugangst?

Die Geschichte wiederholt sich zwar bekanntermassen nicht, in diesem Fall jedoch trifft das wenigstens in kleinen Details zu. Nordkoreas Führer reiste wie sein Vater und sein Grossvater bequem im gepanzerten Zug in zwölf Stunden die 1100 Kilometer lange Strecke von Pjöngjang nach Peking.

Bei Kims Vater Kim Jong-il hiess es jeweils zur Begründung, er leide an Flugangst. Doch bei Kim Junior ist das wohl nicht der Fall, reiste er doch als Kind eher im Flugzeug als mit der Eisenbahn, zum Beispiel in die Schweiz nach Bern. Doch mit seiner jetzigen Zugreise setzt er auf dynastische Kontinuität.

„So eng wie Lippen und Zähne“

Kim Jong-uns dreitägiger Aufenthalt in Peking war seine erste Auslandsreise seit Machtantritt nach dem Tode seines Vaters Kim Jong-il 2011. Vater Kim war übrigens im Mai 2010 der letzte Führer Nordkoreas, der China besucht hat. Seit dem Machtantritt von Sohn Kim haben sich die sino-nordkoreanischen Beziehungen fortlaufend verschlechtert. Nach dem Koreakrieg (1950–53), als Mao Dsedong mit einer Million „Freiwilligen“ Nordkorea vor dem Kollaps rettete, war die Freundschaft zwischen beiden Ländern „so eng wie Lippen und Zähne“.

Kim unbeugsam

Doch bereits beim ersten A-Bombenversuch 2006 begannen sich die Beziehungen zu trüben. Mit Beginn der Herrschaft von Kim Jong-un kam die Freundschaft fast zum Erliegen. Der junge Marschall testete in immer schnellerer Folge Raketen und A-Bomben.

Das war selbst für China und insbesondere Partei-, Militär- und Staatschef Xi Jinping zu viel. China schloss sich den internationalen Sanktionen der Uno an. Kim Jong-un jedoch liess sich nicht einschüchtern. Er liquidierte beispielshalber seinen Onkel Jang Song-taek, dem enge Beziehungen zu Peking nachgesagt wurden.

 „Erfolgreiche Gespräche“

Wie bereits beim zunächst geheimen Besuch von Kim Jong-il im Jahre 2010 brachen auch diesmal die parteilichen Medien beider Staaten das Geheimnis und bestätigten den Besuch. US-Präsident Trump ist von China über den nordkoreanischen Besuch informiert worden. Wie bei solchen Gelegenheiten üblich, hat laut der amtlichen Nachrichtenagentur Neues China (Xinhua) Xi Jinping eine Einladung Kims für einen Gegenbesuch in Nordkorea angenommen.

Kim hat sich in Peking offenbar gut mit Xi verstanden. Er habe, so wird er zitiert, mit Xi „erfolgreiche Gespräche“ zur Entwicklung der gegenseitigen Beziehungen und zum „Erhalt von Frieden und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel“ geführt.

Zur „Denuklearisierung verpflichtet“

Kim habe sich laut Xinhua bei Xi Jinping auch zur Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel verpflichtet. „Das Thema der Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel kann gelöst werden“, zitiert Xinhua Marschall Kim, „wenn Südkorea und die USA mit gutem Willen auf unsere Bemühungen reagieren, eine Atmosphäre des Friedens und der Stabilität schaffen und fortschrittliche und gleichzeitige Massnahmen für die Umsetzung von Frieden ergreifen“. Kim bekräftigte seine Dialog-Bereitschaft mit den Vereinigten Staaten und zum Gipfel mit US-Präsident Trump.

China ist nach wie vor der einzige einigermassen Verbündete von Nordkorea. Die marode Wirtschaft Nordkoreas ist zu satten neunzig Prozent abhängig vom mächtigen Nachbarn. Mit dem Besuch Kim Jong-uns in Peking macht China zweierlei klar.

Zum einen will Chinas inzwischen erstarkter Staats- und Parteichef Xi Jinping die Beziehungen zum renitenten Nachbarn verbessern, nach chinesischen Bedingungen natürlich. Zum andern geht in der Nordkoreafrage – so die Botschaft aus Peking – ohne China gar nichts. Das ist in den vergangenen Wochen offensichtlich vielerorts – nicht aber interessanterweise in Washington – vergessen gegangen.

China gibt den Ton an

Die Initiative ergriff Kim Jong-il an den Olympischen Spielen im südkoreanischen Pyeongchang. Danach wurden Gespräche für April mit Südkoreas Präsident Moon Jae-in an der Demarkationslinie auf der südlichen Seite des Dorfes Panmunjun vereinbart und für Ende Mai ein Gipfel mit US-Präsident Trump an einem noch nicht festgelegten Treffpunkt. Von China war da nicht mehr die Rede.

Das hat sich nun mit dem Besuch Kims in Peking verändert. Die Bilder am chinesischen Fernsehen sprechen Bände. In der Berichterstattung über die „erfolgreichen Gespräche“ gibt eindeutig und unübersehbar Xi Jinping den Ton an. Meist nickt der Junge General Kim Jong-un zustimmend mit dem Kopf.

Die Monate April und Mai mit den Gipfeln Kim–Moon und Kim–Trump werden zeigen, wie wahrscheinlich ein Friede nach über sechs Jahrzehnten extremer Feindschaft und zermürbenden Misstrauens zwischen Nordkorea und Amerika sein wird. Unterdessen blicken die Nordkoreaexperten tief in die Teeblätter und spekulieren bereits darüber, ob der gepanzerte, dunkelgrüne Zug von Peking vielleicht nach Moskau weiterreisen wird.

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