Vorsichtig entschlossen

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Vorsichtig entschlossen

Von Urs Meier, 14.03.2020

Die Landesregierung macht in der Corona-Bekämpfung das Richtige, aber sie macht es spät und allzu defensiv.

Der Bundesrat hat sich Zeit gelassen mit seiner Reaktion auf die Corona-Krise. Gestern Freitag nun trat er dafür gleich zu viert mit Präsidentin Sommaruga, Innenminister Berset, Wirtschaftsminister Parmelin und Justizministerin Keller-Sutter vor die Medien. Die Botschaft der Regierung an die Bevölkerung war ein starker Appell an die Verantwortung jeder und jedes Einzelnen: Der Kampf gegen die Pandemie ist nur zu gewinnen, wenn alle Einsicht zeigen und ihr Verhalten anpassen. In diesem wichtigen Punkt trafen die anwesenden Bundesrätinnen und Bundesräte sowie ihre Spitzenbeamten und Fachleute den Ton, indem sie die ausserordentliche Dringlichkeit aufzeigten, ohne Ängste zu schüren.

Inhaltlich bringt das gestern veröffentlichte Massnahmenpaket hingegen nur gerade das absolut Notwendige: Schliessung von Schulen und Ausbildungsstätten, Grenzkontrollen mit einschneidenden Reisebeschränkungen, Verbot öffentlicher und privater Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen, Obergrenze von 50 Personen für Restaurationsbetriebe, rascher Aufbau von Massnahmen zur Sicherung der Lohnzahlungen und Stützung der Wirtschaft mit vorerst bis zu 10 Mia. Franken.

Den Kantonen obliegen ergänzende Massnahmen. Insbesondere müssen sie Betreuungsangebote bereitstellen für Kinder, bei denen die Eltern arbeiten und keine Ausweichlösungen zu den Schulschliessungen haben. Auf jeden Fall soll verhindert werden, dass die Kinder von Grosseltern gehütet werden, weil Letztere von Corona besonders bedroht sind und Kinder das Virus übertragen können.

Das Paket für die Eindämmung und Verlangsamung der Ansteckungen kommt keine Stunde zu früh. Vergleicht man die Kurven der Corona-Ausbreitung Italiens und der Schweiz, so wird deutlich, dass wir mit wenigen Tagen Verzögerung auf die gleiche Katastrophe zusteuern wie das Nachbarland. Dass Österreich die Grenze zur Schweiz dichtgemacht hat und Deutschland die aus der Schweiz Einreisenden gleich mal in Quarantäne schickt, ist weder Populismus noch Alarmismus, sondern nüchternes Risikokalkül. Die Schweiz hat die Zügel zu lange schleifen lassen und steht international nicht gut da.

Der Bundesrat hat zwar in Aussicht gestellt, je nach Entwicklung der Pandemie zusätzliche und schärfere Massnahmen zu treffen. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Besser wäre er gleich ein paar Schritte weitergegangen, um klarzumachen, dass er dem Virus nicht bloss defensiv, sondern offensiv begegnet. Also gänzliches Veranstaltungsverbot, einheitliche Schliessung von Einrichtungen des Sports, der Freizeit und Kultur. Jetzt bleiben zum Beispiel Kunstmuseen in Zürich und Bern zumeist offen, in Basel sind sie geschlossen, was einen Eindruck von Beliebigkeit erweckt. Die Gaststätten-Regelung mit der 50er-Grenze bringt kaum etwas. Das eine Lokal ist mit 50 Leuten rappelvoll, das andere fast leer. Und wie soll ein turbulenter nächtlicher Barbetrieb die BAG-Regeln sicherstellen?

Man kann nur hoffen, dass der von der Regierung signalisierte Geist der Entschlossenheit stärker wirkt als die teilweise allzu vorsichtigen Massnahmen. Wahrscheinlich haben seit gestern die meisten verstanden, dass die Krise jetzt da ist und dass sie ihr Verhalten umstellen müssen. 

Kommentare

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Ich teile Ihre Ansicht nicht, Herr Meier, dass der Bundesrat zu zögerlich reagiert hat. Darüber, was "rechtzeitig" meint, kann man des Langen und Breiten diskutieren und wohl erst ex post vernünftig einschätzen.
Voll ins Schwarze trifft m.E. der Appell an die Selbstverantwortung der Bürgerinnen und Bürger: es muss jede/r selbst entscheiden (können), welche Verhaltensweise (Hygienemassnahmen, Nahrungsmittelversorgung, etc) für sich und die Seinen angemessen erachtet werden, auch wenn das "Missbräuche" (Hamsterkäufe, "mangelnde" Rücksicht auf Mitmenschen, etc) zulässt. Der Bundesrat hat m.E. richtig gehandelt.
Am billigsten find ich die moralüberkleisterten Gratiseinschätzungen, -aufrufe und -anwürfe in der von Besserwisserei triefenden Presse (nicht nur Boulevard), auf die wir JEDERZEIT verzichten können.

Hamsterkäufen sind schlicht asozial, gegen die Gesellschaft gerichtet. Mit jedem geleerten Regal steigt die Panik und immer mehr Menschen hamstern. So entstehen Lieferengpässe, die zu Panik führen. Da beisst sich die Katze in den Schwanz. Diebstahl aus Krankenhäusern ist eine Straftat und ein Verbrechen an den Schwächsten der Gesellschaft. Man sollte hier bei klaren Worten bleiben. Wer so etwas macht ist ein Verbrecher.

Ich beneide die Verantwortlichen beim Bund nicht. Wie sie es auch angehen, es ist auf jeden Fall falsch und sie geraten unter Beschuss. Das das Land gegenwärtig von Experten wimmelt, beweist wieder mal dieser Artikel.

Ist es denn OK, dass JournalistInnen, die meist nicht wirklich wissen, worüber sie schreiben, senden etc. - das weiss ich aus eigener Erfahrung -, dass sie in jeder Situation ihre wohlfeilen Beiträge absetzen. Lasst einfach einmal die engagierten und unermüdlichen PraktikerInnen ran! Seien wir ausserdem froh darüber, dass wir eine SRG mit ihren Leistungen - und andere kompetente Medien haben (ich denke an die NO-BILLAG-Initiative!). Sorry!

Ja, und diese Salami-Taktik des Bundesrates und des BAG in der momentanen Krise wirkt für mich viel zu wenig glaubwürdig. Ich fühle mich dadurch auch als dumm verkauft.

Der Defätismus der selbsternannten Experten ist eine wahre Pest!

Statt den Experten des Bundes Vertrauen zu schenken, wissen alle Journalisten alles besser und jeder hätte schon vor 2 Monaten die Schweizer in Einzelhaft gehalten, wenn es nach ihnen gehen würde.

Man hätte, man sollte, man müsste, man dürfte, man... steht in all den Artikeln dieser verantwortungsfreien Reitern des Konjunktivs und mit der Möglichkeitsform kritisieren sie dann diejenigen, für die nur noch der Imperativ zählt, weil sie in schwierigen Zeiten Verantwortung übernehmen.

Genau dieser dilettantische Defätismus hintertreibt die Bemühungen des Bundes und weckt Zweifel bei der Bevölkerung, so dass am Ende jeder glaubt, er oder sie müsse alles ganz anders machen, weil das BAG so wie so nichts richtig macht und erst so bricht genau das Chaos aus, dass die Journalisten so gerne herbei schreiben.

In Zeiten der Not sollten wir aber erst mal mit genügend Abstand zusammenstehen und wenn die Krise dann hoffentlich abebbt ist noch genügend Zeit, die Geschehnisse aufzuarbeiten.

Sorgt einfach zuerst mal für euch selber und damit sorgt ihr auch für alle anderen. Das gilt für jeden und ganz speziell für Journalisten!

Vor allem für sich selber sorgen, das gilt für jeden - und damit sicher auch für den Schreiber(ling) Samuel Bendicht...

P.S. I: Wollen Sie jetzt tatsächlich auch noch die Pest ausrufen als selbsternannter Besserwisser? (Siehe Titel Ihres Artikels)

P.S. II: Zu zweifeln bedeutet zum Glück nicht, einem Schwarz-weiss-‚Denken‘ zu verfallen, wo es nur noch entweder ‚alles richtig‘ oder ‚alles falsch‘ gibt.
Selber denken ohne zu zweifeln ist prinzipiell nicht möglich. Und ich persönlich werde nie und nimmer auf selbständiges Denken verzichten.

Die verantwortlichen Instanzen kommunizieren korrekt, dass es ihnen um eine Verzögerung von Ansteckungen geht, nicht um eine Vermeidung. COVID19 ist keine radioaktive Wolke, die über uns hinwegzieht, COVID19 wird uns über Jahre begleiten.

Laut englischen Medien scheint UK einen andern Weg zu beschreiten. Man will rasch den herd immunity threshold erreichen, d.h. den Durchseuchungsgrad der Bevölkerung, der den Abbruch der Pandemie bewirkt (à la Polio, Masern, Mumps, …).

Wirklich gefährlich scheint COVID19 für die Mitbürger ab 65 zu sein, d.h. 18% der Bevölkerung der Schweiz. Ich, 74 Jahre alt, frage mich, ob es nicht besser wäre, diesen 18% zu empfehlen, die Wohnung einstweilen nicht mehr zu verlassen. Die „restlichen“ 82% der Bevölkerung könnten dann ihr normales Leben führen, und dabei COVID19 wie eine normale Grippe hinter sich bringen. Nach Theorie müsste die Pandemie beim Erreichen des herd immunity threshold enden, und die Mitbürger ab 65 könnten ihre Wohnung wieder verlassen.

Eine Schutzimpfung wird auf Ende Jahr „versprochen“ (bei HIV warten wir seit Jahrzehnten). Ich zweifle, dass wir die vom Bundesrat getroffenen Massnahmen über die durch diese Massnahmen künstlich verlängerte Dauer der Pandemie durchhalten werden. Der Begriff der Solidarität mit den Alten kann nicht beliebig strapaziert werden. Dass die Mitbürger ab 65 daheim bleiben ist wahrscheinlicher, ist es doch in ihrem ureigenen Interesse.

Ihre Theorie wirkt nur auf den allerersten Blick plausibel - aber dann macht Ihnen die Frage einen dicken Strich durch Ihre Rechnung, wie denn die vielen (sehr) alten und/oder kranken, gebrechlichen Menschen zuhause versorgt und gepflegt werden könnten - wie, ausser von jüngeren, gesunden Menschen, die dann ja möglichst alle infiziert wären...?

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