Nun hat Donald Trump es sogar in die Oper geschafft: in Zürich und Hamburg treibt er sein Unwesen auf der Bühne.
Da hockt er an seinem Pult. Und irgendwie kommt einem die Umgebung bekannt vor: das Oval Office. Oder wenigstens fast. Und der dort sitzt, erinnert an Donald Trump. Oder wenigstens fast. Und der Soundtrack dazu ist schräg, schrill und bedrohlich. Alles wie in der richtigen Welt. Oder wenigstens fast….
«Monster’s Paradise» heisst das Werk, das über die Bühne des Zürcher Opernhauses geht. Nichts Beschauliches, eher ein Albtraum, wie er sich tagtäglich in der Realität auf der grossen Weltbühne vor unseren Augen abspielt. Zwei Frauen haben es geschrieben: Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und die Komponistin Olga Neuwirth. Das Monster, der König-Präsident, wie er im Stück genannt wird, ist der Bariton Georg Nigl. Für ihn ist es eindeutig eine Rolle, nicht wie jede andere.
Das Stück der Stunde
Noch vor der Premiere treffen wir uns in seiner Garderobe. Er ist ein bisschen ausser Atem nach der Probe und kurz vor seinem Flug nach Wien. Die Rolle hat er intus, das Werk wurde soeben in Hamburg als Koproduktion in gleicher Inszenierung uraufgeführt. Also halbe Arbeit jetzt in Zürich? „Zürich ist ein kleineres Haus als die Hamburger Staatsoper. Das verändert die Situation zum Publikum und wir haben einiges ändern müssen. Aber ich mag den intimeren Rahmen.“
Man könnte es als das „Stück der Stunde“ bezeichnen. Was sich da auf der Bühne abspielt, kennen wir aus den täglichen Nachrichten. Für ihr Stück hat Elfriede Jelinek die Form des «Grand Guignol» gewählt: drastisch, komisch, unmoralisch. Das gab es früher schon, sagt Nigl. «Naja, wenn man die Theatergeschichte anschaut, sieht man, dass vor allem im 18. und 19. Jahrhundert die Stücke mit aktuellem Bezug geschrieben wurden. Nestroy oder auch Offenbach haben sehr schnell auf das reagiert, was gerade passiert ist.» Später war es Dürrenmatt, der sagte, dass man dem Drama der Welt nur noch mit der Komödie beikommen könne. So sehen es offenbar Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth auch.
Kaschperlteater
Grand Guignol… «In Wien würde man es Kaschperltheater nennen“» sagt Nigl. «Vor den Proben habe ich den Regisseur Tobias Kratzer gefragt: was wollen wir eigentlich: eine 1:1-Darstelleung des amerikanischen Präsidenten? Und es war sofort klar: nein, das wollen wir nicht, denn es stimmt ja eh‘ nicht. Aber auch das Unkonkrete ist nicht wirklich unkonkret. Es lässt Spielraum für die Interpretation des Publikums. Es ist schön, wenn das Publikum mit der Bühne reagiert und umgekehrt. Das ist doch auch der Unterschied zum Film, denn Film ist immer Vergangenheit.» Die Bühne aber ist Gegenwart.
Und Gegenwart ist auch die Musik. Wie gross ist da die Herausforderung für jemanden, der von Monteverdi über Wagner und Lieder so vieles singt? «Also jede Partie ist schwierig», sagt er, «denn jede Partie, die man zu lernen beginnt, ist ein unbekannter Ort. Ich setze mich seit Herbst mit dem Stück auseinander und mittlerweile kenne ich es natürlich besser als jemand, der es nur einmal hört. Ich war mal eingeladen zu einem Essen bei Wolfgang Rihm und Helmut Lachenmann. Es ging auch darum, wie man jemanden, der mit zeitgenössischer Musik keine oder wenig Erfahrung hat, auf solche Stücke vorbereitet. Da hat Helmut Lachenmann gesagt, es ist so, wie wenn du im Zug sitzt und zwei Japanern zuhörst, die sich unterhalten. Du wirst vielleicht überhaupt nichts verstehen, aber wenn du sie beobachtest und ihnen zuhörst, wirst du fast erkennen, um was es geht. Das heisst, du involvierst dich. Und dieses Involvieren, statt sich von etwas berieseln zu lassen, das man schon kennt, das finde ich einen guten Start.» Kunst müsse doch anregen und herausfordern, sie müsse uns auf irgendeine Art aufrütteln und einen packen. «Wenn uns das mit dieser Aufführung gelingt, hat man schon viel erreicht. Was es beim anderen bewirkt, wissen wird nicht. Aber mir ist lieber, es sitzt jemand in der Vorstellung und lehnt das vehement ab, als dass er drin sitzt und nachdenkt, wohin er in den nächsten Ferien fährt.»
Problem unserer Zeit
Nun hat sich Georg Nigl in der Vorbereitung auf «Monster‘s Paradise» auch intensiv mit Donald Trump beschäftigt. Hat dies seinen Blick auf den US-Präsidenten verändert? «Also wir bieten keine Antworten. Das können wir auch gar nicht. Aber ich habe mich selbst dabei erwischt, feststellen zu müssen, dass ich auf Grund meiner Arbeit auch in einer Art Elfenbeinturm sitze und ich habe angefangen, darüber nachzudenken, wie Künstler sich zur Zeit des Nationalsozialismus verhalten haben. Es muss keiner von uns ein Held sein, aber zu sagen, dass ich keine Meinung zu Trump habe oder das Weltgeschehen spurlos an mir vornüber geht, nur weil ich mich jetzt mit Schubert oder Mozart beschäftige, das ist ein Fehler. Es war eine sehr persönliche Erkenntnis für mich und ich glaube, das ist ein grosses Problem unserer Zeit, dass wir uns viel zu wenig Gedanken über die Welt machen, in der wir unterwegs sind. Dass jetzt wieder diese ‚Menschenfischer‘ kommen, hat wohl auch mit dem Gefühl zu tun: wir wollen zwar, dass sich etwas ändert, aber so wenig wie möglich, und am besten soll doch alles so bleiben wie es ist. Am liebsten haben wir den, der uns genau das verspricht. Wenn wir uns aber damit auseinandersetzen, müssen wir klarstellen: Erstens: Leben ist immer Veränderung. Das beginnt mit dem Alter und dem Sterben. Wer lebt, der stirbt. Und zweitens: dadurch dass wir Gott, Religionen und Antworten, die wir im Metaphysischen auch hatten, abgeschafft haben, bleibt uns nur der Konsum. Und wie wir sehen, bringt uns auch das nicht weiter…»
Am Schluss sagt Nigl dann noch: «Ich glaube, dass dieses Stück sehr wichtig ist, weil es uns anregt, über uns und unsere Gesellschaft nachzudenken.»
Schrill und schräg und bunt und laut geht es nun also auf der Bühne des Zürcher Opernhauses zu – und das Publikum zeigt sich begeistert. Jubel an der Premiere und viel Beifall von Seiten der Kritik.
Und für Georg Nigl geht es nach «Monster’s Paradise» in Zürich ganz ähnlich an der Wiener Staatsoper weiter mit György Ligetis Oper «Le Grand Macabre“» Passt doch.