Von zwei „verfreundeten“ Nachbarn

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Von zwei „verfreundeten“ Nachbarn

Von Carl Bossard, 02.01.2019

Es gibt zweierlei Basler und Appenzellerinnen. Diese Kantone waren einst ein Ganzes und wurden getrennt. Doch bei Unterwalden ist es anders. Hier waren die Teile vor dem Ganzen da. Ein Kuriosum.

Eines fällt Neuzuzügern bald einmal auf: das delikate Zwillingsverhältnis zwischen den Nachbarkantonen Ob- und Nidwalden. Eine kleine Episode verdeutlicht die oft zelebrierte Kultkluft: Am Informationsanlass 1988 für die neuen Stanser Mittelschüler stellt der Rektor die Lehrpersonen vor. Bei einem bestimmten Herrn fügt er verschmitzt bei, dieser Lehrer komme zwar aus Obwalden, doch er sei sicher auch ein Mensch.

Die Teile waren früher da als das Ganze

Dem „Ausserwaldner“ Zuhörer war sofort klar: Da gibt es zweierlei Unterwaldner, die von ob dem Wald und jene von nid dem Wald. Der Kernwald, eine Art grüner Röstigraben, trennt die beiden Kantone. Zueinander gehört haben sie nie richtig. Beide sind zwar die Hälften eines Ganzen – mindestens bis zur neuen Bundesverfassung von 1999. Doch von diesem Ganzen weiss man nicht genau, ob es dieses Ganze tatsächlich einmal gegeben hat. Jedenfalls waren die beiden Teile früher da als das Ganze. Doch politisch zwei Hälften sind sie erst seit etwa 1800. Vorher galt Obwalden staatsrechtlich als zwei Drittel des Ganzen und Nidwalden nur als ein Drittel.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Der Satz hat Geschichte geschrieben – vielleicht schon 1291. In der urschweizerischen Eidgenossenschaft spielt Unterwalden das Aschenbrödel. Die beiden Talschaften der Engelbergeraa und der Sarneraa waren so etwas wie der nachgeordnete Juniorpartner von Uri und Schwyz. Im Bundesbrief von 1291 kommt allerdings nur Nidwalden vor. Die Rede ist von der „Gemeinschaft der Leute der unteren Talschaft“, also von Nidwalden.

Streit um das Banner am Bundesbriefarchiv Schwyz

Das Siegel dagegen erwähnt beide Täler. Der eingravierte Text spricht wieder von der „Gemeinschaft der Leute von Stans“. Er wurde später ergänzt mit dem Zusatz „et vallis sup[er]ioris“ [„und des oberen Tales“]. Warum es diesen Kontrast zwischen Pergamentstext und Siegel gab, ist bis heute nicht geklärt. In der Geschichtswissenschaft gilt der Text und damit das Bündnis zwischen Uri, Schwyz und Nidwalden. Obwalden kam später dazu.

Das führte 1936 zu einer harschen Intervention der Nidwaldner Regierung in Schwyz. Das Fresko an der Frontfassade des neuen Bundesbriefarchivs zeige einen Unterwaldner Bannerträger mit der Obwaldner Flagge: ein einfacher Schlüssel auf rotweissem Feld. Das sei ein „Verstoss gegen die historische Wahrheit“, beschwerte sich der Regierungsrat und verlangte den Doppelschlüssel im roten Feld. Es gehe um „das Ansehen unseres Kantons“ als Gründer der Eidgenossenschaft. Nach langem Zögern gab Schwyz nach und korrigierte die Fahne. Nidwalden bezahlte 590 Franken, und so prangt bis heute das „richtige“ Wappen am Bundesbriefarchiv.

Nidwalden als halbes Ganzes ist nur ein Drittel wert

Im losen eidgenössischen Bündnisgeflecht galten die beiden Talschaften von Ob- und Nidwalden als ein Ort. Allerdings war diese Einheit eher fiktiv. Doch Uri und Schwyz liessen keine vierte Stimme zu. Das wirkte sich verhängnisvoll aus: Die beiden Orte mussten sich die Standesstimme teilen. Spätestens seit dem 15. Jahrhundert beanspruchte Obwalden aber zwei Drittel der Rechte Unterwaldens. Vermutlich besteht ein Zusammenhang mit der früheren Verwaltungseinheit „Unterwalden“ um 1300. In Nidwalden gab es den Hof Stans, in Obwalden die beiden Klosterhöfe Alpnach und Giswil. Das könnte die ungleichen Rechte erklären. Doch über das Warum gibt keine Quelle präzise Auskunft.

Privilegierte Obwaldner

Nidwalden, die im Bundesbrief zeitlich zuerst genannte Talschaft, galt lediglich als ein Drittel. Nur alle drei Jahre wanderte darum das Landessiegel mit dem Petersschlüssel von Sarnen ins Rathaus Stans und mit ihm das begehrte Landesbanner. Und nur jedes dritte Mal konnten sie den Landvogt in die Gemeinen Herrschaften entsenden. So wollte es das ungleiche Stimmengewicht.

Ein putziger Rest dieser obwaldnerischen Vorrechte war bis 1997 sichtbar. Am Schnitzturm Stansstad, dem alten Wehrturm aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, war Obwalden immer mit zwei Dritteln beteiligt. Darum zahlte der Kanton für die alten Mauern auch entsprechende Prämien, dies in die Kasse der ehemaligen Nidwaldner Brandversicherung, obwohl alles Brennbare bereits in den Franzosenstürmen 1798 dem Feuer zum Opfer gefallen war.

Die bescheidene Rolle als Unterwaldner Benjamin muss die Nidwaldner geärgert haben. Vergeblich wehrten sie sich, umsonst verwiesen sie auf den Bundesbrief von 1291. Beigelegt wurde der jahrelange Zank nie. Eidgenössische Schiedssprüche anerkannte man schlicht nicht – weder der eine noch der andere Kontrahent.

Alleingelassen im Kampf gegen die Franzosen

Im Streit mit den Standesgenossen von oberhalb des Kernwaldes den Kürzeren zu ziehen, das wirkte sich auf die Volksseele der Nidwaldner aus. Vielleicht lässt sich daraus ein gewisses gereiztes Ressentiment erklären. Mindestens in den Jahrzehnten nach 1798 schwelte dieser grimmige Groll, und die Animosität war wohl mit Händen zu greifen. Die Obwaldner haben – realistisch genug – als einziger Urschweizer Ort die helvetische Einheitsverfassung ohne Widerstand angenommen. Die Nidwaldner verwarfen sie. Der blutige Einmarsch der Franzosen war die Folge.

Lange hat man es in Stans nicht vergessen, dass man im Kampf gegen die französische Okkupation 1798 alleingelassen worden ist – in diesem zwar heroischen, aber letztlich aufreibend aussichtslosen Widerstand.

Gegenseitige Übernamen als Folge des „Franzosenüberfalls“

Dass die Nidwaldner ihren Nachbarn „Tschifeler“ sagen, hängt mit diesem „Franzosenüberfall“ zusammen. Sie fühlten sich verraten, weil die fremden Besatzer von Obwalden her ins Land eingedrungen waren. Bald machte das Gerücht die Runde, die Obwaldner hätten den Franzosen den Weg gezeigt und aus den zerstörten Häusern mit ihren Tragkörben, den „Tschiferen“, Beute nach Hause getragen. Deshalb der Übername „Tschifeler“. Für dieses Gerücht gibt es keinen historischen Beleg.

Die Tschifeler umgekehrt titulierten die Nidwaldner bald darauf als „Reissäckler“. Reissäcklein sind Reiseproviant-Taschen. In Kleinformat waren sie traditioneller Bestandteil der Nidwaldner Tracht und willkommenes Sujet für einen Übernamen.

Unterschiedliche Temperamente

Das subtile Doppelwesen des ehemaligen Kantons Unterwalden zeigt sich auch im Naturell der Leute ob dem Wald und nid dem Wald. Die Obwaldner seien besonnener und nüchterner, sagen Beobachter, die Nidwaldner feuriger und ungestümer. Die einen hätten als Landesheiligen eben Bruder Klaus, den Eremiten und Mystiker aus dem Ranft, die anderen Winkelried, den heroischen Kämpfer von Sempach.

Der erste Unterwaldner Bundesrat werde darum ein Obwaldner; sie seien diplomatischer. So prognostizierte der Nidwaldner Arzt und Schriftsteller Jakob Wyrsch. 14 Jahre später, 1959, wurde der Obwaldner Ludwig von Moos zum Bundesrat gewählt. Die Nidwaldner stellten mit Ständerat Hans Wicki im Dezember 2018 erstmals einen offiziellen Kandidaten, doch sie warten noch heute. 

Vielfältige Lebensrealitäten und Mentalitäten

Die Schweiz – ein Maximum an Komplexität auf einem Minimum an Raum. Ihr Geheimnis: Es kam nie zum letzten Bruch. Das zeigt sich auch in der kleinen Welt von Ob- und Nidwalden. Das Verbindende zwischen den Teilen war stets stärker als das Trennende: im Innern eine gesunde Rivalität und Unabhängigkeit gegenüber dem Nachbarn – nach aussen eine Einheit.

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