Von Menschen und Leuten

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Von Menschen und Leuten

Von Urs Meier, 19.07.2019

Politikersprache scheint besonders anfällig zu sein für Floskeln.

Mit dem Ausdruck «die Menschen» setzt die Sprache oft ein Signal: Achtung, es geht um Höheres, um ein Seinsollen, ein Ideal des Menschlichen.

Dieses «die Menschen» hat in Politikerreden einen festen Platz: Die Menschen erwarten angeblich dieses und lehnen jenes ab. Gerne wird vollmundig versprochen, mehr auf die Menschen zu hören. Und selbstverständlich müssen die Menschen mit ihren Sorgen ernstgenommen werden. 

Solche Phrasen sind stets einen Tick zu feierlich – und gleichzeitig wirken sie allzu routiniert. Das mit Bedeutung aufgeladene «die Menschen» kommt dem politischen Personal nur zu leicht über die Lippen. Und wenn Politiker von «den Menschen draussen im Lande» schwadronieren, entlarven sie sich gar als aufgeblasene gedankenlose Wichtigtuer.

Wohltuend wäre es, Politikerinnen und Politiker würden sich überlegen, ob der abstrakte Plural mit dem hohen normativen Anspruch jeweils wirklich am Platz sei. Andernfalls wäre es ganz nett, sie würden einfach mal von «den Leuten» reden. Im Sinne einer willkommenen rhetorischen Abrüstung empfiehlt sich in manchen Zusammenhängen auch ein schlichtes «alle», «die meisten» oder «viele». Solche Zurückhaltung könnte der hohlen Breitspurigkeit politischer Äusserungen entgegenwirken. Zudem würde sie helfen, die Signalwirkung des Ausdrucks «die Menschen» nicht sinnlos zu verschleissen. 

Kommentare

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Ärgerliche Phrasen und Hohlsätze hören wir tatsächlich oft, von Politikern, Ökonomen etc., nur schon das fast obligate: "Ich gehe davon aus, dass..." Damit wird Zeit geschindet, die Aussage in einen Nebensatz abgeschoben, das Prädikat als Schlusslicht geliefert.
Entschuldigung, ich sagte "wir". Eine zu vollmundige Vereinnahmung, wie "die Menschen"? Nicht nur Politikerjargon. Darf der Pfarrer, was der Staatsmann unterlassen sollte? Oft soll in der Predigt oder in theologischen Statements das "Wir" die Zustimmung der Zuhörer gewinnen. Sind "die Menschen" als anthropologisches Universale obsolet? Nur noch belegte Samples von X Studien zitierfähig? Oder endlose Ich-Botschaften (welches Ich eigentlich)? Schwierig.

in der Tat, die politische Korrektheit zwingt unsere Politikerinnen und , Medienschaffendinnen, sich blümerant und heuchlerisch auszudrücken, ansonsten sie ihren Brotverdienst verlören. Karl Kraus wird vermisst.

Die schwadronierenden Wichtigtuer reden nicht nur bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten von "Menschen", sondern landauf landab auch von den "Bürgern" - gemeint sind aber stets "Leute" oder "Einwohner".
Übrigens, besonders peinlich wird es, wenn man bei den "Menschen" das Gegensatz-Pendant "Tiere" mitdenkt...

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