Von Lämmern und Männern

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Von Lämmern und Männern

Von Michael Lang, 05.11.2017

„God’s Own Country“ erzählt unverblümt von einer Männerbeziehung im mystischen englischen Yorkshire. Und von der universellen Sehnsucht nach Selbstfindung und Liebe.

Das Spielfilmdebüt des englischen Schauspielers, Regisseurs und Drehbuchautors Francis Lee ist in der rauen Hochmoor-Landschaft der ehemaligen Grafschaft Yorkshire verortet; wie einst Emily Brontës Romanklassiker „Wuthering Heights“. Radikal verbildlicht Lee den Selbstfindungsprozess eines tumb anmutenden Jungbauern: Johnny, Mitte 20 und schwul, lebt mit seinem Vater Martin und seiner Grossmutter auf einem kleinen Hof, wo Schafzucht betrieben wird.

Bewegung im Mikrokosmos

Vater und Sohn sind traumatisiert, seit die Gattin und Mutter die Familie verlassen hat. Nun ist Deidre, Martins Mama, die Frau im Haus. Sie ist eine umsichtige, aufmerksame, emotional aber extrem zurückhaltende Person. Mit wachsender Sorge beobachtet sie ihren Sohn Martin, der nach einem Schlaganfall immer schwächer und verbitterter wird. Und sie sieht, dass ihr Enkel von den Herausforderungen auf dem Hof überfordert ist und zunehmend unzufriedener wird. Doch dann taucht ein Fremder auf, der in diesem wie erstarrten provinziellen Mikrokosmos alles in Bewegung bringt.

Von „Brokeback Mountain“ …

2005 erregte der US-amerikanisch-taiwanische Filmemacher Ang Lee mit dem Drama „Brokeback Mountain“ Aufsehen. Er erzählte von einer Comingout-Begegnung im ländlichen Wyoming (USA): Zwei Männer aus dem bigott-prüden „Cowboy“-Milieu, beide in Hetero-Beziehungen involviert, beginnen eine Affäre. Der Film löste medial weit über die Queer-Community hinaus rege Diskussionen aus über die Legitimierung von Homosexualität in den USA. Und anderswo.

… zu „God’s Own Country“

Seitdem ist einige Zeit vergangen, der Umgang mit dem Thema der gleichgeschlechtlichen Liebe vielerorts offener geworden. Ist „God’s Own Country“ nun eine späte Adaption, eine Weiterführung von „Brokeback Mountain“? Nein. Francis Lees Film ist weit differenzierter und vielschichtiger, als es der deutlich dem US-Mainstream zugeneigte „Brokeback Mountain“ mit seiner Starbesetzung war.

„God’s Own Country“ ist eigenständig, weil sich Francis Lee konsequent an der Tradition des europäischen, unabhängigeren Autorenfilms orientiert: Sein Plot ist erdig, schnörkellos realitätsnah an den Figuren und ihrem sozialen Umfeld positioniert. Francis Lee hat gesagt, dass er die Szenen für seinen Film in chronologischer Abfolge gedreht habe, um so die emotionale Spannung direkt auf die Schauspieler übertragen zu können.

Sex, aber bitte ohne Bindung!

Im Fokus steht also Johnny. Er ist schwul, aber ohne feste Beziehung. Das ist allerdings nicht der Angst geschuldet, in seinem überschaubaren Lebensraum, wo jeder jeden kennt, diskriminiert zu werden. Soweit denkt Johnny nicht. Für ihn ist brachialer, schneller Sex schlicht das bequemste Mittel zum Zweck: Triebentladung. Will heissen: Die Gefühle seiner Kurzzeit-Partner sind ihm egal und an Zweisamkeit über den Akt hinaus ist er nicht interessiert. Man darf unterstellen, dass Johnny als Hetero kaum anders funktionieren würde.

Die Objekte seiner Begierde findet er – wie vom Instinkt gesteuert – etwa bei Tierauktionen mit anschliessendem Besäufnis oder im nächstgrösseren Ort Bradford, wo er ab und an in einem Pub mit Bekannten abhängt. Einige von ihnen studieren auswärts, bringen Freunde mit zur Party ins Hinterland. Dem einen oder andern kommt dann ein „Quickie“ auf der Männertoilette gerade recht.

Der Fremde aus Rumänien

Nach Absturznächten fährt Johnny jeweils per Taxi heim und arbeitet frühmorgens wieder auf dem Hof. Das ist ein suboptimaler, ungesunder Lebensrhythmus. Und er zeitigt fatale Folgen, wenn die „Ablammung“ ansteht und besonders viel zu tun ist.

Johnnys desillusionierter Vater hat das natürlich realisiert. Er engagiert deshalb temporär einen Wanderarbeiter aus Rumänien, der Johnny unterstützen soll. Natürlich ist Zoff vorprogrammiert. Der beratungsresistente Sohn lässt sich von keinem was sagen und von einem dahergelaufenen Tagelöhner aus dem Osten schon gar nicht. Er empfängt Gheorghe prompt mit herablassender Verachtung, quartiert ihn in einem versifften Wohnwagen ein, nennt ihn demütigend „Zigeuner“.

Doch Gheorghe ist kein Hinterwäldler. Er tritt stilbewusst auf, spricht gut Englisch, ist im Umgang offen und lässt sich nicht alles gefallen. Damit haben seine barschen Arbeitgeber nun nicht gerechnet. Als sie ausserdem feststellen, dass der Fremde mit der Landwirtschaft bestens vertraut ist und von Schafzucht sehr viel versteht, weicht die Überheblichkeit wenigstens skeptischer Neugierde.

Georghe und Johnny
Georghe und Johnny

Von Lämmern …

Mit Beginn der Periode, wo die Schafe Lämmer werfen, ziehen Johnny und Gheorghe in das Weidegebiet, hausen dort in einer Hof-Ruine. Nun wäre friedliche Koexistenz von Nöten: Man muss sich um schwache, kranke, tote Tiere kümmern und die nervöse Herde besonders gut im Auge behalten.

Gheorghe arbeitet professionell, mit empathischer Hingabe: Einmal bringt er ein verwaistes Lamm-Frühchen zum Atmen. Um es am Leben zu halten, fertigt er ihm aus dem Fell eines verendeten Jungtiers ein Mäntelchen. So bringt er dessen Muttertier, die ihr eigenes Junges riecht, dazu, das fremde Tierchen zu säugen.

… und Männern

So etwas hat Johnny noch nie gesehen. Und zum ersten Mal ist er beeindruckt von seinem Kollegen. Es sind feinfühlige Szenen wie diese, die in „God’s Own Country“ zu Türöffnern für eine plausible, bis zum Ende auch spannende Entwicklungs-Story werden. Sie nimmt furios Fahrt auf, als Gheorghe Johnny mit seiner eigenen Homosexualität konfrontiert und ihm signalisiert, dass er ihn begehrt.

Johnny realisiert, von unbekannten Gefühlen übermannt, dass Gheorghe kein Stricher, kein austauschbarer anonymer Sex-Gespiele ist. Sondern ein bewusst erlebender Mensch, lustvoll, liebesdurstig und – wie sich bald zeigt – mit beziehungsmässigen Ansprüchen, die weit über die körperliche Befriedigung hinausgehen.

Faszinierende Gestaltung

Von Johnnys Erlösungs- und Selbstfindungsprozess erzählt Francis Lee (er hat auch das Drehbuch verfasst) ohne Geschwätzigkeit und ohne moralinsaure Überzeichnung. Im Verbund mit der Bild-Exzellenz von Kameramann Joshua James Richards und dem aussergewöhnlichen Sound-Design (ein raffiniert-poetischer Mix aus überwiegend Naturtönen) von Dustin O'Halloran und Adam Wiltzie entsteht ein faszinierendes Gesamtkunstwerk mit einer starken Besetzung: Josh O’Connor („The Riot Club“) ist als Johnny beklemmend, Gemma Jones („Harry Potter“) gibt eine sensitive Grossmutter, Ian Hart („Elizabeth I – The Virgin Queen“) verleiht dem gebeutelten Senior-Farmer Profil. Und der rumänische Schauspieler Alec Secăreanu ist als Gheorghe eine Offenbarung.

Der Brexit im Subtext?

Der Film greift im Subtext noch einen anderen Aspekt auf. Auf dem Hof muss sich einiges ändern, wenn man konkurrenzfähig bleiben will. Gheorghe schlägt deshalb vor, neben der hart umkämpften Fleischproduktion auf delikaten Schafskäse zu setzen, um so exklusivere Absatzmöglichkeiten zu generieren. Wird hier – wie nebenbei – ein Bogen zur Brexit-Problematik geschlagen, zum Austritt Grossbritanniens aus der EU?

Angesichts der Sorgfalt, mit der dieser Film gefertigt ist, ist das denkbar: Francis Lee stammt aus einer Bauernfamilie in Yorkshire, er kennt Land, Leute und deren existenzielle Sorgen. Und so wird man sich die Frage stellen dürfen, was eigentlich mit Kleinunternehmern wie in „God’s Own Country“ geschieht, wenn in Bälde der solidarische innereuropäische Dialog erschwert wird und die „Abgehängten“ isoliert weiterwursteln müssen.

Kein Nischenfilm-„Gschmäckle“

Wie dem auch sein: Was Francis Lee garantiert geschafft hat, ist dieses: Seinem Männerdrama haftet kein Nischenfilm-„Gschmäckle“ an wie so mancher LGBTQ-Film (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer). Weil es in „God’s Own Country“ zwar unverblümt um Liebe unter Männern geht, aber noch um viel mehr.

Francis Lee plädiert in der magisch-mystischen Landschaftskulisse seiner Heimat nicht primär für die Toleranz gegenüber Homosexuellen. Er zeigt ein Paar, das mit Engagement, Verve, von einer optimistischen Grundeinstellung beseelt auf das hinarbeitet, was alle ersehnen, die etwas Gemeinsames erreichen wollen: Vielleicht nicht ewige, aber erfüllte Liebe.

9. November: Eröffnungsfilm am PinkPanorama-Filmfestival in Luzern
10. bis 15.11. November: Lunchkino Zürich (Arthouse Le Paris)
16. November: Kinostart Deutschschweiz

Kommentare

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