Von Great Britain zu Little England

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Von Great Britain zu Little England

Von Daniel Woker, 28.09.2019

„Downton Abbey“ sehen – und den Brexit besser verstehen

Der Film, der dieser Tage auch in den Schweizer Kinos anläuft, lehnt sich an die Fernsehserie „Downton Abbey“ an, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt.

Der Film mit dem gleichnamigen Titel zeigt die historische Verwurzelung der andauernden tiefen Spaltung in der englischen Gesellschaft, mit der viele auf beiden Seiten dieser Kluft letztlich gut leben können. Daher finden sich Brexit-Wähler sowohl unter Tories als auch bei Labour. Sie sehnen sich nach dem vermeintlich „good old England“ zurück, welches tatsächlich ungerecht, verlogen und repressiv war.

„Cool Britain“, Schnee von gestern

England als Pop-Sensation der Jugend, meiner Jugend, angesichts der Revolution durch Twiggy, Carnaby Steet und den Beatles? Das „Cool Britain“ von Tony Blair, wo dank Deregulierung, englischer Ingenuität und digitaler Zukunft eine neue, sozialdemokratische und gerechtere Gesellschaft entstehen sollte? Alles politischer Schnee von gestern.

Mit dem wohlmeinenden Stümper David Cameron und dem bösartigen Kobold Boris Johnson hat im Vereinigten Königreich wieder die alte, seit jeher herrschende Oberschicht die politische Macht übernommen. Jene, die sich ohne je entsprechende Meriten zeigen zu müssen, als „born to rule“ sehen. Die Rolle von Cameron fällt im Film dem gutmütigen Hausherrn der „Abbey“, dem Earl of Grantham zu; Johnson wird von einer Reihe arroganter Nebengestalten verkörpert, denen alle gemeinsam ist, dass sie ihre Stellung und Privilegien einzig blauem Blut oder zumindest der Nähe dazu verdanken.

Die andere Seite

Ausgerechnet die Gescheiteste auf der anderen Seite, jener der Dienerschaft, wehrt sich im Film gegen eine Änderung des Status quo, als eine der jüngeren, angeheirateten Erbinnen des Adelsitzes von Veränderungen spricht. Sie macht geltend, dass die „Abbey“ und ihre Bewohner das Zentrum der ganzen regionalen Bevölkerung und Wirtschaft sei und damit so bestehen bleiben sollte.

Das zeigt, warum auch viele traditionelle Wähler von Labour konservativ sind und konservativ denken; nur ja nichts ändern am gleichzeitig verhassten und geliebten Klassengegensatz.

Vereinigtes Irland?

In einer Nebenhandlung wird im Film auch die „Irish Question“ aufgenommen; die Tatsache, dass das keltische und republikanische Irland – heute noch Nordirland – von den normannischen und feudalen Engländern während langer Jahre kolonialisiert und niedergehalten worden ist. Dies in dramatischer Form eines Königmörders, der im letzten Moment von einem, interessanterweise ebenfalls irischen Aussenseiter der Adelsfamilie an der bösen Tat gehindert wird. Das Äquivalent in der aktuellen Brexit-Politik ist der sogenannte „Irish backstop“, den Johnson zu ignorieren droht. 

So wie Grossbritannien Irland historisch aufgibt, resp. in die Unabhängigkeit entlassen musste, wird der Brexit zum nächsten Schritt der Auflösung des Vereinigten Königreiches führen, der Vereinigung der irischen Insel in einen einzigen Staat, welcher neben seiner neuzeitlichen Nabelschnur zur grossen Nachbarinsel dank der EU dann auch seine historischen, wirtschaftlichen und weltanschaulichen Bande zu Europe noch wird stärken können. Auch Schottland, mittelfristig sogar Wales werden sich die wirtschaftsfeindliche Gängelei durch englischen Brexit-Snobismus nicht gefallen lassen. Womit dann Great Britain endgültig zu Little England mutiert sein wird.

Von Hollywood zu sanftem Brexit?

„Downton Abbey“ soll ein Klassenschlager werden. Entsprechend viel Hollywood-Schmalz wird gegen Ende des Films aufgetragen, mit verschiedensten Liebes- und Versöhnungsgeschichten. Kann die Brexit-Saga in der realen Welt ebenfalls ein Happy End haben? Die mutige Höchstrichterin Grossbritanniens, Brenda Hale, welche Johnson zum Lügner gegenüber der Königin stempelte, und die Emigrantentochter Gina Miller, welche via Rechtsweg der Tory-Exekutive den Einbezug des Parlamentes in den Brexit-Entscheid abzwang, lassen Hoffnungsschimmer auf einen sanften oder gar keinen Brexit zu. Auch hier eine direkte Entsprechung im Film: Es sind fast ausschliesslich Frauen, welche verbohrten Männern etwas Vernunft beibringen.

Die gute Nachricht für Kinogänger ist im Titel enthalten. Man kann sich die Lektüre der (allzu) vielen Brexit-Erklärungen in den Medien ersparen durch einen Gang ins Kino, wo „Downton Abbey“ zeigt, warum sich das UK via Brexit wirtschaftlich ruinieren und politisch selbstverstümmeln will.

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