Von Evangelisten und Dream Managern

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Von Evangelisten und Dream Managern

Von Urs Meier, 22.03.2019

Die Begeisterung und fast religiöse Inbrunst, die in der amerikanischen Wirtschaft zelebriert werden, stossen ausserhalb der USA oft auf Unverständnis.

Vor wenigen Jahren kam die Bezeichnung «Marketing Evangelist» von den USA nach Europa. Sie scheint hier nicht heimisch geworden zu sein. Eigentlich verständlich, denn der Begriff drückt einen eisernen Erfolgswillen aus, wie er in besonders kompetitiven Sparten der US-Wirtschaft herrscht, der aber hierzulande vielfach als eher anrüchig betrachtet wird.

Die religiöse Färbung des Begriffs durch das Wort «Evangelist» dürfte sicherlich beabsichtigt sein. Zwar führen Marketingfachleute, welche diese Bezeichnung propagieren, sie auf das zusammengesetzte griechische «Eu-Angelion» zurück, was wörtlich «gute Botschaft» heisst, zunächst aber nichts mit Religion zu tun hat. Marketing Evangelism sei, so argumentieren sie, ganz einfach das unbedingte Engagement für die Verbreitung eines Produkts, mit dem die gute Botschaft verbunden sei, es werde die Welt verbessern. Doch genau in diesem alles fordernden Einsatz und dem grenzenlosen Optimismus stecken die quasi-religiöse Dimension der Unternehmenstätigkeit und der felsenfeste Glaube an das Produkt.

Es gehört zum Erfolgsrezept amerikanischer Firmen, dass sie bei ihren Angestellten eine Attitüde der grenzenlosen Begeisterung für ihre Produkte kultivieren. Von daher stammt auch der Begriff der «Mission» für den Unternehmenszweck mit seiner offensichtlich religiösen Konnotation. – Solche Management-Terminologien erlauben tiefe Einblicke in den Geist des kämpferischen Engagements, der in der typisch amerikanischen Unternehmenskultur als hohes Ideal gilt.

Pflegt ein Unternehmen das Selbstverständnis einer verschworenen quasi-religiösen Gemeinschaft, so ist es nur konsequent, wenn es seinen Angestellten auch eine quasi-seelsorgerliche Betreuung angedeihen lässt. Erst in den USA, jetzt auch in Europa schaffen Unternehmen neuartige Stellen mit der Bezeichnung «Dream Manager». Die Aufgabe eines Dream Managers besteht in nichts anderem, als den Angestellten dabei zu helfen, ihre persönlichen Träume zu verwirklichen – wohlverstanden: nicht etwa Träume, die der Verbesserung der Arbeit und der erzeugten Produkte gelten, sondern ganz private Lebensziele.

Die Überlegung hinter dieser Massnahme: Menschen, die fokussiert und planvoll auf persönliche Ziele zustreben, bringen auch bessere Leistungen im Unternehmen und sind in dieses enger eingebunden. So hilft denn der Dream Manager den Angestellten herauszufinden, welches ihre persönlichen Lebensziele sind und erarbeitet mit ihnen einen Plan, mit dem sie sich ihre Träume erfüllen können. Wer glühend wünscht, mit fünfzig den ersten Marathon zu laufen, bekommt Trainings- und Ernährungstipps und wird stufenweise zum Ziel begleitet. Wer mit aller Kraft vor der Pensionierung die Hypotheken abzahlen will, wird mit Finanz- und Budgetberatung unterstützt.

Die religiös unterfütterten Aspekte des Managements werden ausserhalb Amerikas nur zögernd übernommen. Die tiefe Prägung der US-Gesellschaft durch den Geist der Pilgerväter spiegelt sich eben auch in der amerikanischen Unternehmenskultur, und dadurch ist diese nicht ohne weiteres in andere Kontexte übertragbar.

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