Von den Klimaleugnern zu den Virenleugnern

Eduard Kaeser's picture

Von den Klimaleugnern zu den Virenleugnern

Von Eduard Kaeser, 14.03.2020

Die Klimaleugner sind bekannt. Nun gibt es die Virenleugner. Genauer gesagt: Es gab sie schon früher.

Zum Beispiel den Virologen und „AIDS-Leugner“ Peter Duesberg. Er vertrat die Meinung, dass das HIV-Virus nicht „eigentlicher“ Erreger von AIDS sei. Aufgrund seiner Empfehlung hielt die südafrikanische Regierung unter Präsident Mbeki ein antivirales Medikament gegen AIDS zurück, was zu über 300’000 meist unnötigen Todesfällen geführt haben soll.

Der Spielraum für Wissenschaftsskepsis ist immer da

Aber Duesberg deshalb als „Leugner“ zu bezeichnen, ist verzerrend. Er leugnete nicht den kausalen Zusammenhang, sondern er zweifelte an bestimmten Hypothesen über diesen Zusammenhang. Soweit ist das eine legitime wissenschaftliche Haltung. Ohne hier nun als Apologet von Duesberg auftreten zu wollen, möchte ich diesen Punkt betonen. Eine virale Krankheit lässt sich meist nicht in einer schönen linearen Geschichte darstellen: Da ist ein Virus – und da bricht die Krankheit aus. Möglicherweise sind andere Viren und weitere Faktoren an der Pathogenese beteiligt. Eine typische wissenschaftliche Aussage hat die Form: Unter diesen und diesen und diesen ... Bedingungen geschieht das und das. Die Pointe ist, dass man alle die Bedingungen in der Regel nicht kennt. Wir leben ja nicht in Labors. Und deshalb ist der Spielraum für Skepsis immer da.

Die postmoderne Skepsis

Nun gibt es freilich eine ganz andere Art von Skepsis. Und sie verbreitet sich wie –  ja, wie ein Virus. Der Laie stellt einen anderen Anspruch an den Wissenschafter: Gib mir eine eindeutige Antwort! Wann schwächt sich die Ausbreitung ab?  Wann ist ein Impfstoff verfügbar? Soll ich meine Reise verschieben? Und da der Wissenschafter keine eindeutige Antwort geben kann, sucht der Laie oft andere Antwortgeber: inkompetente, betrügerische, esoterische, aufschneiderische, dumme. Und hier kippt die Skepsis ins Leugnen oder Bullshitten. Dann taucht plötzlich ein postmodernes Virus auf in Gestalt der Behauptung: „Es gibt keine eindeutigen objektiven Aussagen über die Realität; Viren, Bakterien, Elementarteilchen, Gene, Schwarze Löcher, überhaupt das ganze Universum ist eine ‚soziale Konstruktion’.“

Diese Art von Rede gehört heute schon zur postmodernen Folklore. Und wie jede Folklore sollte sie gelegentlich an der neuen Realität geprüft werden. In den 1970er Jahren gedieh der Postmodernismus vor allem in der linken Gegenkultur. Auf jedem matrizengedruckten Schüler- und Studentenpamphlet konnte man lesen, dass Wissenschaft die Kopflangerin von Kapitalismus, Militarismus, Kolonialismus sei. Beliebt war zumal die Insinuation, eine Behauptung mit objektivem Anspruch widerspiegle bloss die Interessen des Behaupters.

Der Rechtsschwenk in der Wissenschaftsskepsis

Nun beobachtet man in den letzten Dekaden einen Rechtsschwenk in dieser Wissenschafts­skepsis. Ein in der Wolle gefärbter Skeptiker sitzt ja gegenwärtig im Oval Office. Er führt die Tradition fort, die sich schon vor zehn Jahren abzeichnete. Als die Amerikaner 2009 aufgerufen wurden, sich gegen Schweinegrippe impfen zu lassen, erklärte der rechtskonservative Medienherold Rush Limbaugh in postpubertärem Trotz: „Ich lasse mich nicht impfen, und zwar deshalb nicht, weil man mir sagt, ich müsse es tun.“ Heute tönt er so: „Es scheint, als würde das Coronavirus eine weitere Waffe zum Abschuss von Donald Trump sein. Ich sage euch jetzt die Wahrheit über das Virus (...) und ich bin todsicher: Es ist eine gewöhnliche Erkältung, Leute.“ Rumbaugh entblödete sich auch nicht, den verschwörungstheoretischen Verdacht zu äussern, das Virus sei einem Labor der „Chicoms“ entwichen – ein Kofferwort, mit dem die amerikanischen Alt-Rights ihren sprachschöpferischen Hass gegen die chinesischen Kommunisten ausdrücken.

Natürlich setzt Trump seinen Bullshit nicht in Umlauf, weil er ein besonders gelehriger Schüler postmoderner Autoren ist. Er gibt als geborener „Faktenkonstruierer“ einfach den emblematischen Politiker der Gegenwart. Er profitiert von zwei jüngeren Strömungen, deren Zusammenfluss dieses so zeittypisch wahrheitsfeindliche Klima geschaffen haben: vom postmodernen Relativismus und vom politischen Starkemännertum. Ein Klima, wie präsdisponiert für das Wuchern von kulturellen und politischen Sumpfblüten.

Ein Mittel gegen die Skepsis?

Gibt es ein Mittel gegen das Virus der postmodernen Wissenschaftsskepsis? Kaum. Es ist immun gegen Kritik. Leute wie Limbaugh werden ihre Skepsis wahrscheinlich erst dann einer Prüfung unterziehen, wenn die Realität – eine Pandemie, Dürre, Überschwemmung – sie eingeholt hat. Meist ist es dann zu spät. Und die Todsicherheit, auf die sie sich berufen, könnte sie hinterrücks selber treffen. Wie sagte ein anderes Medien-Grossmaul, Glenn Beck: „Wenn du die Schweinegrippe hast, würde ich dich auffordern, mich anzuhusten.“ Vielleicht lässt sich Beck jetzt wirklich anhusten. Nur damit er uns künftig nichts mehr zu husten hat.

Ähnliche Artikel

Von Journal21, aktualisiert - 25.02.2020
Von Journal21, aktualisiert - 27.02.2020

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren