Vom Wert pädagogischer Freiheit

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Vom Wert pädagogischer Freiheit

Von Carl Bossard, 23.05.2017

Freiheit sei für die Bildung die erste Bedingung, noch wichtiger als die Neugier, schrieb Wilhelm von Humboldt. Doch beides erstickt zunehmend in engen Lernparadigmen und einer Fülle von Vorschriften.

Das pädagogische Feld ist weit; doch in den Schulen wird es eng – und stressig: Der Druck steigt, der Freiraum schrumpft. Wie sonst lässt sich der Stresstest erklären, dem sich alle angehenden Lehrpersonen der PH Nordwestschweiz seit diesem Jahr zu unterziehen haben? Wie wenn es im Unterricht nur noch darum ginge, Stress zu bewältigen – und nicht mehr um den pädagogischen Bezug – als Grundlage guten Lernens. Doch es ist Faktum: Das dichte Regelwerk und die Fülle von Vorgaben bringen viele an Grenzen. Auch der Lehrplan 21 wird kaum Abhilfe schaffen. Im Gegenteil.

Aufgabenvielfalt und Kotrollsystem erdrücken

„Das System engt mich ein.“ So klagte jüngst einer meiner begabtesten Studenten; er unterrichtet gerne und mit Verve. Aber er hetze von Inhalt zu Inhalt. Ein unzusammenhängendes Sammelsurium, ohne innere Kohärenz, ohne Zeit zum Vertiefen und Üben, ohne Chance zum Erlebnis. Und dauernd müsse er beurteilen. Von Freiheit keine Spur. Die Vorgaben kommandierten. Er wird nach zwei Jahren Lehrersein weiterstudieren – und geht der Schule verloren. Vermutlich für immer. Leider kein Einzelfall.

Ähnliches erzählt eine engagierte Sekundarlehrerin. Sie eile von Prüfung zu Prüfung. „Was ich machen muss, ist Stoff durchnehmen mit dem alleinigen Ziel, ihn nachher zu testen und eine Note zu haben.“ 20 Examina allein in Französisch, über 60 Prüfungsnoten pro Semester, dazu Zwischenzeugnisse mit Zahlen und ellenlangen Rastern. „Ich muss die Kinder mit Kreuzchen in Kästchen drücken.“ Doch „ich werde ihnen damit nie gerecht“, fügt sie hinzu. Jedes Aufgaben-Vergessen, jedes Zu-spät-Kommen muss notiert werden; nach Gründen fragt niemand. Angekreuzt gilt als erledigt, basta: Reduktion auf Striche – und Noten. Die Neugier erstickt. „Wie wollen Kinder da noch die Freude an der Schule behalten?“ Das Gleiche gilt wohl auch für die Lehrerin.

Addition als Kennziffer der Schule

Zwei Impressionen, zwei subjektive Sichten, vielleicht nur bedingt repräsentativ. Wer allerdings den schulischen Alltag näher betrachtet, erkennt schnell: Der Bildungsauftrag und das Vermitteln von Wissen und Können sind schwieriger geworden. Die Volksschule hat viele neue Aufgaben übernommen. Die Stofffülle nimmt zu, die Freiheit ab. Allzu viele Ansprüche lasten auf der Schule und führen zur Überlastung; denn wer die Schule inhaltlich entgrenzt und damit „grenzenlos“ macht, erschwert den pädagogischen und didaktischen Auftrag wesentlich. Alles ist heute irgendwie wichtig geworden, von den frühen Fremdsprachen übers Individualisieren bis zur Integration verhaltensauffälliger Kinder. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist anspruchsvoll und fordernd. Darum wird das Korsett enger und der Vorschriftenkatalog rigider.

Dazu kommt der Druck der Eltern. Auch deren Ansprüche steigen. Nicht wenige sehen Schule gerne als niedere Serviceleistung des Staats, berappt aus ihren Steuergeldern. Gemäss dieser Kioskmentalität haben Lehrer den Nachwuchs fit zu trimmen für den globalen Wettbewerb. Notfalls hilft der Anwalt.

Vom Umgang mit Polaritäten

Manches zählt zu den pädagogischen Konstanten. Zum Unterrichten und Erziehen gehörte schon immer der Umgang mit Dichotomien, das Aushalten von Widersprüchen. Empathie und Widerstand gleichzeitig; verstehen und nicht mit allem einverstanden sein. Achtsam sein und gleichzeitig Disziplin verlangen, das Kollektiv im Auge behalten und jeden Einzelnen im Blick haben. Die Lehrerin arbeitet im widersprüchlichen Feld von Freiheit und Ordnung; das Wirken des Lehrers bewegt sich zwischen Sozialisation und Individuation, zwischen kultureller Integration und Vermitteln von Lerninhalten sowie Einüben von Können – und natürlich zwischen den Momenten des Gelingens und des Scheiterns.

Diese Dilemmata lassen sich nicht auflösen. Lehrpersonen müssen sie aushalten, reflexiv handhaben und daraus die pädagogische Spannkraft und Energie fürs Mögliche und Alltägliche gewinnen. Das ist nicht immer leicht, der Idealfall nie Realität, aber er bleibt als Aufgabe.

Von der Freiheit des Weges

Zu den belebenden Konstanten gehörte einst auch die didaktische Freiheit. Diese Freiheit steckte in jeder Lehrer-DNA. Sie war so etwas wie konstitutives Berufselement und machte die Profession attraktiv. Für viele war es darum der Traumberuf; ein Leben lang blieben sie ihm treu. Die Unterrichtsziele waren gegeben, die Wege frei. Den méthodos, den Weg zum Ziel, konnten die Pädagogen selber bestimmen – situativ und nach eigenem Entscheid. Die Methode stand in direkter Korrelation zu den Kindern und ihren Bedürfnissen – und natürlich auch zum Unterrichtsinhalt und den Präferenzen der einzelnen Lehrperson.

Vitale Lehrerpräsenz als Non-Valeur

Heute wird dieser Weg auf standardisierte Weise ganz genau festgelegt. Alle Bildungsinhalte, die schulisch vermittelt werden sollen, sind kompetenztheoretisch gefasst. Damit verbunden ist das eigenverantwortliche Arbeiten, das selbstorientierte und selbstregulierte Lernen. Es dominiert und diktiert die Methode; sie wird zum Direktiv von oben: Lernende sollen selber alles aktiv hervorbringen. Der Lehrer wird zum Begleiter. „Ja nicht zu viel Interaktion der Lehrperson!“, berichtet die Sekundarlehrerin. So suggeriere man ihr. Und angehende Junglehrer sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, sie seien in der Lektion „zu präsent gewesen“. Dabei verhalten sie sich genauso, wie es die moderne Hirnforschung postuliert: vital präsent sein, verstehende Zuwendung zeigen, ermutigen: die Pädagogin als menschliches Gegenüber, der Pädagoge als erste Stimmgabel, der Resonanzen erzeugt und im jungen Menschen etwas zum Klingen bringt. (1)

Nochmals die Sekundarlehrerin: „Mir tun die Kinder leid; jedes muss den Stoff für sich selber erarbeiten. Wie viele lustige Momente des Unterrichts gehen da verloren! Wie viel Zusammengehörigkeitsgefühl!“ Die Klasse wird atomisiert, das Gemeinsame versiegt, das Unplanbare schwindet. Die Wissenschaft sagt es so: Was sich so modern anhört, nützt nur den leistungsstarken Schülerinnen; den schwächeren Schülern erschwert es den Zugang zu Neuem und Anspruchsvollem. (2)

Humane Energie kommt aus Freiheit

Eine wirksame Bildungspolitik müsste mehr an den Menschen glauben und weniger an Systeme und Strukturen. Gute Lehrerinnen, gute Lehrer mit mitmenschlichem Einfühlungsvermögen und fachlicher Leidenschaft sind der Kern der Schule. Sie brauchen aber Freiheiten – nicht mehr Vorschriften. Sie brauchen Vertrauen – und keinen Druck durch Dekrete.

Humane Energie kommt aus Freiheit, nicht aus lehrmethodischen Direktiven und operativ engen Vorgaben, wie sie eine aktuelle Bildungspolitik verordnet. Der engagierte Junglehrer würde der Schule wohl treu bleiben, und die Sekundarlehrerin könnte mit ihrer Klasse wieder gemeinsame Exkursionen planen.

Freiheit als erste Bedingung zur Bildung: Für gute Schulen ist und bleibt Wilhelm von Humboldt noch heute Idol. Amerikanische Eliteuniversitäten haben sein Bildungsideal immer hochgehalten.

(1) Joachim Bauer (2017), in: Zur Bedeutung von Spiegelung und Resonanz: Beziehungsorientierung aus neurowissenschaftlicher Sicht. Vortrag am Kongress Beatenberg „Worauf es in der Schule wirklich ankommt“. Unpubl. Msc.; ders. (2007), Lob der Schule. Sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag GmbH, S. 51f.

(2) Vgl. u.a. Andreas Helmke (2016), Ohne […] klare Strukturen und Lehrersteuerung geht’s nicht. Unpubl. Msc.; ders. (2015), Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. 6. Auflage. Seelze-Velber: Friedrich Verlag GmbH, S. 205ff.

Kommentare

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Sind Schule und Studium zu einer einzigen 'Pūnktlischinderei' verkommen? Und wie sollen Kinder und Jugendliche Inhalte ūberhaupt verstehen lernen, wenn sie weit entfernt von der eigenen Muttersprache sind? Nicht alles war früher besser, manchmal war es Drill oder langweilig, aber teilweise durfte man wenigstens selber denken. Allerdings auch nicht immer. Selbstāndig und kritisch zu denken wird mit dem 'Pūnktlischindereikonzept' aber total abgewūrgt.

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