Vom Wert der Dystopien

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Vom Wert der Dystopien

Von Hans Durrer, 15.06.2017

Die Philosophin Ágnes Heller, geboren 1929 in Budapest, entging dem Holocaust zusammen mit ihrer Mutter nur knapp; ihr Vater und viele Verwandte wurden ermordet.

Nach dem Krieg trat sie der kommunistischen Partei bei, später wurde sie Schülerin des Philosophen Georg Lukács, der als Erneuerer der marxistischen Philosophie und Theorie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt. 1986 wurde sie Nachfolgerin von Hannah Arendt auf deren Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York. Ágnes Heller lebt heute in Budapest.

In ihrem Essay „Von der Utopie zur Dystopie“ unterscheidet sie zwei Arten antiker Utopien: solche der Wünsche und solche einer gerechten Gesellschaft, eines gerechten Staates. Wunschutopien seien Fantasien von einer natürlichen Welt ohne Grenzen, Gesetze und Tabus, in der einem gebratene Vögel in den Mund fliegen. „Wünsche, die in solchen Utopien zum Ausdruck kommen, sind mehr oder weniger universal, tief verankert in einer der Schichten unserer unbewussten Seele.“

Utopie von der Abschaffung des Privateigentums

Im Gegensatz dazu stehen die philosophisch konstruierten Utopien, deren Grundidee die Gerechtigkeit sei. In einem gerechten Staat sei alles geregelt; diese Ordnung sei kein Traum, sondern ein Modell, ihr Ziel die Stabilität. „Während in den Wunschutopien kein Vergnügen verboten ist, auch wenn die Leute nicht alle auskosten, sind hier alle, auch die erlaubten, streng geregelt. Persönliche, individuelle Freiheit ist ausgeschlossen, während in den Wunschutopien jeder und jede frei das tun kann, was immer er oder sie möchte.“

In den meisten philosophisch konstruierten Utopien sei das Privateigentum der Feind, so Heller. Dies verkörpere keine tief in der menschlichen Einbildungskraft verwurzelte Sehnsucht und sei deshalb für viele Menschen unattraktiv. Zudem: „Es zeigte sich, dass die Abschaffung des Privateigentums nicht persönliche Freiheit und Gleichheit fördert, sondern Tyrannei und politische Ungleichheit. Schon der Sowjetkommunismus vernichtete die Utopie von der Abschaffung des Privateigentums, chinesischer Kommunismus und die Roten Khmer gaben ihr den Rest. Nach den Erfahrungen aller totalitären Staaten wurde das kommunale Leben als ultimativer Konformismus, als Gehirnwäsche gesehen, die jeden Rest freien Denkens erstickt.“

Aus dystopischen Romanen lernen

Weswegen denn Ágnes Heller auch mit den modernen Dystopien, den Anti-Utopien, sympathisiert. Unter den Werken aus der dystopischen Literatur mit denen sie sich auseinandergesetzt hat, finden sich Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“, George Orwells „1984“, Ray Bradburys „Fahrenheit 451“, Margaret Atwoods „Der Report der Magd“, Robert Harris‘ „Vaterland“, Kazuo Ishiguros „Alles, was wir geben mussten“, Cormac McCarthys „Die Strasse“ und Michel Houellebecqs „Unterwerfung“.

Diese Auswahl ist nicht zufällig erfolgt. Ágnes Heller erläutert ihre nachvollziehbaren Kriterien, obwohl nicht recht einzuleuchten vermag, dass J. G. Ballard fehlt. Nicht nachvollziehbar ist hingegen die recht überhebliche Klammer in diesem Satz: „Kierkegaard (die Autoren dieser Romane kannten ihn wahrscheinlich nicht) hat schon gesagt: Unschuld ist Unwissen.“

Von der Geschichte können wir eines lernen, meinte bekanntlich Hegel: dass wir nie etwas von ihr lernen können. Doch Ágnes Heller glaubt, dass wir aus den dystopischen Romanen etwas lernen könnten. Ein Beispiel: „Wenn dystopische Romane uns sagen: Du wirst dich unterwerfen, können wir antworten: das werden wir nicht tun.“

Moderne Dystopien sind also nicht nur Schreckensszenarien, sie sind auch Warnungen. Doch sie sind noch weit mehr. „Heute meinen Dystopien, man solle keine Garantien, keine Sicherheit verlangen. Das heisst: seinen Garten kultivieren. Es ist eine Utopie der Verantwortlichkeit als Zivilcourage.“ Ágnes Heller redet hier nicht dem Rückzug ins Private das Wort, sondern der Übernahme der Verantwortung für soziale Fantasien. Sie erläutert das höchst eindrucksvoll am Beispiel der zeitgenössischen Architektur, die auf sehr individuelle Art und Weise und ohne einem Stil verpflichtet zu sein, öffentliche Räume (Kirchen, Museen, Opern) schafft, die Gemeinschaftserlebnisse ermöglichen, ohne dass jemand die persönliche Freiheit aufgeben muss.

Ágnes Heller: „Von der Utopie zur Dystopie – Was können wir uns wünschen?“
Edition Konturen, Wien Hamburg 2016

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