Vom Waldtänzchen zum Weltenbrand

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Vom Waldtänzchen zum Weltenbrand

Von Laura Weidacher, 12.01.2019

Das Theater Basel wendet sich, fünf Jahre nach der erfolgreichen Inszenierung von „Tod eines Handlungsreisenden“, mit „Hexenjagd“ wieder dem amerikanischen Erfolgsautor Arthur Miller zu.

Arthur Miller (1915–2005) schrieb sein mutiges Stück „The Crucible“ (in weit gedachter Übersetzung „Der Tiegel“) mit gerade mal 40 Jahren. Durch das Wissen über Millers eigene Erfahrungen mit McCarthys Kommunistenjagd – Miller war da persönlich hineingeraten und wegen seiner Weigerung, Kommunisten zu denunzieren, mit Gefängnis bestraft worden – hat die US-amerikanische Tragödie um eine Hexenjagd von 1692 im Jahr der Stück-Uraufführung 1953 starke Reaktionen hervorgerufen.

Heute, unter dem Eindruck von Trumps und anderer Despoten Menschenhatz gegen alles Ausländische, flammt die Aktualität dieses Stückes erneut auf. Ob der Teufel, ob Kommunismus, ob Rassismus oder unter den Generalverdacht des Terrorismus gestellte Ausländer: Gejagt wird ein Begriff, eine Ideologie, eine Angst. Auf den Punkt gebracht wird diese hochkochende Hysterie mit einem Satz aus Millers Stück: „Hexerei ist ein unsichtbares Verbrechen.“

Genau genommen geht es in „Hexenjagd“ nicht explizit um Hexen, sondern um Hexerei, um angeblich vom Teufel besessene und seinen Wünschen gehorchende Menschen. Im Raum steht also der Vorwurf, dem Bösen zu dienen, dessen gefrässige Begierde nach neuen Opfern zu befriedigen und ihm diese zuzuführen. Im kleinen Städtchen Salem im US-amerikanischen Massachusetts haben die puritanischen Siedler noch nicht sehr lange zu einer zivilen Gemeinschaft zusammengefunden. Alles, hat man den Eindruck, läuft mühsam ab. Von einer kleinen Clique diktierte, lebensfeindliche Religiosität, Machismo, Missgunst und Besitzgier beherrschen Moral und Sitte in diesem Tiegel der Gottesfürchtigen.

Die Mittel der Machtlosen

Aus dieser verkrusteten Stimmung brechen einige junge Mädchen, teilweise noch Kinder, aus purer Spiellust aus. Im Herbst 1692 treffen sie sich nachts im Wald und tanzen, offenbar teilweise nackt, um ein Feuer. Leider werden sie dabei aber vom Reverend Parris beobachtet, dessen eigene Tochter sich auch unter den Tanzenden befindet. Im Schrecken des Ertapptseins flüchten sich einige der Kinder ins einzige Verhalten, das Machtlosen zur Verfügung steht: Sie brechen zusammen und rühren sich nicht mehr, sodass man um das Leben der Mädchen zu zittern anfängt. Erwacht, schreien sie immer wieder panikartig los, um hochnotpeinlichen Fragen auszuweichen. Und selbstverständlich, so nehmen die untersuchenden Behörden und Geistlichen an, sind sie in diesen Panikattacken vom Teufel besessen.

Als alle Ohnmachten und Schreie ihre Wirkung zu verlieren drohen, greifen die Mädchen, um sich selbst zu retten, zu einem perfiden Mittel: Sie klagen wahllos, wie es scheint, Menschen ihrer Umgebung an, mit dem Teufel zu paktieren. Sie schrecken nicht einmal davor zurück, die allseits geachtete alte Hebamme der Stadt des mehrfachen Babymordes anzuklagen. Erst mit diesen Anklagen, welche in den Lebensnerv jedes Einzelnen zielen, werden sie ernst genommen.  

Verzerrung, Verleumdung, Fakes

Und von diesem Punkt an wird das im ersten Teil etwas langatmige Stück schlagartig spannend und fängt an, unter die Haut zu gehen. Kennen wir das nicht alle aus vielen Beispielen des 20. und 21. Jahrhunderts, die uns näher sind als das Salem von 1692? Verzerrung, Verleumdung, Fakes, Vorverurteilung ohne Ansehen der Person. Arthur Miller ging es in seinen Dramen stets darum, die ethische Grundhaltung des Menschen einzufordern respektive anzuklagen, ohne jedoch die Ambivalenz von Verführungen und Lebenszwängen jedes Einzelnen aus den Augen zu verlieren.

Alle Inszenierungen des Stücks, auch die inzwischen vier Verfilmungen waren bemüht, den Gewissenskonflikt des Einzelnen innerhalb der Zwänge der Gesellschaft – bei Arthur Miller war das noch der American Way of Life – ins Zentrum zu stellen. Dies versuchte in Basel auch der als Londoner Shootingstar gehandelte junge Regisseur Robert Icke, der in Basel seine erste Schweizer Arbeit vorstellte. Aber auch wenn die Bühnenanordnung den Anhörungspulten der McCarthy-Verhöre nachempfunden ist (Bühne Chloe Lamford) und ansonsten auf jegliches störendes Requisiten-Gigi verzichtet wird: Die Inszenierung kommt trotz aller Sorgfalt dem grossen Einsatz des gesamten Ensembles nicht über eine relativ brave Aufführung hinaus.

Bestürzend aktuell

Als hervorstechendstes Stilmittel wird in dieser im zweiten Teil stark vorangetriebenen Inszenierung ungeheuer oft (durcheinander-)gebrüllt, wobei viel Textverständlichkeit verloren geht. Langeweile kommt dabei natürlich nicht auf, doch geht durch solch akustische Reize die erschreckende Unerbittlichkeit des Textes unter. Im letzten Akt lodern ringsum auf der Bühne echte Feuer auf, welche im Schauspielhaus eine fast unerträgliche Hitze verbreiten und den Stimmen der bedauernswerten Schauspielerinnen und Schauspieler gewiss nicht zuträglich sind. Es ist anzunehmen, dass uns damit ein etwas plakativer Hinweis darauf gegeben werden sollte, wie aus einem kleinen Waldfeuerchen mit tanzenden Mädchen eine Art Weltenbrand entstehen kann. Über die künstlerische Umsetzung kann man sich streiten, aber als historischer Hinweis ist das ein bedenkenswerter Ansatz. Aber vielleicht hatte Icke auch nur das Fegefeuer im Kopf und griff damit zu einem explizit katholischen Mythos inmitten eines puritanischen Weltbilds.

Trotz allem: Es lohnt sich, dieses starke, bestürzend aktuelle Stück Literatur über ein auch heute immer wieder aufflammendes Problem im Theater zu erleben. Das Basler Publikum dankte jedenfalls mit starkem, wenn auch nicht gerade frenetischem Applaus.

Nächste Vorstellungen:  17., 21., 25. Januar

Fotos: Sandra Then

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