Vom Umgang mit dem Unsicheren

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Vom Umgang mit dem Unsicheren

Von Urs Meier, 21.11.2013

Um Meinungen austauschen und Überzeugungen bilden zu können, braucht es die gekonnte Fassung des Nichtsicheren: die Rhetorik.

Politische Ideen haben die sprachlogische Form von Behauptungen, müssen sich also um Glaubhaftigkeit bemühen. Mit der (politischen) Kunst des Überzeugens beschäftigt sich seit der Antike die Rhetorik. Sie analysiert und lehrt, wie man redend und schreibend Herzen und Köpfe der Menschen gewinnt. Zu Unrecht steht sie im Ruf, blosse Manipulationstechnik zu sein. Vielmehr ist sie eine strenge Schule disziplinierten Denkens.

Im Unterschied zur Wissenschaft ist das Politische – und das meint hier im weitesten Sinn die Regelung öffentlicher Angelegenheiten – die Sphäre des Andersseinkönnens. Hier stehen Sein und Sollen nicht fest, sondern sind Gegenstände der Auseinandersetzung. In diesem Reich des Nichtsicheren wird stets Einzelnes verhandelt und beschlossen; es geht nicht um dauerhafte und universelle Festlegungen. Wo solches routinemässig betrieben wird, haben wir es mit Ideologie zu tun. Sie ist genau genommen ein Verrat am Politischen. Das Ideologische bedarf denn auch keiner Rhetorik, sondern begnügt sich mit Propaganda.

Wo Gegebenheiten und Vorstellungen immer auch anders sein können, bewegt sich der Diskurs auf schwankendem Boden. Er benötigt eine Sprache, die mit dem Nichtsicheren umzugehen weiss, indem sie Grade von Ungewissheit abstuft, eigene und fremde Perspektiven kenntlich macht, vorgetäuschte Sicherheiten entlarvt und aus umsichtigen, nachvollziehbaren Beurteilungen Argumente gewinnt – für eine Haltung, eine Meinung oder die Lösung eines Problems.

Die Sprache stellt in Lexik, Grammatik, Syntax und Stilistik alle Mittel bereit für einen differenzierten Umgang mit dem Nichtsicheren. Verantwortliche demokratietaugliche Politik beginnt mit sprachlicher Sorgfalt. Gerade weil es im politischen Meinungsstreit unvermeidlich ist, dass Wörter mitunter auch der parteilichen Aufrüstung dienen, ist es um so wichtiger, die räsonierende Sprache als primäres Instrument der Politik nicht zu beschädigen. Dafür zu sorgen, ist naturgemäss weniger Sache der parteipolitischen Frontleute, sondern der vermittelnden Akteure, ganz besonders also der Medienschaffenden.

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