Vom KZ zum Eigenheim

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Vom KZ zum Eigenheim

Von Roland Kaufhold, 09.04.2019

Eine Studie über ein Dorf, das früher einmal ein KZ war

Viele Städte, insbesondere in Ostdeutschland, wurden durch fremdenfeindliche Überfälle und Kundgebungen zu Symbolen von Intoleranz. Ihre Namen prägten sich ein. Die sachsen-anhaltinische Gemeinde Tröglitz mit ihren 2700 Einwohnern machte 2015 durch fremdenfeindliche Kundgebungen von sich reden. 50 Flüchtlinge sollten in einem „ungenutzten Gebäude“ untergebracht werden, rasch gab es von Rechtsradikalen organisierte Proteste dagegen.

„Mitte der Gesellschaft“

Bürgermeister Nierth stellte sich dem Ungeist entgegen. Man müsse „die ’Neuen‘ erst einmal unvoreingenommen kennen lernen“, schrieb er im Infoblatt der Gemeinde. In seiner Kleinstadt machte er sich hierdurch zur Unperson. Dann brannte eine Flüchtlingsunterkunft kurz vor ihrer Eröffnung nieder. Der grösste Teil solcher fremdenfeindlichen Übergriffe wurde von Tätern begangen, die bisher „strafrechtlich nicht auffällig geworden“ waren, heisst es in der vorliegenden Studie „Vom KZ zum Eigenheim“.

Es waren nicht extremistische Ränder, es war die „Mitte der Gesellschaft“. Der Bürgermeister wurde selbst zum Objekt des Hasses, er erhielt Morddrohungen und gab sein Ehrenamt auf. Die Meldung von dieser Kapitulation innerhalb einer Demokratie machte internationale Schlagzeilen. Schutz vermochte ihm und seiner Familie noch nicht einmal die Polizei zu bieten.

Die NS-Mustersiedlung und das KZ Wille

Der psychoanalytische Sozialpsychologe Oliver Decker, Direktor des Leipziger Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung, legt seit 2002 die Leipziger Autoritarismusstudien vor. Gemeinsam mit den Fotodokumentaristen Frank Berger und Falk Haberkorn besuchte er Tröglitz regelmässig. Als Wissenschaftler setzt Decker die „braune“, unaufgearbeitete Geschichte dieses Ortes in Verbindung mit der gewalttätigen Gegenwart:

Tröglitz war 1937 als NS-Mustersiedlung erbaut worden; in der Nachbargemeinde wurde das Konzentrationslager „Wille“ errichtet. Parallel hierzu bauten die Nationalsozialisten ab Juni 1937 ein Hydrierungswerk – das Brabag-Werk – sowie eine Siedlung. Alle drei bildeten im nationalsozialistischen Sinne eine Einheit von „Arbeit, Volk und Fremden“. Ein nationalsozialistischer Landschaftsplaner legt das zugrundeliegende völkische Motiv dar: „Die Kleinsiedlung ist die beste Siedlungsform für die werktätige Bevölkerung, weil sie geeignet ist, den deutschen Arbeiter wieder mit dem Heimatboden zu verbinden.“ Politische Zuverlässigkeit ist Voraussetzung für den Einzug.

Steingewordene Gesinnung

Im Konzentrationslager Wille, nicht weit vom KZ Buchenwald gelegen, wurden vor allem ungarische Juden festgehalten; von 1944 bis 1945 wurden 8572 Häftlinge von Buchenwald in das Aussenlager „Wille“ deportiert, darunter der spätere Literaturnobelpreisträger Imre Kertéz. Dieser hat in seinen autobiografischen Romanen – „Der Spurensucher“, „Roman eines Schicksallosen“, „Mensch ohne Schicksal“, „Fiasko“ – immer wieder hierüber geschrieben. Für Kertéz, der mit Glück überlebte, blieb das KZ Wille lebenslang prägend; auch in Erinnerung an die 5671 in „Wille“ ermordeten Häftlinge. Decker spricht von der „steingewordenen Gesinnung“ dieses Ortes.

Decker, Berger & Haberkorn dokumentieren in dem Band fotografisch die heutigen Eigenheime und Häuser, die früher Teil der NS-Unterdrückungs- und Vernichtungsanlage waren. Viel Grün ist dazu gekommen, unzählige Tannenbäume, die die bis heute erahnbaren Spuren nicht zu überdecken vermögen. Ein Blick nach Tröglitz, auf die scheinbare Idylle, das Amorphe, könne uns helfen, die Entwicklungen in ganz Deutschland besser zu verstehen. Sie konfrontieren die Gegenwart mit den Ansprachen etwa Görings, der bereits seinerzeit von dem „Fremden“ sprach, das zu vernichten sei. Die „Identifikation der Deutschen mit den NS-Zielen“ konnte mit Terror und Waffengewalt allein nicht erreicht werden. Die Zugehörigkeit zu der „Volksgemeinschaft“, der identitätsstiftende Mythos von „Blut und Boden“, der „Deutschen Arbeit“ und des Kampfes „gegen die Bedrohung ihrer ’rassischen‘ Wurzeln“ wirke bis heute fort.

„Aufgearbeitet“ worden ist nie etwas, in der DDR noch entschieden weniger als in der Bundesrepublik. Die zahlreichen, immer wieder scheinbar eruptiv aufbrechenden fremdenfeindlichen Inszenierungen, insbesondere in Ostdeutschland, seien ein Beleg für das Fortwirken des acht Jahrzehnte zurückliegenden Schreckens.

Decker, O, Berger, F, Haberkorn, F: Vom KZ zum Eigenheim. Bilder einer Mustersiedlung, Springe: Zu Klampen Verlag 2016, 128 S., 15,30 Euro.

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Ostdeutschland war Ostpreussen, Schlesien, Pommern. Was heute als Ostdeutschland durch Westdeutsche bezeichnet wird ist und war Mitteldeutschland, siehe der immer noch deutsch und deutliche Mitteldeutsche Rundfunk in Leipzig. Ja, Deutsche üben die Amnesie zu Lasten der wenigen noch lebenden echten Ostdeutschen. Ich weiss, politisch nicht korrekt. Somit auch auf einem schweizerischen Forum kaum zugelassen.

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