Volksherrschaft Demokratie – Kopf in den Sand oder Sand im Kopf?

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Volksherrschaft Demokratie – Kopf in den Sand oder Sand im Kopf?

Von Andri Gigerl, 17.01.2018

Wir lachen über die Zustände in den USA. Dabei ist es um unsere eigene Demokratie nicht besser bestellt.

Journal21.ch will die Jungen vermehrt zu Wort kommen lassen. In der neuen Rubrik „Jugend schreibt“ nehmen Schülerinnen und Schüler des Zürcher Realgymnasiums Rämibühl regelmässig Stellung zu aktuellen Themen.

Andri Gigerl wurde im Jahre 2000 geboren und besucht die 5. Klasse des Realgymnasiums Rämibühl. In seiner Freizeit interessiert er sich für Geschichten in jeder Form und für Politik. Mit seinen Kurzfilmen war er schon mehrmals am ZFF72-Wettbewerb des Zürich Filmfestivals vertreten. Seine Kurzgeschichten wurden an der Erzählnacht des Realgymnasiums mehrfach ausgezeichnet.

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Die USA, Ungarn, Polen, die Türkei, Deutschland, Österreich, Tschechien. Jedes Mal gaffen wir mit offenen Mündern und wundern uns, wenn ein weiterer Staat dem Rechtsrutsch zum Opfer fällt. Wir schütteln die Köpfe über Donald Trumps „Muslim Ban“, während die SVP bei uns nach dem Minarettverbot nun das Verhüllungsverbot raushaut. Wir lachen über den Brexit, während die Masseneinwanderungsinitiative unsere EU-Beziehung erdrosselt. Trump und Kim sind zwar unbestritten zwei Kinder, aber Ignazio Cassis hat auch noch kein Rückgrat ausgebildet. Und wenn nun Doris Leuthard auf unsere EU-Krise mit einem Steuerloch antworten möchte, müssen wir uns eingestehen: Wir belügen uns selbst, wenn wir uns weismachen wollen, wir wären auf einem intelligenteren Kurs als die Amerikaner.

Spätestens seit dem drohenden Verkauf der Pressefreiheit alias «No-Billag» müssen nun aber sogar in der Schweiz bei den Verfechtern der modernen Demokratie die Wecker klingeln. Denn ihre Gegner sind gar nicht erst zu Bett gegangen. Die Abschaffung des Rechtsstaats in Polen, die Katalonienkrise, die Regierung Kurz-Strache in Österreich oder «No Billag» sind keine Einzelfälle und kein Versehen. Sie sind Anschläge auf die demokratische Verfassung, und auch wenn wir gerne an diesem Thema vorbeischlittern, lässt es sich nicht leugnen. Unsere Demokratie ist dabei, den Kopf in den Sand zu stecken, weil Rechtspopulisten der Bevölkerung Sand in den Kopf stecken. Hat unsere Gesellschaft noch eine demokratische Zukunft? Und ist diese überhaupt wünschenswert?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir etwas tiefer gehen als die SVP beim Sandbuddeln. Die populistische Rechte, die dieser Tage immer mehr Macht erhält, sieht sich gerne als Vertretung des einfachen Volkes. Man propagiert eine Demokratie, eine Volksherrschaft. Was die Volksmilliardäre Trump, Babiš und Blocher entweder gerne ausser Acht lassen oder aber schlicht und einfach nie verstanden haben, ist, dass eine Demokratie nach modernen Massstäben keineswegs nur eine Herrschaft des Volkes ist. Das mag zwar der ursprünglichen griechischen Bedeutung entsprechen, geprägt wurde der Demokratiebegriff der abendländischen Zivilisation aber in der Aufklärung. Demokratie steht für Prinzipen, deren Namen keiner je aus dem Munde eines Rechtspopulisten gehört hat. Demokratie steht für Gewaltenteilung, für Menschenrechte, für Religions- und Pressefreiheit, für die Trennung von Kirche und Staat. Demokratie steht für das Ende der Monarchie, Aristokratie, Oligarchie und Diktatur. Demokratie steht für das Ende des Machtmissbrauchs durch einen Herrscher oder eine herrschende Gruppe. Genau dazu drohen wir jedoch wieder zurückzukehren.

Es wäre nicht das erste Mal, dass eine entgleiste Volksherrschaft zur Volksunterdrückung wird. Man würde meinen, die Geschichte hätte uns gelehrt – aber nein, die Geschichte lehrt uns im Grunde selten irgendetwas, weil wir nicht dazu bereit sind, die Fehler anderer in uns selbst zu sehen. So auch in diesem Fall. Der Sozialismus, der Kommunismus, sogar die Französische Revolution. Sie alle hatten grosse Ideale; kluge, menschliche, soziale Ideale. Und sie alle sind entgleist und schwer verunfallt, mit grossen Opferzahlen. Und immer waren die Zugführer einzelne populistische Volkshelden, die mit Terror und Propaganda herrschten. Die zu Beginn genannten Prinzipien der Demokratie werden verdreht, misshandelt und vergessen. Heute ist die Wirtschaft zur Religion geworden und ihre Kirche ist von unserem Staat so getrennt wie Früchte in einem Smoothie.

Der entscheidende Schritt zur Rettung unserer Demokratie wäre es nun, die Gefahr im heutigen Rechtsrutsch zu erkennen und ihn als solche anzuprangern. Denn nein:  Der Rechtsrutsch ist nicht Fake News, er existiert tatsächlich fast überall, und ja: Er ist eine Gefahr. Er bedroht unsere Demokratie, und das auszusprechen ist dringendst notwendig.

Das geniale Konzept des Populisten ist die Ausnutzung der menschlichen Schwächen. Besonders eine sticht da hervor. Der Mensch ist im Grunde ein Egoist. Der Mensch ist nicht gut, er ist im Grunde ein Tier, und er will nur eins, nämlich das Beste für sich selbst.  Die Aufklärung hat das erkannt. Es war ihr Ziel, dass die Vernunft den Trieb besiegt, dass der Mensch seinen angeborenen Egoismus überwindet. Und die Demokratie baut auf dieser Grundlage auf. Sobald sie jedoch ins Wanken gerät, wankt auch die Demokratie. Der rechte Populismus funktioniert, indem er den Schrecken der Welt in einem Monster mit Migrationshintergrund zusammenpackt und gegen uns richtet. Er nutzt unsere Ängste, um die Triebe in unserem Inneren zu wecken. Die populistische Politik verkauft den Wählern hochprozentigen Egoismus in Valser-Flaschen. Die Wahrheit weht man mit viel heisser Luft davon. Die Rechte steckt uns gezielt Sand in den Kopf und während die Prinzipien unserer Gesellschaft versanden, stecken wir gemeinsam mit der Demokratie den Kopf in den Sand.

Wir haben begonnen, den Stand der Dinge als normal zu beurteilen. Wenn wir die Wahrheit sagen, und das tun wir hier, dann verspüren auch wir unseren Egoismus. Es wäre natürlich schon bequem, die Flüchtlinge mit dem nächsten Flug nach Syrien zurückzuschicken, die Grenzen zu schliessen und währenddessen am besten noch ausgiebig warm zu duschen. Was wir aber stattdessen tun müssen, im Namen der Demokratie, ist hinsehen und urteilen. Hart urteilen. Donald Trump, 45.Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, ist Sexist, Rassist, gewalttätig und für seinen Job schlichtweg nicht qualifiziert. Politik ist neu eine Schlammschlacht um die meisten Skandale und die unerhörtesten Tweets. Die Rechte biegt gezielt Fakten zurecht, wenn sie sie nicht gerade frei erfindet, und leugnet es. Die angeblichen Volkskämpfer unserer Zeit sind Milliardäre und haben keine Ahnung vom Volk. Wir wählen Regierungen und Politiker, für die Menschenrechte fakultativ sind. Wir mögen Leute, die Unsinn spektakulär verkaufen. Wir ignorieren Fakten, weil es bequem ist. Wir wollen nicht mehr eigenständig denken.

Das ist es, das Problem: Wir sind es, wir werden es bleiben. Wir sind unser einziger natürlicher Feind. Die Zukunft der Demokratie liegt in unseren Händen. Wenn wir sie retten wollen, dann müssen wir uns jetzt den Sand der Populisten aus dem Kopf schütteln. Wir müssen Augen öffnen, wo andere sie schliessen wollen, hinsehen, wo andere wegsehen. Wir müssen denken und die Wahrheit sprechen, denn auch das Medienimperium Blocher wird sie uns nicht verkünden. Die Wahrheit ist, dass wir die Demokratie brauchen, und dafür müssen wir einstehen. Weil es sonst keiner tun wird.

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Verantwortlich für die Betreuung der jungen Journalistinnen und Journalisten von „Jugend-schreibt“ ist der Deutsch- und Englischlehrer Remo Federer ([email protected]).

Das Realgymnasium Rämibühl (RG, bis 1976 Realgymnasium Zürichberg) ist ein Langzeitgymnasium. Es ist neben dem Literargymnasium die einzige öffentliche Schule des Kantons Zürich, die einen zweisprachigen Bildungsgang in Verbindung mit dem International Baccalaureate anbietet, wobei die Fächer Geographie, Biologie und Mathematik auf Englisch unterrichtet werden. Zu den berühmten Schülern gehören Max Frisch und Elias Canetti.

Weitere Informationen finden sich auf der Homepage www.rgzh.ch

Kommentare

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Genialer Bericht Gottseidank gibt es Menschen, die uns klarmachen, was da abläuft

Lieber Andri Gigerl

ich gratuliere Ihnen zu Ihrem differenzierten, scharfsinnigen Artikel. Machen Sie Ihre Stimme öffentlich, wo immer Sie können. Überzeugen Sie Ihre Mitschüler, Kolleginnen, Widersacher, Andersdenkende. Wir brauchen Sie. Sie sind die Zukunft!

Solche Jugendliche machen mir Mut! Eloquent, durchdacht und mit eigener Meinung! Ich wünsche Andri Gigerl alles Gute auf seinem weiteren Lebensweg und hoffentlich behält er seine wunderbare Bildsprache bei!
"Unsere Demokratie ist dabei, den Kopf in den Sand zu stecken, weil Rechtspopulisten der Bevölkerung Sand in den Kopf stecken." oder "...eine entgleiste Volksherrschaft ... Und sie alle sind entgleist und schwer verunfallt, mit grossen Opferzahlen. Und immer waren die Zugführer einzelne populistische Volkshelden, die mit Terror und Propaganda herrschten." sind wahre Perlen dieser Bildsprache!
Herzlichen Dank Hr. Gigerl für diesen, vom Thema her gespenstischen, wohl durchdachten und daher hoffnungsfroh stimmenden Lesespass!

Ein mutiger Artikel eines jungen Menschen, der aufhorchen lässt. Dieser Artikel ist geradezu subversiv geschrieben, in einer Zeit, in der ein rechtslastiger, mutloser Journalismus die Schweiz als den Nabel der demokratischen Welt verteidigt. Der Artikel zeigt auch, dass es junge Leute gibt, die sehr wohl eigenständig denken und vermutlich auch handeln können. Dies gibt mir, der ich ein alternder Mann bin, Zuversicht, dass es in diesem Land nicht gar so arg bestellt ist, wie ich häufig glaube.

Toll, Andri Gigerl, eine ausgezeichnete Analyse. Da kann ich mich nur freuen, wenn junge Leute so klar sehen. Viele von uns "Alten" sind offenbar nicht mehr in der Lage, sich an die noch nicht sooo lange zurückliegende Katastrophe von machtgierigen "Staatsmännern" zu erinnern und schlittern kritiklos in das aktuelle politische Desaster hinein. Dies betrifft nicht nur das Ausland.......

...schliesse mich dem Kommentar von Oliver Koch an: well done!

Es ist schwieriger geworden, die Augen geöffnet zu halten, weil man flächendeckend mit Sand beworfen wird. Ihr Artikel hat mir aber insofern die Augen geöffnet, als auch ich bis anhin der überheblichen Meinung war, bei uns sei schon noch alles ein Ticken besser.
Herzlichen Dank für Ihre scharfzüngige Analyse und grosses Kompliment!

Ein brillanter Artikel! Relevant, gescheit und frech. Toll geschrieben, junger Mann!
... und herzlichen Dank an die Macher: Überall klagen die traditionellen Medien darüber, dass die Jungen wegbleiben, und hier werden sie eingebunden.

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