Vertikale Schwierigkeiten

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Vertikale Schwierigkeiten

Von Urs Meier, 07.10.2016

Warum ist der Ausdruck „tiefe Bildung“ falsch? – Ein Spaziergang zwischen Semantik und Sprachphilosophie.

Bei den Orientierungswörtern für die vertikale Dimension gibt es sowohl das Mehr und das Weniger wie auch die gegensätzlichen Richtungen. Schaut man nach oben, so sieht man, was hoch ist; der Blick nach unten zeigt, was tief ist. Unterscheidet man aber das nach oben Reichende graduell, so spricht man von hoch und niedrig.

Wenn, wie kürzlich in der Berichterstattung über eine soziologische Untersuchung der Schichtungen innerhalb des Mittelstandes, von „tiefer Bildung“ die Rede ist, liegt eine sprachliche Verwechslung vor. Sie ist umso störender, als der Wortstamm tief im Zusammenhang mit Bildung ja eher zur Bezeichnung ihrer Vertiefung als ihres geringen Grades gebraucht wird. Was unschön klingt, ist hier auch tatsächlich nicht nur unklar, sondern falsch. Erreichte Bildungsgrade bemessen sich nicht zwischen hoch und tief, sondern – wenn schon eine vertikale Skala sie veranschaulichen soll – zwischen hoch und niedrig. Letzteres kann allerdings ungewollt verächtlich wirken. „Geringe Bildung“ wäre ein akzeptablerer Ausdruck.

Andere Begriffsbildungen mit tief sind weniger eindeutig. Soll man beispielsweise von „tiefen Steuern“ reden? Hier geht es um Geldbeträge, und die können gross oder allenfalls hoch, aber eigentlich nicht tief sein; sie sind vielmehr klein oder gering. Trotzdem wird der Ausdruck „tiefe Steuern“ sich im Sprachgebrauch halten. Schon die Parallelität zum gut eingebürgerten Wort „Tiefsteuerpolitik“ wird dafür sorgen.

Ein weiterer Fall: Sind die unter eingefleischten Automobilisten so prestigeträchtigen „tiefen Nummern“ sprachlich in Ordnung? Die Wortkombination klingt für ein empfindliches Gehör schräg. Denn eine Nummer ist eine Ordnungsangabe in Zahlenform und kann für sich genommen nicht tief sein. Die „tiefe Zahl“ hingegen ist geläufig, da sich mit ihr die Vorstellung einer senkrechten Skala verbinden lässt. Die Nummer auf dem Kontrollschild jedoch ist eine Ordnungsziffer und steht – bei kleiner Zahl – für die frühe, im Idealfall gar erste Position in der zeitlichen Reihe der Zulassungen. Warum also nicht von einer „frühen Nummer“ reden? Das würde auch den Grund für das eigenartige Prestige dieser zu Phantasiepreisen gehandelten Kennzeichen benennen. – Nun, der Vorschlag des Sprachakrobaten wird kein Gehör finden, denn die „tiefen Nummern“ sind als Fetische geltungssüchtiger Fahrzeugbesitzer unverrückbar etabliert.

In unserer von der Schwerkraft bestimmten körperlichen Wirklichkeit haben nicht alle drei Raumdimensionen die gleiche Wertigkeit. In sprachlichen Markierungen des Spannungszustands zwischen oben und unten drückt sich aus, ob wir stehen, fliegen oder fallen. Die Sprache kennt in der vertikalen Dimension mehr Differenzierungen als in den horizontalen Richtungen. Ausserdem lädt sie die entsprechenden Wörter mit wechselnden metaphorischen Gehalten auf und macht sie dadurch zusätzlich auch noch vieldeutig.

Gewisse Unsicherheiten bei Ausdrücken mit hoch, vor allem aber mit niedrig und tief  lassen sich nicht restlos ausräumen. Sprache zu beherrschen, heisst, mit solchen Komplikationen umgehen zu können. Verlangt ist nicht allein die Fähigkeit, eindeutige Regeln anzuwenden. Das können die Korrekturmodule der Textverarbeitungsprogramme mittlerweile recht gut. Zur Sprachkompetenz gehören vielmehr auch die Sensibilität für Unstimmigkeiten und die nötige Trittsicherheit für Terrains, auf denen es kein festes Regelgeländer gibt.

Guten Tag Herr Meier,
Ihre Beiträge zur Sprach-Akrobatik finde ich einfach Spitze! Vielen Dank dafür, dass Sie sich für korrekte Sprache einsetzen. Deutsch ist nicht so einfach, aber absolut spannend und sehr differenziert, wenn man sich die Mühe nimmt, genau zu sein.
Freundliche Grüsse

SRF Archiv

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