Vermenschlichte Mäuse und vermauste Menschen

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Vermenschlichte Mäuse und vermauste Menschen

Von Eduard Kaeser, 24.08.2019

Evolution spielen mit Chimären.

Chimären – Mischwesen aus Mensch und Tier – sind seit alters ein Faszinosum. Wir kennen sie aus Mythen über Sphinxe (Mensch-Löwe), Nixen (Mensch-Fisch), Kentauren (Mensch-Pferd) oder Harpyien (Mensch-Vogel). Im 19. Jahrhundert nehmen sie in der Literatur Gestalt an als Kreaturen aus dem Labor meist ziemlich grössenwahnsinniger Forscher. Bekannt ist der Science-Fiction-Roman des englischen Autors Herbert G. Wells aus dem Jahre 1896 „Die Insel des Dr. Moreau“, in dem ein Forscher auf einer einsamen Insel Chimären produziert, über die er uneingeschränkt herrscht. Dazu verhilft ihm die damalige Avantgardetechnologie der Vivisektion, mit der er seine „Untertanen“ aus Körperteilen verschiedener Arten zusammenschneidert.

Neuartige Organismen dank Gentechnologie

Diese Technik mutet heute schon fast rührend grobschlächtig an, angesichts der aktuellen Möglichkeiten des Zusammenschnipselns auf molekularer Ebene. Schon seit einiger Zeit transferiert man menschliches Erbmaterial in Bakterien. Insulin z. B. wird vom „transgenen“ Darmbakterium Escherichia coli erzeugt, das ein menschliches Insulin-Gen trägt. 1988 wurde in den USA eine Maus patentiert, deren Erbmaterial man gentechnisch derart veränderte, dass sie mit erhöhter Wahrscheinlichkeit an Krebs erkrankt: die Krebsmaus. Ihr wurden menschliche Tumorzellen eingepflanzt, um sie als „Modell“ für das Studium von Tumoren verwenden zu können – eine Maus mit spezifisch humanen Krankheitszügen. Dem Vernehmen nach stellte 2003 ein chinesisches Forscherteam eine Mensch-Kaninchen-Chimäre her, die sich bis etwa zu einem Hundert-Zellen-Stadium entwickelt haben soll. Die Reihe liesse sich beliebig fortsetzen. Die Gentechnik schafft neuartige Organismen. Herbert Wells Ausgeburten der Fantasie werden abgelöst von Ausgeburten des Labors. Was kommt auf uns zu?

Der Mensch: das tiermachende Tier

Die Chimäre symbolisiert sozusagen eine neue Phase der Naturbeherrschung, nämlich der Naturzurichtung. Man spricht von Biofakten, also von „gemachtem“ Leben. Wenn Benjamin Franklin den Menschen als „werkzeugmachendes Tier“ (toolmaking animal) charakterisierte, dann drängen die gentechnischen Fortschritte jetzt eine neue Definition auf: das tiermachende Tier (animalmaking animal). Heute besteht die Möglichkeit zur Herstellung neuer Spezies, und in diesem Sinn sind wir zu Fabrikanten eines Reichs natürlich-künstlicher Zwitterwesen geworden. Spielen wir „Evolution“?

Ja und Nein. Wir greifen in die genetische Entwicklung ein, doch wir tun dies auf grundsätzlich andere Weise als die Natur. Zunächst einmal ist der Zeithorizont ein ganz anderer. Noch wesentlicher ist ein zweiter Unterschied: der Zweckfaktor. Er ist Quelle ethischer Probleme. Die natürliche Evolution kennt keinen Designer, keine Zwecke – darüber lässt sich trefflich debattieren. Sie hat deshalb das Lebewesen auch nicht als Rohmaterial oder Laborgerät „konzipiert“. Die künstliche Evolution dagegen – darüber lässt sich nicht debattieren – hat einen Designer, den Menschen. Und der Mensch schafft Lebewesen – Biofakte – zum Experimentieren. Dieses Experimentieren wiederum dient bestimmten Zwecken. Solche Zwecke sind verhandelbar. Was auch immer mit dem Tier im Labor ge­schieht, es wird ihm eben angetan. Und dieses Antun steht a priori unter dem Zeichen einer Wahl. Jede Wahl verlangt eine Recht­fertigung. Kein biomedizinisches Experiment ist in diesem Sinne neutral.

Optimierung der Maus

Genauer betrachtet basiert das ethische Problem auf der Tatsache, dass Menschenzellen sich an der Entwicklung des tierischen Organismus beteiligen. Dieser Zwitterstatus zwischen den Spezies wirft Identitäts- und Abgrenzungsfragen auf, etwa: Ab welcher Anzahl von Genen ist ein Lebewesen noch ein transgenes Tier oder schon ein Mensch? Eine solche Frage lässt sich nicht objektiv beantworten. In sie fliessen bestimmte Wertvorstellungen, ja, Menschenbilder ein. Sollten für die Herstellung von Mensch-Tier-Chimären und für den Umgang mit ihnen andere Prinzipien als für Tiere und für Menschen gelten? Und ab wann wird ein Tier als „unseresgleichen“ anerkannt, auch wenn es körperlich und/oder kognitiv dem Menschen nicht ähnelt? Vor einigen Jahren pflanzte einer der Pioniere der Stammzellenforschung, der amerikanische Biologe Irving Weissman, menschliche embryonale Stammzellen in das Gehirn eines Mäuse-Fötus und schuf so eine Maus, in deren Hirn etwa ein Prozent menschliche Nervenzellen wachsen. Weissman möchte den Verlauf von Hirnkrankheiten erforschen und arbeitet deshalb bereits an der Optimierung der Maus: Sein Ziel ist ein Tier mit einem Hirn, das zu 100 Prozent aus menschlichen Nervenzellen besteht. Handelt es sich dann um eine vermenschlichte Maus oder um einen vermausten Menschen?

Das „Zerschneiden der Natur“

Ich glaube freilich nicht – trotz der Horrorszenarien, die immer wieder beschwört werden –, dass seriöse Wissenschafter sich zum Ziel setzen, lebende Chimären aus Mensch und Tier zu schaffen. Unmittelbares Ziel ist der Nachschub von Stammzellen, die verwendet werden können für Forschung und Therapie. Aber nichtsdestoweniger rückt die Stammzellenforschung ein Problem der neueren biologischen Forschungen in den Brennpunkt, das nicht so sehr die Konsequenzen als vielmehr die Voraussetzungen der Forschung betrifft. Und diese Voraussetzungen reichen weit zurück in die Geschichte. Das moderne biologische Experiment entstammt einer Tradition, die Francis Bacon, einer der ersten Propagandisten neuzeitlicher Wissenschaft, im 17. Jahrhundert, als „dissecare naturam“, als Zerschneiden der Natur, charakterisierte. Im Grunde ist die Gentechnik die triumphale Realisierung dieser Vorgehensart. In medizinischen und biologischen Laboratorien dominiert ein Blick, der in allem nicht-menschlichen Leben primär Metzgerware einer messenden und manipulierenden Neugier sieht. Die Rede von Tieren als „Präparaten“, „Reagenzien“, oder „Modellen“ sagt alles. Man will bessere Experimentierbedingungen, und die Chimäre – generell: das Biofakt – bietet sich hier als besser berechenbar, handhabbar, verfügbar an. Insgeheim verrät sich darin der Wille zur Kontrolle über das Leben. Dass dieser Wille im Zeitalter der gentechnischen Reproduzierbarkeit von Leben unkontrollierbare Formen annehmen kann, ist absehbar. Die Dr. Moreaus lauern überall. Und sie haben nicht wenige Stockholder des Lebens hinter sich.

Ethos der Objektivität und Ethos der Solidarität

Die längerfristige Herausforderung der Chimäre sehe ich eher darin, dass  sie  uns an eine andere, eine alte Neugier am Lebewesen erinnert, die nun gerade nicht im „Zerschneiden“ besteht. Eine Neugier, die das Lebewesen als In-Dividuum, als „Unzerschneidbares“, sein lässt, und nicht, wie meist, in gewesenes Leben verwandelt. Auf dem Spiel steht also letztlich das Gleichgewicht zweier Traditionen der Biologie, die je ein spezifisches Ethos der Forschung kultivieren. Ich möchte vom Ethos der Objektivität und vom Ethos der Solidarität sprechen. Das erste hält den Forscher dazu an, das Lebewesen als blosse Sache zu betrachten; das zweite dagegen dazu, im Lebewesen ein Mit-Lebewesen, vielleicht sogar ein Mit-Subjekt zu sehen (mit artspezifischem „Interesse“ am Leben). Es gibt nicht wenige Biologen, die sich durchaus an diesem zweiten Ethos orientieren.

Die Forschungspolitik fördert Einäugigkeit

Auf jeden Fall ist Leben mehr als eine zerlegbare Sache. Die Tradition des „Zerschneidens der Natur“ hat diese vitale Banalität zu sehr aus den Augen verloren. Und die Forschungspolitik fördert und honoriert diese Einäugigkeit. Es gibt das Wissen vom Leben, das wir aus dem expe­rimentellen Eingriff gewinnen. Aber es gibt auch das Wissen vom Leben, welches wir dadurch gewin­nen, dass wir uns an ihm beteiligen. Diese zweite Art biologischen Wissens ist ebenso wichtig wie die erste. Sie müsste freilich als Bestandteil einer neuen grundlegenden Wahrnehmungsweise der Natur aufgewer­tet werden. Das vergessen wir heute – im Zeitalter des Human Genome Projects und anderer ruhmrediger Visionen in den Life Sciences – gerne und schnell. Wer neue Erkenntnisse und Therapiemöglichkeiten als durchaus ehrenwerte Ziele der Stammzellenforschung beschwört, sollte sich doch auch einmal Rechenschaft geben über jene Krankheiten, welche auf diese Weise nicht bekämpft werden können.

Forschung möchte sich alle Möglichkeiten offen halten, die Grenzen der Arten aufzuheben. Aber, so sagte Friedrich Dürrenmatt, das Mögliche ist das Ungeheure. Und es beginnt im Kopf, nicht im Labor.

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