Vergeltung würde die Iran-Kritiker nur stärken

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Vergeltung würde die Iran-Kritiker nur stärken

Von Peter Philipp, 03.01.2020

Es sind bekannte Töne, die seit der Tötung des Chefs der iranischen Al Quds-(Jerusalem)-Brigaden, Qassem Soleimani, von den beteiligten Parteien zu hören sind.

Das Washington Donald Trumps brüstet sich damit, einen Mann beseitigt zu haben, auf dessen Konto unzählige amerikanische Kriegsopfer gingen und in den Reihen der Demokraten beschränkt man sich mehr oder weniger darauf, Trump vorzuwerfen, ohne Zustimmung des Kongresses den Befehl zum Angriff gegeben und damit zu einer gefährlichen Erhöhung der Spannung im Konflikt mit dem Iran beigetragen zu haben.

Der Oberste Führer des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, hingegen – wie nicht anders zu erwarten – verurteilt den Angriff der Amerikaner als Akt des Terrorismus, der nicht ungesühnt bleiben werde. Ins gleiche Horn stossen auch Präsident Rouhani und Aussenminister Sarif, beide keineswegs immer auf derselben Wellenlänge mit Chamenei: Auch sie sprechen von Terror und Vergeltung.

Wiederbelebung der irakischen Anti-US-Miliz

In Bagdad selbst, wo die 22-jährige Karriere des Chamenei-Vertrauten Soleimani als ranghöchster Offizier des Iran ihr blutiges Ende fand, mahnt unterdes Ministerpräsident  Abd al-Mahdi, die Vereinigten Staaten hätten mit diesem Angriff eindeutig gegen die Vereinbarungen beim Abzug des Gros der US-Truppen aus dem Irak verstossen. Mahdi, der in Folge der heftigen Proteste und Demonstrationen von Seiten der Bevölkerung bereits seinen Rücktritt angekündigt hat, hat nun mit weiterer Belastung der Beziehungen zu den USA zu rechnen.

Mit Soleimani war auch der stellvertretende Chef einer dem irakischen Präsidenten unterstehenden schiitischen Miliz umgekommen. Einer der prominentesten Schiitenführer des Irak, Moktada As-Sadr hat angekündigt, seine Miliz der „Mahdi-Armee“ wiederzubeleben, die von 2004 bis 2008  gegen die US-Besatzer im Irak gekämpft hatte und deren rund 60’000 Mann als die gefährlichsten Widersacher Washingtons im Irak nach dem Sturz Saddam Husseins galten.

Gebrochenes Versprechen

Angesichts dieser Entwicklungen dürfte sich so mancher an den Kopf fassen, wenn er die Beteuerung Donald Trumps liest, dieser wolle keinen Krieg. Natürlich sind offene Kriegsdrohungen heutzutage nicht sonderlich geeignet zur Image-Aufbesserung eines Politikers. Besonders dann, wenn er sich – wie Trump – anschickt, für eine zweite Amtszeit zu kandidieren, und die Wähler sicher nicht vergessen haben, dass er den Rückzug aus den Konflikten im Orient versprochen hatte.

Nichts dergleichen freilich ist geschehen. Statt dessen hat der US-Präsident mit einer Verlegung einer relativ kleinen Gruppe von US-Militärs aus Nordsyrien (nicht aber deren Rückkehr in die USA) den türkischen Einmarsch dort ausgelöst. Ferner hat Trump erst kürzlich die Vergrösserung des US-Kontingents in Saudi-Arabien angekündigt, und das amerikanische Militär hat begonnen, schiitische Milizen im Irak anzugreifen.

Überfall auf US-Militärs im Dezember

Hiermit wurde eine Eskalation ausgelöst, deren weiterer Verlauf ebenso wenig vorhersehbar ist wie ihr Ergebnis: Offiziell erklärte Washington nach dem ersten Angriff, dies sei die Vergeltung für einen Überfall auf US-Militär, bei dem ein (nicht näher identifizierter) amerikanischer „Firmenvertreter“ umgekommen sei.

Beim Gegenangriff starben über ein Dutzend Iraker. Makaber, wenn man daran denkt, dass Trump vor Monaten noch einen Vergeltungsangriff für den Abschuss einer US-Drohne durch den Iran mit der Begründung ablehnte, die vermutete Zahl der möglichen Opfer sei doch ein zu hoher Preis.

Erinnerung an die Besetzung der US-Botschaft in Teheran

Der Preis ist längst gestiegen und er schreckt Trump offenbar ebenso wenig ab wie die Gegenseite. Nach dem US-Gegenangriff versuchten schiitische Milizen, die US-Botschaft in Bagdad zu stürmen. Der Botschafter wurde evakuiert, es entstand offenbar auch kein nennenswerter Schaden, aber mit einiger Sicherheit wurden bei manchen Amerikanern Erinnerungen an die Besetzung der US-Botschaft in Teheran nach der Revolution wachgerufen.

Die Fälle sind nicht wirklich vergleichbar, verbunden mit dem Vorwurf Trumps, hinter allem stecke der Iran, könnten sie dem US-Präsidenten aber dazu dienen, seine eigene Verantwortung für die erneute Eskalation kleinzureden und sich selbst stattdessen als der Mann zu präsentieren, der Teheran rechtzeitig und entschieden Einhalt bietet.

Ruf nach Vergeltung

Nur so kann es Trump gelingen, von Wankelmut bedrohte Wähler doch bei der Stange zu halten und seine Wiederwahl sicherzustellen. Aber von Trump alleine hängt das natürlich nicht ab. Da ist der Irak, der bei einer Fortsetzung der letzten Entwicklungen immer mehr zu einem Ersatz-Schlachtfeld für die USA und Iran wird, und da ist der Iran selbst, der daran kein Interesse haben sollte, weil solche Dinge nicht an internationalen Grenzen Halt machen und früher oder später doch auch auf den Iran überschwappen.

Seit dem Rückzug Trumps aus dem Atomabkommen mit dem Iran und dem wachsenden Druck der USA und der internationalen Sanktionen hatte der Iran es verstanden, zwar Kritik zu üben, aber nicht mit Gewalt zu drohen. Dies hat sich mit der Ermordung Soleimanis geändert: Aus Teheran sind Rufe nach Vergeltung zu hören. Als ob man nicht wisse, dass solche Worte – und mehr noch solche Taten – die Gegenseite nur stärken und die Situation nur noch verfahrener machen.  

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