Verfassungstreuer Geschlechtsverkehr

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Verfassungstreuer Geschlechtsverkehr

Von Armin Wertz, 26.08.2016

Wieder einmal sorgen sich strenge Muslime um die Keuschheit ihrer Landsleute und brillieren dabei mit unglaublicher Ignoranz.

Es trug sich im Fastenmonat Ramadan zu, kurz vor Sonnenuntergang. Die junge Frau besuchte ihren Freund und Liebhaber. Doch als er ihr einen leichten Begrüssungskuss auf die Wange hauchen wollte, wich sie entsetzt zurück und deutete energisch auf ihre Armbanduhr. Die Zeit des Fastenbrechens hatte noch nicht begonnen. Sie ging ins Schlafzimmer, an dessen Decke der Pfeil aufgemalt war, der nach Mekka zeigt. Dort rollte sie ihren Sajadah (Gebetsteppich) aus, zog sich die weisse Abaya über die Jeans und Bluse, berührte mit ihrer Stirn dreimal den Boden und verrichtete das Magrib (Gebet vor Sonnenuntergang). Als sie fertig war, rollte sie den Sajadah wieder zusammen, schlüpfte aus der Abaya und hüpfte fröhlich ins Bett: „Jetzt können wir Liebe machen.“

An solch freier Lebensweise nehmen gläubige Mulime gerne Anstoss. „Unsere Freiheit hat ihre Grenzen, wo sie gegen moralische und religiöse Werte verstösst. Diese Einschränkung ist in der Allgemeinen Menschenrechtserklärung nicht zu finden. Damit weicht sie völlig von unserem Konzept der Menschenrechte ab“, führte Patrialis Akbar, Richter und Politiker vor dem Verfassungsgericht in Jakarta aus, wo derzeit über die Änderung der Artikel 284 (ausserehelicher Geschlechtsverkehr), 285 (Vergewaltigung) sowie 292 (sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gleichen Geschlechts) des Strafgesetzbuches verhandelt wird. „Daher ist die Anwendung der universalen Menschenrechte gefährlich, weil sie nicht auf den religiösen Normen aufbauen. Wir sind kein säkulares Land. Dieses Land respektiert die Religion.“

Zu liberal

Zunächst hatten „Experten, Juristen und Professoren“, die sich in einer Gruppe „Allianz der Liebe zur Familie“ zusammengeschlossen hatten, bei der Regierung diesen Gesetzesänderungsvorschlag eingereicht. Das zuständige Ministerium für Justiz und Menschenrechte lehnte eine Überprüfung des Gesetzes ab. Die Antragsteller sollten stattdessen ihre Vorschläge direkt beim Repräsentantenhaus einreichen, das derzeit ohnehin eine Überarbeitung des Strafrechts diskutiere.

Nach Auffassung der Antragsteller sind die Regierung Indonesiens, ihre Landsleute und das Rechtssystem des Landes eindeutig „zu liberal“. Ihre Landsleute frönen zu freizügig ihrem gesunden Sexualleben. Indonesiens synkretistischer Islam enthält bis heute animistische, hinduistische und buddhistische Elemente, was strenge muslimische Moralhüter nun veranlasste, wieder einmal dagegen zu Felde zu ziehen. Ihre Regierung schaut dem munteren Treiben gelassen zu. „Ich war schon ein wenig sauer“ über die Antwort der Regierung, murrte ein anderer Richter und Moralapostel. Ein Vertreter des Ministeriums habe ihm gesagt, man solle den Leuten nicht verbieten Zinah (ausserehelichen Sex) zu haben und sie nicht als Kriminelle sehen. „Das ist schon ärgerlich. Ich denke, solcher Sex ist ein Verbrechen.“

Die Folge von Zinah aber seien oftmals „unerwünschte Schwangerschaften“, argwöhnte Asorun Ni’am Sholeh, der Vorsitzende der Indonesischen Kommission zum Schutz des Kindes (KPAI). „Ein solches Kind ist später Erniedrigungen und Beleidigungen der Gesellschaft ausgesetzt.“

Hamid Chalid von der Universität von Indonesien in Depok, in der Presse als Verfassungsexperte bezeichnet, fand schliesslich auch den Grund für den laxen Umgang mit den lasterhaften Zuständen in indonesischen Betten. Das „viel zu liberale Strafgesetz“ stammt noch aus der Kolonialzeit und wurde 1946 von den Holländern geschrieben. Der wackere Verfassungsexperte hatte gar noch Schlimmeres beobachtet: „Unser Land hat ausserehelichen Geschlechtsverkehr und Sex unter Gleichgeschlechtlichen in aller Stille legalisiert. Unser Gesetz ist so liberal, weil wir es zu lange zugelassen haben.“

Heuchelei und Ignoranz

Für seinen Kollegen von der Padjadjaran-Universität in Bandung, Atip Latipulhayat, ist klar, dass „LGBT nicht die gleichen Rechte wie andere indonesische Bürger haben. Lesbisch, schwul, bisexuell oder transsexuell zu sein, ist kein Menschenrecht. Unser Gesetz legt eindeutig fest, dass eine Ehe zwischen Mann und Frau geschlossen wird.“

Abenteuerliche Argumente werden da vorgetragen. Die LGBT-Bewegung, so einer dieser sogenannten Experten, sei „historisch von Juden in den USA ins Leben gerufen“ worden. Die Komnas HAM (Nationale Menschenrechtskommission) und die Komnas Perempuan (Nationale Kommission gegen Gewalt gegen Frauen) förderten Heiraten unter Gleichgeschlechtlichen. Die Dermatologin Dewi Inong Irana behauptete, gleichgeschlechtlicher Verkehr führe zu sexuell übertragenen Infektionen und zu HIV/Aids und forderte verfassungstreuen Geschlechtsverkehr: „Ist Analverkehr überhaupt mit den Prinzipien von Pancasila *) vereinbar?“

Zwar klassifiziert die Psychologie LGBT-Orientierung nicht als Geistesgestörtheit und lehnt die sogenannte Konversionstherapie mit ihrem Anspruch auf Änderung der sexuellen Orientierung und Reduzierung der Neigung zu gleichgeschlechtlichem Sex strikt ab. Doch der indonesische Experte und Psychologe Dadang Hawari behauptete, unbeeindruckt von solchen wissenschaftlichen Erkenntnissen, Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle „leiden an einer ansteckenden mentalen Erkrankung, die therapeutisch behandelt“ werden könne. „Eine vollständige Genesung kann aber nur durch ‚bertaubat‘ erreicht werden“, wenn sich die Betroffenen völlig Gott unterwerfen.

Muslimische Eheanbahnung

Solch makaber-groteske Sorge um die eheliche Treue und die angeblich muslimisch-korrekte sexuelle Orientierung ist nicht neu in Indonesien. Es ist der ständig wiederkehrende Ruf der muslimischen Mehrheit, auch Andersgläubigen die Vorschriften des Koran aufzuzwingen. In der Provinz Aceh auf Sumatra galt schon immer die Scharia, in Teilen Westsumatras werden auch Schülerinnen, die dem christlichen Glauben anhängen, gezwungen, beim Schulbesuch den Jilbab zu tragen. In Cianjur in Westjava und Tangerang, dem riesigen Industrievorort Jakartas herrschen Verhältnisse vergleichbar jenen unter Afghanistans Taliban.

Selbst die Zentralregierung beugte sich dem Druck der islamischen Strasse und erliess schon vor acht Jahren ohne Rücksicht auf die verschiedenen nicht-muslimischen Minderheiten etwa in Bali, auf Borneo oder Westpapua mit ihren sehr unterschiedlichen Kulturen ein Gesetz, in dem „Zeichnungen, Skizzen, Illustrationen, Fotografien, Texte, Stimmen, Geräusche, Filme, Animationen, Karikaturen, Gedichte, Unterhaltungen, Gesten oder andere Formen kommunikativer Mitteilungen durch die verschienen Medien sowie Darstellungen in der Öffentlichkeit, die zu Obszönität oder sexueller Ausbeutung anregen oder in der Gesellschaft gegen die Moral verstossen könnten“, als Pornographie definiert werden.

Doch viele der strengen muslimischen Vorschriften können ganz legal und offenbar auch im Einklang mit dem Koran umgangen werden. In Java ist die Ehe auf Zeit sehr verbreitet, bei der die Partner einen Ehevertrag auf ein paar Wochen oder Monate schliessen. Vizepräsident Jusuf Kalla riet Witwen oder geschiedenen Frauen, die wenig Chancen auf Wiederverheiratung  haben, sogar einmal, mit Touristen aus den reichen Ölstaaten, die gerne auf Java urlauben, solche Zeitehen einzugehen. Da könnten „sie ein bescheidenes Haus bekommen, und die Kinder aus solchen Beziehungen werden gute Gene haben. Aus diesen hübschen Jungen und Mädchen werden später vielleicht einmal Fernsehschauspieler.“ (In Erwartung ihrer helleren Hautfarbe könnten sie bessere Chancen beim Casting haben.)

 *) Die fünf Prinzipien von Pancasila (Nationalismus, Humanismus, Demokratie, soziale Gerechtigkeit und der Glaube an einen Gott) wurden einst von Staatsgründer Sukarno entwickelt und gelten als Verfassung.

Kommentare

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