Veränderungen selber in die Hand nehmen

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Veränderungen selber in die Hand nehmen

Von Christina Marchand, 09.11.2017

Während die internationale Klimapolitik auf der Ebene der Staaten harzt, erzeugen Initiativen von unten zunehmend Wirkung. Auch der und die Einzelne kann etwas tun.

In Bonn findet diese Woche die jährliche Klimakonferenz COP23 statt. 2015 in Paris an der COP21 konnte ein Abkommen zwischen fast allen Ländern (196) abgeschlossen werden, welches mittlerweile von allen beteiligten Staaten ratifiziert wurde. Anstatt endlich an die Umsetzung zu gehen, gibt es nun aber wieder Diskussionen, da neben dem grossen Wackelkandidaten USA viele Staaten zwar Zusagen zum Zwei-Grad-Ziel machen, aber keine ausreichenden Massnahmen planen. Andere wiederum machen ihre Zusagen von anderen Staaten abhängig. Auf diese Art steuern wir derzeit eine Welt mit deutlich höheren Temperaturen an.

Erstarkender Widerstand

Gleichzeitig steigt durch die erstarkende Klimabewegung der Druck auf die Regierungen. Zu Beginn der Konferenz gingen in Bonn 25’000 Menschen auf die Strasse, um vor allem für einen schnellen Ausstieg aus der Kohleverstromung zu demonstrieren. Immer mehr Bürger realisieren die Dringlichkeit angesichts der mittlerweile weltweit sichtbaren Auswirkungen des Klimawandels. Auch in den USA gab es dieses Jahre bereits riesige Demonstrationen für den Klimaschutz mit über 300’000 Menschen.

In der Schweiz wurden in den letzten Jahren ebenfalls neue Bewegungen gegründet, die sich mit etablierten Organisationen in der Klima-Allianz zusammengeschlossen haben. Christian Lüthi, Präsident der Klima-Allianz erklärt: „Der Masterplan Klima-Allianz 2016 zeigt, dass der Finanzplatz Schweiz den grössten Hebel für Klimaschutz in der Schweiz bietet, da die mit der Finanzindustrie in Verbindung stehenden Emissionen rund zwanzigmal mehr als die hiesigen Inlandemissionen ausmachen. Deshalb bündelt die Klima-Allianz ihre Kräfte, um den Finanzplatz zu desinvestieren. Die Pensionskassen und die Nationalbank sind Ziel der aktuellen Kampagne, da sie viele Milliarden Schweizerfranken in die Kohle-, Erdöl- und Erdgasindustrie investieren.“

Divestment

Angetrieben wird die Entwicklung von der vor wenigen Jahren gegründeten NGO fossil-free.ch, die eng mit der gleichnamigen internationalen Kampagne von 350.org zusammenarbeitet. Das Hauptziel des Vereins ist, alle grossen Investoren in der Schweiz anzusprechen und auf die Risiken der Anlagen im Bereich der fossilen Energien hinzuweisen. Dabei spielen sowohl der Umweltgedanke wie auch die finanziellen Risiken eine Rolle. Allein in den letzten Jahren haben zum Beispiel Kohlekraftwerke weltweit massiv an Wert verloren; einige mussten sogar schliessen. Das stellt natürlich ein beträchtliches Risiko für die Altersguthaben der Schweizer Bevölkerung dar. 

„Fossil-free“ vereinigt Menschen aller Altersgruppen und politischen Ausrichtungen. Im Vorstand finden sich Senioren sowie junge Studenten. Organisiert werden die zahlreichen Veranstaltungen mehrheitlich durch Freiwillige. So hat „Fossil-free“ unter anderem die grosse Klimademo in Zürich im Winter 2015 mit über 2’000 Menschen organisiert. Mittels Dokumentarfilmen und spektakulären Aktionen versucht die NGO, die Menschen auf die Gefahren des Klimawandels aufmerksam zu machen, aber auch aufzuzeigen, dass es sehr einfach sein kann, etwas zu tun, indem man beispielsweise sein Konto wechselt, das Geld anders anlegt oder bei einer Petition mitmacht.

Vielfältige Klima-Initiativen

Die „KlimaSeniorinnen“ fordern mittels Klage die Grundrechte auf ihr unversehrtes Leben und den Erhalt ihrer Umwelt ein. Besonders ältere Menschen leiden sehr unter Hitzewellen und sind daher von einer Klimaerwärmung stark betroffen. Auch in anderen Ländern klagen Bürger gegen ihre Regierungen, weil diese nicht genug gegen die Klimaerwärmung tun, unter anderem in den USA (Our Children’s Trust) und in Norwegen. In Neuseeland hat die Rechtsstudentin Sarah Thomson geklagt und gerade jetzt in erster Instanz verloren. Sie will den Fall weiterziehen. In Holland hat vor zwei Jahren die Klage von „Urgenda“ für weltweites Aufsehen gesorgt. Die kleine niederländische Umweltorganisation forderte vom Staat eine 25-prozentige Reduktion des CO2-Ausstosses bis ins Jahr 2020 – und bekam recht.

Einen anderen Weg geht die Organisation „Myblueplanet“, die seit 2006 in der Schweiz konstruktiven Klimaschutz „bi de Lüt“ betreibt. Mit über 2’000 engagierten Freiwilligen werden Projekte umgesetzt, die einfache Handlungsmöglichkeiten im Alltag aufzeigen. Unter dem Motto „Jede Zelle zählt“ werden Solaranlagen auf Schulhausdächern geplant, mit „Jedes Kilo zählt“ Freundeskreise zum CO2-Sparen motiviert, in „Bluecamp“ Lehrlinge zum Klimaschutz inspiriert, im Rahmen von „Bike4Car“ E-Bikes gegen das Auto ausgetauscht und mit dem „Klimamenu“ auf den CO2-Ausstoss unserer Nahrungsmittelproduktion hingewiesen. „Myblueplanet“ engagiert dabei Menschen in jedem Alter und versucht lokal erfolgreiche Projekte durch Vernetzung mit Partnern zu nationalen Kampagnen zu machen.

Dienstleistungen und Aufklärung

Schon vor etwas längerer Zeit ist „Myclimate“ als Schweizer Stiftung aus der Idee der CO2-Kompensation hervorgegangen und mittlerweile zu einer beachtenswerten internationalen Initiative herangewachsen, die pro Jahr über 12 Millionen Franken umsetzt. Aus der reinen Kompensation mit den dazugehörigen internationalen CO2-Einsparungsprojekten, wie Biogasanlagen oder Aufforstungsprojekten, ist mittlerweile eine breite Dienstleistungspalette entstanden. So bietet „Myclimate“ sowohl Kinder- wie Erwachsenenbildung, aber auch KMU-Umweltberatung und vieles mehr. „Myclimate“ hat 2016 weltweit rund eine Million Tonnen CO2-Emissionen reduziert.

In diesem Zusammenhang sind auch zu erwähnen: die Westschweizer Organisationen „Association Climat Geneve“ und die „Coordination Climat Justice Sociale“, die lokale Veranstaltungen und Informationskampagnen durchführen. „Care for Climate“unterstützt Projekte im globalen Süden und informiert über den Klimawandel. Das jährlich stattfindende „Klimacamp“ vernetzt Aktivisten und zeigt auf praktische Art, wie ein einfaches Leben im Einklang mit der Erde möglich ist. Mit den „Climate Games“ soll auf spielerische Weise ziviler Widerstand für ein stabiles Klima erprobt werden. Die Spiele fanden diesen September in Basel statt. Auf der effizienten Webseite climatiq.ch kann man mittels automatisiert gesammelten Artikeln und Berichten über den Klimawandel jederzeit über alle Aspekte des Klimawandels informiert bleiben. „Climate-KIC“ unterstützt mit dem Schweizer Ableger Innovationen zum Klimaschutz und hilft Start-Ups.

Auch die grossen NGOs wie Greenpeace und WWF leisten wertvolle Arbeit in diesem Bereich. Die Ergänzung durch neue Organisationen bringt Dynamik und spricht die Menschen auf andere Art an. Es bleibt spannend zu beobachten, wie die neuen Akteure helfen, die Schweizer Klimaziele zu erreichen und die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren.

Kommentare

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Syrien ist zwischenzeitlich dem Pariser Klimaabkommen beigetreten. Die USA haben sich angeblich isoliert.
Vermutlich hat niemand letzter Zeit soviel Sarin freigesetzt wie B. al-Assad.
Möglicherweise ist Sarin sogar nur schädlich für Menschen, ansonsten aber umweltneutral und damit kein Verstoss gegen das Pariser Klimaabkommen...
Aber eine Veranstaltung, die mit Leuten wie B. al-Assad den Planeten wieder gross machen wollen, ist im höchsten Masse suspekt.

An der Klimakonferenz von Bonn nehmen 27'000 Leute aus gegen 200 Ländern teil. Mich würde interessieren, wie viele Tonnnen CO2 verbraucht werden, um diese Leute nach Bonn und wieder nach Hause zu bringen? Ob es sich da um ein löbliches Beispiel handelt, wie man von unten und als Einzelperson zunehmend Wirkung für mehr Klimaschutz erzeugen kann...

Hallo Herr Reimann

Sie haben sicher Recht, dass bei solchen Konferenzen sehr viel CO2 entsteht. Es wäre aber fatal, wenn nun alle Konferenzen, die sich mit unserer Umwelt beschäftigen nicht stattfinden würden, aber alle anderen Konferenzen, denen die Umwelt egal ist, durchgeführt werden. Denn das Ziel ist es ja, durch die Konferenz Regeln einzuführen, die in weitaus grösserem Mass der Umwelt zugute kommt, als diese Konferenz schaden könnte. Alleine, dass nun fast alle Ländern den Klimaschutz als wichtig und dringend anerkannt haben, ist schon ein gigantisches Ergebnis der Konferenz. Wichtig ist weiterhin, dass jeder Einzelne, dem das Klima und damit unsere Erde am Herzen liegt, einerseits selber am Ball bleibt, andererseits aber auch darüber redet und den Druck auf die Politik aufrecht erhält. Denn nun auf Freiwilligkeit und ohne die richtigen Gesetze wird das nichts mit dem Klimaschutz.

Lieber Herr Reimann, es sollen die Menschen also sich doch bitte nicht in die Geschäfte der Grossen und Reichen einmischen und dann selber noch Umweltzerstörung betreiben. Meinen Sie das? Lieber Privatfernsehen und Privatradio hören und sich mit Seichtblödsinn zufriedengeben. Wenn das alles ist was Sie für unsere Nachkommen an Kommentar zur drohenden Katastrophe übrig haben, dann gute Nacht.

Liebe Frau Bader

Genau, es ist wichtig, dass wir uns einmischen. Das geht natürlich auch lokal, aber ab und zu muss man sich auch treffen und auf nationaler und internationaler Ebene zusammen kommen. Soweit mir übrigens bekannt ist, wird vom überwiegenden Teil der teilnehmenden Länder der CO2 Ausstoss kompensiert.

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